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Geglückter „Lebens-Neustart“ – Eine Reportage aus der Arbeit der KVA

080404_reportage.jpgVogelsbergkreis. Herr G. ist überglücklich: „Mir geht es wieder gut, ich wusste gar nicht mehr, dass es dieses Leben auch noch gibt!“ Mit „diesem Leben“ meint Herr G. ein Leben ohne Drogen, mit einem geregelten Tagesablauf und einer Beschäftigung: Er hat Anfang des Jahres seine Umschulung im Vogelpark Schotten begonnen, die ihm die Rentenversicherung bewilligt hat.

In 2009 kann er die Prüfung zur „Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung in Werkstätten für behinderte Menschen“ ablegen. Doch bis hierher war es ein weiter Weg.

Landrat Rudolf Marx, Dezernent für die Kommunale Vermittlungsagentur, freut sich über den persönlichen Erfolg von Herrn G. Beispielhaft werde hier deutlich, dass ein erfolgreicher „Lebens-Neustart“ durch zuverlässige Hilfe von KVA Schottener Reha und vor allem durch das Entdecken der eigenen Kräfte“ möglich geworden sei.

Die hervorragende Netzwerkstruktur unterschiedlicher Einrichtungen im Vogelsbergkreis und die hohe Kompetenz aller handelnden Personen zeige erneut die Richtigkeit, „dass wir mit der Option, also mit der eigenen Zuständigkeit für Arbeit suchende Menschen, genau auf dem richtigen Weg sind“, stellt der Landrat heraus. Der Landkreis mit seiner KVA sei erfolgreich und könne Menschen neue Perspektiven bieten, „weil wir die Ressourcen in der Region konsequent in die Arbeit unserer Kommunalen Vermittlungsagentur integrieren“, so Marx.

Herr G. erzählt freimütig seine Lebensgeschichte, die seit seiner Konfirmandenzeit von Alkohol- und Drogenkonsum geprägt war: „Damals ging es mit Alkohol los, jedes Wochenende. Es ging dann eigentlich nur noch bergab bis zu meinem 47. Lebensjahr“, erinnert er sich. Eine typische Drogenkarriere nahm ihren Lauf: Vom Alkohol ging es über LSD und Kokain bis schließlich zum Heroin. Geld zur Beschaffung war zunächst noch aus dem eigenen Geschäft da, bis er es schließlich wegen der angehäuften Schulden schließen musste.

Der totale Einbruch kam Ende 2005, als Herr G. „noch mal alles und davon auch noch zu viel“ genommen hatte: Er wurde nach Gießen ins Krankenhaus eingewiesen, hatte „bitterböse Halluzinationen“ und sollte aus dem Krankenhaus heraus direkt weiter zu Entgiftung und Entzug. „Bis zur Zusage der Rentenversicherung für den Entzug musste ich rund sechs Wochen überstehen“, erzählt Herr G., „ich habe ich mich zu Hause eingeschlossen aus Angst vor einem Rückfall.“

Dann sollte er zur Adaption und Wiedereingliederung in eine Klinik in Eschenburg. Nach nur drei Tagen brach er die Adaption (= letzte Phase einer Drogenentwöhnungsbehandlung) ab und nahm Kontakt mit der Kommunalen Vermittlungsagentur auf, um nach gangbaren Alternativen zu suchen.

Hier traf er auf die Rehaberaterin Doris Haberzettl, die gemeinsam mit Herrn G. und dem zuständigen Vermittler Holger Will nach einem anderen Weg suchte und ihn auch fand. „Zunächst einmal mussten wir einen Weg finden der Rentenversicherung zu beweisen, dass Herr G. motiviert ist und wirklich an sich arbeiten will“, schildert Doris Haberzettl den Beginn der Zusammenarbeit.

Diese Bewährungsprobe für das Durchhaltevermögen war schließlich ein rund halbjähriges Praktikum, das in Absprache mit Cornelia Reinders, Bereichsleiterin der Werkstatt für behinderte Menschen in der Gemeinnützigen Schottener Reha im dortigen Vogelpark stattfinden konnte.

„Herr G. war von Anfang an hoch motiviert und hat die ihm übertragenen Aufgaben sorgfältig ausgeführt. Er arbeitet einfach gerne, eher zu viel als zu wenig, und ist dadurch ein gutes Vorbild für andere“, lobt Frau Reinders. Nach der Praktikumsphase wurde eine gemeinnützige Beschäftigung für Herrn G. im Vogelpark geschaffen. Arbeiten im Gehegebau, beim Anlegen von Wegen sowie bei der Fütterung und Tierpflege gehörten zu den täglichen Aufgaben.

Während dieser Beschäftigung stellte Herr G. seinen Antrag auf Weiterbildung zur Geprüften Fachkraft als Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben durch die gesetzliche Rentenversicherung – unterstützt durch die Fürsprache aller Beteiligten, die ihn auch zum Gespräch nach Bad Nauheim begleiteten, um den Entscheidungsträger bei der Rentenversicherung von Herrn G. und seiner Eignung zu überzeugen.

Bald kommt der Umschulungsvertrag, die Weiterbildung ist bewilligt. Und ein glücklicher Herr G. schmiedet weiter Pläne für seine Zukunft: „Ich will natürlich erst einmal die Prüfung bestehen, dann kann ich vielleicht hier im Haus als Gruppenhelfer arbeiten. Außerdem ist in Zukunft auch wichtig, dass ich wieder einen Führerschein habe.“ Darauf arbeitet er hin, indem er ein Jahr lang Urinproben abgibt und nachweist, dass er drogenfrei ist.

„Ich gehe von Anfang an und bis heute noch regelmäßig in die Selbsthilfegruppe, jede Woche. Wenn einer von den Drogen loskommen will, kommt’s auf ihn selbst an“, ist Herr G. überzeugt. Er habe selbst jede Hilfe angenommen, Therapie gemacht, regelmäßig die Gruppe besucht – alles was ihm helfen konnte durch zu halten, „sonst wäre der Schuss nach hinten los gegangen“.

Auf zwei Dinge ist Herr G. besonders stolz: Darauf, dass seine inzwischen erwachsene Tochter trotz seiner Drogenabhängigkeit stark geblieben und nicht seinem schlechten Beispiel gefolgt ist. Und er ist auch stolz auf sich selbst, darauf, dass er so weit gekommen ist: „Meine Tochter soll sich nicht mehr für mich schämen müssen. Wir bauen jetzt wieder ein gutes Verhältnis zueinander auf – auch dafür lohnt es durch zu halten.“

Das Foto zeigt von links: Michael Schellhaas (WfbM-Mitarbeiter Vogelpark), Cornelia Reinders (Bereichsleiterin der Werkstatt für behinderte Menschen – WfBH – in der Gemeinnützigen Schottener Reha), Herr G. mit einem Schützling, Holger Will (Vermittler in der KVA) und Doris Haberzettl (Reha-Beraterin in der KVA). Foto: Vogelsbergkreis

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