Vogelsbergkreis. Regierungspräsident Dr. Lars Witteck zeigte sehr großes Interesse an der Vogelsberger Energiepolitik, als er sich vor wenigen Tagen von Landrat Rudolf Marx die Verzahnung der beiden Projekte „Prograss“ und „Naturschutzgroßprojekt chance natur“ (wir berichteten mehrfach) erläutern ließ. Witteck lobte den Ansatz, nach neuen Wegen der nachhaltigen Energiegewinnung zu suchen und gleichzeitig dabei Impulse für die Entwicklung des ländlichen Raums zu setzen. Der RP sagte zu, auf Landesebene das mit der Uni Kassel entwickelte Forschungsprojekt Prograss nach seinen Möglichkeiten zu unterstützen. Landrat Marx betonte: „Wir brauchen eine stabile und bezahlbare Energieversorgung.“ Hierzu könne Bioenergie einen guten Anteil leisten. Marx betonte darüber hinaus erneut, dass er kein genereller Gegner von Windenergie sei. „Es geht mir nur um eine gerechtere Verteilung im Lande Hessen“, machte er deutlich.
Die Kombination neuer Wege der Energiegewinnung, der Erhaltung der Landwirtschaft und der Kulturlandschaft bei Erhöhung der regionalen Wertschöpfung – über diese grundsätzliche Orientierung waren sich der RP, der Landrat, Landtagsabgeordneter Manfred Görig und die Fachleute in der Frischborner Zentralstation vollständig einig. „Von dem, was hier an zusätzlicher Energie hergestellt wird, muss unser Landkreis einen starken geldwerten Vorteil haben. Dafür müssen wir unseren regionalen Investor, die OVAG, ins Boot holen“, unterstrich Görig bei der Besichtigung der Demonstrationsanlage auf den Sonnenhof bei Frischborn. Dort wird unter der Obhut der Universität Kassel in einem europaweit einzigartigen Forschungsvorhaben nach dem effizientesten Weg gesucht, unter Nutzung von Extensiv-Grünland sowohl Strom als auch – und vor allem – möglichst energiereichen Brennstoff in fester Form herzustellen.
Der Leiter des Amtes für den ländlichen Raum, Karl-Peter Mütze, hofft mit den neu gewonnen Informationen speicherbare Energie und somit regionale Wertschöpfung zu erzielen. Denn die Verwertung des Naturschutzgrünlandes durch Tiere allein sieht Mütze als nicht gesichert an. Kreislandwirt Norbert Reinhardt hob die Wichtigkeit der Wirtschaftlichkeit des neuen Bioenergieprojekts hervor.
Sebastian Stang stellte die gelungene Verbindung dieses Forschungsprojekts mit den Vorhaben des Naturschutzgroßprojekts „chance natur“ her. Ziel sei die Bewahrung der einzigartigen Kulturlandschaft mit seiner extrem hohen Artenvielfalt bei gleichzeitiger Entwicklung neuer Einkommensmöglichkeiten für die heimischen Landwirte. Immer weniger Landwirte machten die Bewirtschaftung immer komplizierter. 1950 habe der Anteil der Landwirte an den Erwerbspersonen noch bei 30 Prozent gelegen – jetzt seien es nur noch sechs Prozent. Es gelte, die Grünlandflächen offen zu halten und die Kulturlandschaft – auch unter Gesichtspunkten des Tourismus – zu schützen. Gleichzeitig müsse es neue Vermarktungsmöglichkeiten geben. Dabei seien die Pellets aus Prograss eine gute Variante.
Projektleiter Stang, Karl-Peter Mütze, Leiter des Amtes für den ländlichen Raum, die Energie-Projektleiter Lorenz Kock und Peter Momper (Bioenergieregion Mittelhessen) und Professor Dr. Michael Wachendorf hofften in Frischborn gemeinsam mit RP und Landrat auf eine baldige Praxistauglichkeit des Forschungsvorhabens, in das mehrere Doktoranden sozusagen ihre ganze persönliche „Energie“ investieren. Doktorand Lutz Bühle bezeichnete den Vogelsberg als „unser Basislager“, das bereits über 700 Fachleute in Augenschein genommen hätten. Auch das Interesse der heimischen Landwirte bewertet Projektleiter Kock als „erfreulicherweise sehr groß“. Professor Wachendorf machte deutlich: „Unser gesamtes Projekt ist keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.“ Aus seiner Sicht wäre es gut, wenn die Grünrandstreifen an allen Kreis-, Landes- und Bundesstraßen langfristig mit als Energielieferant für Prograss herangezogen werden könnten.
Die mobile Prograss-Anlage war im März 2010 von der Uni Kassel in Frischborn errichtet worden und zwischenzeitlich auch in den Partner-Forschungsregionen in Wales und Estland im Einsatz, um dort spezifische Erkenntnisse über die Verwertbarkeiten unterschiedlicher Flora zu gewinnen. „Unser klares Ziel ist ein vermarktungsfähiger Festbrennstoff mit ähnlichem Brennwert wie Buchenholz“, machte Bühle deutlich. Schon jetzt sei klar, dass bei der Stromerzeugung die Energiebilanz dreimal so gut ausfalle wie bei bisher eingesetzten Biogasanlagen.
Nähere Informationen gibt es hier: www.Prograss.eu und über Diplom-Ingenieur Lorenz Kock, lorenz.kock@vogelsbergkreis.de.