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13 aufregende Tage in Burkina Faso – Reisebericht des Vereins Bufamaschu e.V.

Fulda. Burkina Faso macht Schule“ oder kurz „Bufamaschu“ ist der Name des Vereins, der von Anja und Klaus Listmann im Juli 2007 gegründet wurde. Der in Hosenfeld ansässige Verein will unter anderem Patenschaften vermitteln und die Rahmenbedingungen des Lernens in dem westafrikanischen Staat verbessern. Im Dezember 2010 reisten mehrere Vereinsmitglieder nach Burkina Faso. Lesen Sie hier einen Reisebericht, der von der Vereinsvorsitzenden Anja Listmann verfasst wurde.

Unsere Reise beginnt vor Terminal 2 des Frankfurter Flughafens. Alle neun Reiseteilnehmer sind trotz der Massen Schnee auf den Straßen gut angekommen. Das Einchecken der 18 Koffer – von denen einige zu schwer waren, aber dank der freundlichen Dame von Air France doch mit durften – und der vielen Handgepäckstücke, dauerte einige Zeit. Der Flug von Frankfurt nach Paris verlief ruhig und dort angekommen hatten wir fast vier Stunden Zeit um uns auf die bevorstehenden Tage einzustimmen. Der Flug startete mit einigen Minuten Verspätung. An Bord wurde uns im Verlauf des Fluges mitgeteilt, dass wir fast pünktlich landen würden und dass die Temperatur in Ouagadougou um 21:00 Uhr 30 Grad betrug.

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Der Ausstieg aus dem Flugzeug war aufregend. Was würde uns erwarten? Und da stand doch tatsächlich ein uniformierter Feuerwehrmann auf dem Rollfeld, der ein Schild mit der Aufschrift “Bufamaschu” hochhielt und uns zu einem Bus begleitete. Dieser fuhr uns dann zu einem Nebenraum des Flughafengebäudes, wo uns Silas Keita mit Freunden und Familie begrüßte. Es war ein toller Empfang und Dank der Hilfe einiger Feuerwehrmänner war die Suche nach den 18 Koffern zwar lange, aber nicht ganz so anstrengend. Wir fuhren zum „Pavillon Vert“, unserem Hotel für die nächsten beiden Tage. Gegen 23:00 Uhr tranken wir mit unseren Freunden ein kühles Brakina und krochen dann todmüde unter unsere Moskitonetze und schliefen erschöpft ein.

Tag 2
28.12.2010 – Unser Tag in Ouagadougou

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Das Frühstück im Freien unter großen, Schatten spendenden Bäumen, gab uns neue Kraft. Vormittags besuchten wir kurz das Säuglingsheim, in dem unser Sohn Samuel seine ersten Lebensmonate verbracht hatte, doch das Kindermädchen, das wir treffen wollten, war nicht da und somit vereinbarten wir einen Termin am kommenden Tag. In einer kleinen Bank ganz in der Nähe tauschten wir Geld um und unterhielten uns nett mit dem Leiter der kleinen Union Invest Filiale.

Mittags waren wir zu einer Besichtigung der Feuerwehrstation Ouagadougou eingeladen. Die Präsentation der burkinischen Feuerwehr und deren Organisationsstruktur in Form einer kurzen Powerpointvorführung war sehr interessant und die Verantwortlichen waren sehr bemüht, unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Besonders interessant war dann der Rundgang durch die Feuerwache, das Hauptquartier der nationalen Feuerwehr. Die gesamte Ausrüstung setzt sich aus unterschiedlichen, aus mehreren Ländern gespendeten Fahrzeugen oder Einsatzmitteln zusammen.

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Die Notrufzentrale der 1,1 Millionen Einwohner Stadt Ouagadougou bestand aus einem 4 qm großen Raum, in dem drei Personen an vier unterschiedlichen, ca. 20 Jahren alten Telefonen Gespräche annahmen und Notizen machten. Beim Verlassen des Raumes fielen uns dann drei LKW Batterien auf, die bei einem Stromausfall als vorübergehende Versorgung der Telefonanlage dienen. Zum Abendessen hatte uns Silas zu sich nach Hause eingeladen. Nach dem Essen folgten einige noch der Einladung, in der Stadt ein Konzert zu besuchen, einige fuhren zurück ins Hotel.

Tag 3
29.12.2010 – Auf dem Weg nach Bobo-Dioulasso

Heute besuchten wir Hosenfelds Partnerkindergarten Poulemsongo, um ein Geschenk des Kindergartens Löwenzahn zu überreichen. Anschließend trafen wir Samuels Nounou Faiti und die Leiterin Madame Zongo im Kinderheim Joscheba. Nach einem Gespräch mit Jacques Ouedraogo, Mitglied von „un enfant une education“ holten wir das Gepäck im Hotel ab und machten uns auf den Weg von Ouagadougou ins knapp 400 Kilometer entfernte Bobo-Dioulasso. Hubert und Daniel, zwei Feuerwehrmänner, begleiten uns und wir fühlten uns sicher. Hubert, 32, ist ein sehr guter Fahrer, der sich meist in gefährlichen Situationen auf der Straße zurückhält, Daniel (26) ist allein aufgrund seiner beiden Waffen (1 Pistole, 1 Gewehr) eine Respektsperson, aber ebenso wie Hubert sehr freundlich und hilfsbereit.

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Die Fahrt verlief (bis auf einige umgestürzte LKW am Straßenrand) ohne Zwischenfälle und in Boromo gab‘s ein verspätetes Mittagessen mit den berühmten „petits poids“, diesmal allerdings weniger köstlich als vor zwei Jahren. Da wir relativ spät abgefahren waren, wurde es vor unserer Ankunft in Bobo dunkel. Dies wollten wir vermeiden und wussten nach einigen Minuten Fahrt bei Dunkelheit warum: Fußgänger, Eselkarren, Radfahrer, Mopedfahrer, Autos ohne Licht, kaum zu erkennen, an den Straßenrändern brannten Feuer (um das hoch gewachsene Gras zu entfernen und so freilaufende Tiere besser sehen zu können, erklärte uns unser Beifahrer Daniel). Kurz vor Ankunft in Bobo nahmen wir dann telefonisch Kontakt mit Saga Zaba auf, der uns gemeinsam mit Nana und Souleymane am Stadtrand von Bobo traf. Was für eine Freude, als wir uns wiedersahen. Das Einchecken im Hotel „Villa Rose“ war für uns alle überraschend, da die Zimmer, im Gegensatz zu jenen in Ouaga sehr sauber und in gutem Zustand waren.

Tag 4
30.12.2010 – Der Crosslauf

Aufstehen um 6:30 Uhr, Frühstück um 7.00 und pünktlich um 8:00 kam Nana zum Hotel und teilte uns mit, dass wir nun gemeinsam mit ihm zum Stadion fahren würden, wo der Crosslauf stattfindet. Die Taschen gefüllt mit Kulis, Stiften, Mützen, Luftballons und anderen kleinen Geschenken machten wir uns auf den Weg. Als wir zum Veranstaltungsort kamen, sahen wir von Weitem bereits mehrere hundert Kinder, die – als sie unseren Bus kommen sahen – auf uns zu rannten und uns umringten.

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Viele Kinder streckten uns die Hände hin, wollten uns begrüßen, anfassen, waren teils scheu, teils ungestüm, und himmelten unsere Tochter Emma an. Sie stand wegen ihrer blonden Haare im Mittelpunkt und ließ sich von allen, die es wollten, an den Händen, Armen oder Haaren anfassen. Vielen Kindern fielen ihre blauen Augen auf, anderen berührten immer wieder ihre Haare. Wir verließen nochmals kurz den Vorplatz des Stadions, um Material für die Verteilung nach dem Lauf zu holen. Dabei fuhren wir auch am Näherinnen-Atelier vorbei und sahen zum ersten Mal den Klassenraum mit den Näherinnen und Nähmaschinen in Realität.

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Nana führte uns außerdem zu einem kleinen Gebäude, in dem der Inhalt des Containers, der am 27.12.2010 angekommen war, lagerte. Es war für alle der Gruppe beeindruckend, all die Dinge wieder zu sehen, die fast zwei Monate zuvor in den Container eingeladen wurden. Ausgerüstet mit weiteren hunderten Kugelschreibern und anderen Schulmaterialien fuhren wir zum Start des Crosslaufes. Mittlerweile waren ca. 1400 Kinder anwesend und beteiligten sich an dem von APECH organisierten „Lauf gegen Malaria“. Auch anwesende Mitglieder von APECH und wir liefen mit. Nur gut, dass darauf geachtet wurde, dass die Kinder in gemächlichem Tempo liefen, da es bereits jetzt um 10:30 für uns Weiße zu heiß zum Joggen war.

Am Ende des symbolischen Laufs wurden an die Rektoren der teilnehmenden Schulen Moskitonetze verteilt, die an zuvor ausgewählte Kinder gehen. Nach und nach sollen alle Kinder, denen die finanziellen Mittel fehlen, Moskitonetze erhalten. Alle Netze wurden von „unseren“ Näherinnen angefertigt und der Stoff kommt zu großen Teilen von der Firma Brettschneider aus Heimstetten bei München. Weitere Geschenke für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler waren Schulmaterialien aller Art sowie Mützen und Luftballons. Am Nachmittag besuchten wir den 2010 aus Spendengeldern finanzierten Klassenraum der Grundschule Accart-Ville-Ouest. Es handelt sich um eine öffentliche Grundschule, die jedes Jahr zum Schulbeginn vor dem Problem steht, dass die Vielzahl der Anmeldungen irgendwie in den vorhandenen Räumen untergebracht werden müssen. Mit dem Neubau konnte die durchschnittliche Schülerzahl pro Klassenraum auf 119 gesenkt werden.

Ebenso schauten wir uns den Ausbildungsraum des Friseurinnenprojekts an. Die jungen Frauen sind mittlerweile so weit, dass Kunden aus dem Bezirk den Friseursalon aufsuchen und die Friseurinnen somit bereits Geld erwirtschaften, welches APECH und Bufamaschu wieder zurück in das erfolgreiche Projekt fließen lassen, um weitere Mädchen auszubilden. Hoch zufrieden mit dem Erfolg unserer Projekte (Näherinnen, Friseurinnen und Klassenraumbau) und mit den Eindrücken des Crosslaufes vom Vormittag, endet dieser Tag nach einem späten Abendessen.

Tag 5
31.12.2010 – Abschlussfeier der Näherinnen und Friseurinnen

Einer der Höhepunkte unserer Reise war die Abschlussfeier der Näherinnen und Friseurinnen am Vormittag des 31. Dezember in den Räumen der Grundschule Accart Ville Ouest. Offizielle Vertreter waren der stellvertretende Bürgermeister des Bezirks Dô, der Eltern-Schüler Vorsitzende und der Schulamtsdirektor. Weitere Anwesende waren die Eltern bzw. Familien der Absolventinnen, zahlreiche Mitglieder von APECH, Lehrerinnen und Lehrer der Schule und natürlich die jungen Damen, die in den vergangenen Jahren so erfolgreich ihr Metier erlernt haben.

Neben mehreren offiziellen Reden, in welchen vor allem die hervorragende Arbeit unseres Partners APECH gewürdigt wurde, war der Höhepunkt des Vormittags die drei Darstellungen der Näherinnen. Die von ihnen selbst entworfene und genähte Kleidung wurde mit von den Friseurinnen zauberhaft gestylten Haaren in einer Art und Weise präsentiert, die uns zu Jubelstürmen hinreißen ließ. Noch vor zwei Jahren waren das Mädchen gewesen, die keine Perspektive in ihrem Leben hatten, die ohne Schulabschluss in den Kreislauf eingetaucht wären, den so viele Mädchen in Burkina Faso gehen müssen, an dessen Ende zumeist ein Leben in männlicher Abhängigkeit steht.

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An diesem Tag erlebten wir jedoch selbstbewusste und stolze junge Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand genommen haben und jede mit den überreichten Nähmaschinen ihren Lebensunterhalt selbst bestimmen kann. Vor allem die anwesenden Mütter und Väter blickten voller Achtung auf diese Frauen, deren Lebensweg nun eine andere Richtung einschlagen kann. Den Friseurinnen ist in den vergangenen Jahren Ähnliches gelungen, auch wenn sie am Tag der Abschlussfeier nicht so eindrucksvoll auftreten konnten wie die Näherinnen. Alle Friseurinnen erhielten 40.000 CFA, rund 25 Euro, um ihnen eine Starthilfe ins Berufsleben zu geben.

Am Nachmittag kauften wir gemeinsam mit Delphine, Fatou und Martine auf dem Gemüsemarkt von Bobo säckeweise Kohl, Karotten, Kartoffeln, Zwiebeln, Beutel mit Pfeffer, andere Gewürze, Maggi, Paprika und mehr ein, denn am 2. und 3. Januar war das gemeinsame Essen mit 550 Schülerinnen und Schülern geplant. Auf dem Markt war es laut, eng und es roch abwechselnd nach Autoabgasen oder Gemüse, denn der Markt befindet sich auf zwei Seiten einer Straße. Es war interessant zu sehen wie die drei Frauen kosteten, handelten, rechneten, erneut handelten, sich beratschlagten und nur dann kauften, wenn das zuvor errechnete Budget für das ein oder andere Produkt nicht überschritten wurde.

Nach ca. zwei Stunden hatten wir eine Riesenmenge eingekauft, die natürlich auch in unserem Bus verstaut werden musste. Was die drei Damen uns nicht gesagt hatten: Sie haben beim Einkauf zwar Kohl, nicht aber die Säcke, in denen er zum Bus transportiert wurde, gekauft. Dies bedeutete die Kohlköpfe auf den Boden im Bus stapeln und dann bei Saga zu Hause wieder ausladen. Bei der Gelegenheit lernten auch einige von uns zum ersten Mal Sagas Kinder und sein Zuhause kennen. Morgen wird das Rind geschlachtet, welches für das große Essen zubereitet wird. Um 21:00 Uhr Fahrt zu unserem Restaurant, wo wir gemeinsam mit den Familien von Saga, Nana und Djallo Silvester feiern werden.

Tag 6
1.1.2011 – Wasserfälle von Banfora

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Am Neujahrstag steht Entspannung auf dem Programm, denn wir fahren gemeinsam mit Saga, Nana und Djallo und deren Kindern zu den Wasserfällen von Banfora, rund 100 Kilometer von Bobo-Dioulasso entfernt. Außer Djallo war noch niemand von uns dort gewesen, sodass es zu einem einmaligen Erlebnis für alle wurde. Es ist kaum zu glauben, dass es in einem Land, das mit Wasserknappheit zu kämpfen hat, einen Ort gibt, in dem das frische Wasser in Ströme fließt und sich Wasserfälle in Kaskaden ergießen. Wir alle hatten das Gefühl, dass dieser Ort den Vorstellungen des Paradieses sehr nahe kommt.

Wasser, das sonst immer mühsam herbeigekarrt werden muss, stand zur verschwenderischen Verfügung und vor allem die Kinder unserer Freunde nutzten diesen Tag um sich immer wieder mit dem Wasser zu erfrischen. Nach einem sehr entspannenden Vormittag machten wir auf dem Nachhauseweg Halt an der Feuerwehrstation von Banfora und wurden wie an jeder Feuerwehrstation mit Brakina, Cola und Fanta sowie zahlreichen Infos zur Technik und Ausstattung der Station begrüßt. Überraschenderweise hielten wir am Abend nicht am Hotel, sondern bei Familie Zaba, wo die Frauen ein Abendessen für uns vorbereitet hatten. Dabei konnten einige bereits von dem Rind kosten, das es morgen für die Kinder geben wird.

Tag 7
2.1.2011 – Schulspeisung für 300 Kinder Accart-Ville-Ouest

Bereits um 6 Uhr begannen heute die weiblichen Mitglieder von APECH sowie Lehrerinnen der beteiligten Schulen mit den Vorbereitungen des heutigen Tages, der Schulspeisung von 300 Kindern an der Grundschule Accart-Ville-Ouest. Als wir um 9:00 eintrafen gab es unterschiedliche Aufgaben: Karotten oder Kartoffeln schälen, Erbsen zubereiten, Feuer nachlegen oder das Gemüse im den großen Marmits umrühren. Jede Arbeit geschah gemeinschaftlich mit APECH-Mitgliedern, Lehrerinnen, den Näherinnen und Friseurinnen und einigen Müttern. Grozdan, Manfred und Klaus waren die einzigen Männer, die sich an dieser Arbeit beteiligten. Wobei Daniel, einer unserer Feuerwehr-Begleiter, ohne zu zögern mitschnippelte und den Kochlöffel schwang.

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Vor dem Beginn der Mahlzeit wurden die Geschenke der Pateneltern sowie je ein 100 kg Sack Mais für jedes Kind verteilt. Wie so oft konnten wir auch hier die präzise Arbeit von APECH, allen voran von Saga und Nana, beobachten, die nichts dem Zufall überließen und auch hier mit Namensliste jedes Geschenk notieren und ein Foto des Kindes machen. Unser Verein hat großes Glück auf diesen Partner gestoßen zu sein, die seit 2008 unentgeltlich für unsere gemeinsamen Ziele arbeiten und immer wieder neue Wege aufzeigen, wie man das Leben der Kinder langfristig positiv beeinflussen kann.

Während die Vorbereitungen für das Essen weiterliefen, hatten wir auch die Möglichkeit drei der Patenkinder zu Hause zu besuchen. Wir wissen, dass die Lebensumstände der Kinder prekär sind und viele oftmals keine intakte Familie mehr haben. Doch was wir bei einem Patenkind sehen mussten, waren keine menschenwürdigen Lebensumstände. Fanta, 12 Jahre alt, Schülerin der 3. Klasse, Waise, ihre rechte Körperhälfte zeigt Anzeichen eines erlittenen Schlaganfalls, lebt gemeinsam mit ihren Großeltern, ihrer 15jährigen Schwester und weiteren Halbgeschwistern und Kindern der Großmutter in einem Raum von knapp 2×3 Metern; neun Menschen.

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Während der Großvater dem Elend der Familie gleichgültig gegenüber steht, begegnen wir einer Großmutter, die mit ihren 54 Jahren aufrecht vor uns steht und sich seit 15 Jahren aufopferungsvoll um das Überleben ihrer Kinder und Enkel sorgt. Sie hält die Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und erträgt die Anwesenheit ihres Mannes. Nachdem wir diese Lebensumstände gesehen haben, entscheiden wir uns spontan für den Bau eines zusätzlichen Hauses mit zwei Zimmern (veranschlagte Kosten 2100 EUR), damit die sieben Kinder einen Raum nur für sich haben.

Es ist uns unverständlich wie dieses Kind unter diesen häuslichen Bedingungen und mit dem zusätzlichen körperlichen Handicap, Fanta kann aufgrund des Schlaganfalls auch nicht deutlich sprechen, Klassenbeste in einer Klasse mit 87 Schülerinnen und Schülern sein kann. Unglaublich ist auch, dass der Nachbar dieser Familie ein wunderschönes dreistöckiges Haus gebaut hat und augenscheinlich über große finanzielle Mittel verfügt. Doch er kann mit dem Elend nebenan sehr gut leben, denn er hat kürzlich eine fast drei Meter hohe Mauer gebaut, auf deren Spitze sich Stacheldraht schlängelt. Am Nachmittag werden die reichlich bemessenen Essensportionen an die Kinder, die in den einzelnen Klassenräumen sitzen, verteilt und wir sehen, dass ein Großteil der Kinder einiges isst, den Rest jedoch verschließt und mit nach Hause nimmt.

In jedem Klassenraum hatten wir zudem die Möglichkeit über den Stellenwert der Bildung, vor allem für Mädchen, zu sprechen und konnten vereinzelte Fragen beantworten. Den Abschluss des Tages bildete eine Musik- und Theaterdarbietung eines Vereins aus der Nachbarschaft der Grundschule. Wir sahen eine tolle Vorstellung und konnten der Geschichte, die auf Dioula vorgetragen wurde, trotz Nichtverstehens gut folgen, da die Mimik und Gestik der jungen Schauspieler hervorragend war.

Tag 8
3.1.2011 – Schulspeisung für 250 Kinder Sarfalao B

Der heutige Tag verlief ähnlich wie der gestrige, nur dass wir heute an der Grundschule Sarfalo B, Partnerschule der Dieffenbachschule in Schlitz, das Essen für 250 Schülerinnen und Schüler vorbereiteten.

Tag 9
4.1.2011 – Ouolokoto

Am Dienstag stand der Besuch in Ouolokoto auf dem Plan, dem Dorf, in dem unser zurzeit größtes Projekt Wirklichkeit werden soll: Der Bau einer Krankenstation mit Entbindungsraum. Der Weg führt die ersten 12 Kilometer zunächst über eine asphaltierte Straße, bis unsere Begleiter nach einer Piste Ausschau halten. Wir vertrauen darauf, dass der Weg für unseren Bus geeignet ist, doch unser Fahrer Hubert ist unerschütterlich und meistert jedes Schlagloch und jede Engstelle ohne größere Blessuren am Fahrzeug. Nach rund 30 Minuten Fahrt ins Niemandsland erkennen wir die ersten Häuser und sehen kurz darauf die ersten Bewohner. Nachdem Steffi und ich 2008 bereits hier waren und die Idee der Krankenstation geboren wurde, ist viel Zeit vergangen, in der in Ouolokoto drei Brunnen repariert wurden und alle Familien Zugang zur Pflanze Artemesia haben, die erfolgreich Malariaerkrankungen bekämpft.

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In den vergangenen zwei Jahren waren unsere Erfahrungen, dass Zusagen von Seiten der Bevölkerung eingehalten wurden und wir in dem Berater des Dorfes, Souleymane, einen zuverlässigen Partner haben. Der Empfang des Dorfes ist überwältigend; selbst unsere burkinischen Begleiter sagen, dass sie so etwas noch nie gesehen haben. Von Gesängen und Tänzen der Frauen oder der Jäger, Begrüßungsritualen, die uns ganz fremd erscheinen bis hin zu einem Maskentanz. Wir haben den Eindruck, dass das gesamte Dorf auf den Beinen ist.

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Nach dem langen Begrüßungsritual und den gehaltenen Reden, werden Geschenke ausgetauscht. Während wir unsere Koffer und Taschen leeren, in welchen sich Medikamente, Fußbälle, Fußballtrikots, eine Presse zum Herstellen der Kariteebutter, Hüpfgummis, Basecaps befinden, erhalten wir zum Bespiel eine Djembe und eine Reuse zum Fischfang. Das Mittagessen war in einer ruhigen Ecke des Dorfes vorbereitet worden, da natürlich alle in der Nähe der Toubabous (Weiße) bleiben wollten. Wir tranken die bereitgestellten Brakina und Cola, da unsere Mägen nicht an das Brunnenwasser gewöhnt sind.

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Nach dieser kurzen Pause durchquerten wir die Senke, die die Ortsteile Ouolokotos voneinander trennt und die während der Regenzeit unpassierbar wird, um die Schule zu erreichen. Wir gingen etwa 15 Minuten und konnten nun auch dort unsere Taschen entleeren, die für Schüler und Lehrer Material enthielten. Obwohl es bereits Nachmittag geworden war, wollten wir unbedingt noch das geplante Fußballspiel „Ouolokoto – APECH/Bufamaschu“ abhalten, wobei das Spielfeld erneut 1-2km entfernt war. Erneut mussten wir den Bach überqueren und sahen auf dem Weg viele alltägliche Situationen.

Am Ziel angekommen zogen wir die Trikots über und gaben in der Hitze, dem Staub und auf dem ackerähnlichen Feld unser Bestes. Stellenweise brannte unser Hals vom Staub so sehr, dass wir kaum atmen konnten und gleichzeitig hatten wir so viel Spaß, wie man ihn nur bei solch einem speziellen Match haben kann. Wir siegten 1:0, wobei der Torwart der Gegner sicher absichtlich etwas langsamer als sonst reagierte, denn was kann schöner sein für alle, als der Sieg des Gastes aus Deutschland?

Die Trikots wechselten nun endgültig den Besitzer und wie wichtig das Fußballspiel war, zeigt, dass der Berater Souleymane bis zu unserem nächsten Besuch Mädchen trainieren will, um eine Mädchenmannschaft auf die Beine zu stellen. Eine Mädchenmannschaft in einem Dorf, wo 100% der Mädchen beschnitten sind und sich vor einem Jahr niemand vorstellen konnte, dass auch Mädchen bzw. weiße Frauen Fußball spielen können….

Tag 10
5.1.2011 – Übergabe der chirurgischen Instrumente

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Bereits früh morgens begannen Saga und Nana mit Hilfe von zehn Feuerwehrmännern aus Bobo einen Teil der chirurgischen Instrumente zum Bezirkskrankenhaus von Dô zu transportieren; mehrere Fahrten waren aufgrund der Menge des Materials notwendig und am Ende stand bei der Übergabezeremonie doch nur ein Bruchteil der Instrumente vor Ort. Neben einigen offiziellen Vertretern wie dem Gesundheitsminister der Provinz Houet (vergleichbar mit Hessen), Vertretern der Krankenhäuser, die das Material erhalten und dem Schulinspektor waren auch wieder Mitglieder von APECH anwesend.

Nachdem alle Betroffenen Gelegenheit hatte sich in einer kurzen Anspreche an die Zuhörer zu wenden, wurden einzelnen Metallboxen symbolisch an die Empfänger übergeben. Wie wertvoll diese Spende des Herz-Jesu-Krankenhauses von Fulda ist, zeigt dass die Materialspende allein an das Krankenhaus Sanou Souro, 50% des Jahresbudgets beträgt.

Am Ende der Zeremonie traten wir unseren Rundgang durch das Krankenhaus von Dô an und durften alles fotografieren und filmen. Uns fällt auf, dass das Krankenhaus für burkinische Verhältnisse in einem guten Zustand ist und doch ist es auch hier so, dass alle Kranken zunächst bezahlen müssen, bevor die Behandlung begonnen wird. Im Einzelfall heißt das, dass der Patient zunächst die erforderlichen Medikamente kaufen muss, bevor z.B. mit einer Operation begonnen wird. Bevor wir das Krankenhaus Sanou Souro im Stadtzentrum besuchen, haben wir Zeit den Zentralmarkt von Bobo zu besichtigen und Einkäufe zu machen.

Beim Rundgang durch das größte Krankenhaus von Bobo-Dioulasso sehen wir ein Krankenhaus in einem erschreckenden Zustand; einen Chirurgen, bei dem wir anzweifeln, ob er nach dem hippokratischen Eid seinen Dienst versieht und hygienische Zustände, dass wir alle beten, niemals hier behandelt werden zu müssen. Bezeichnend für die Situation im Gesundheitssektor in Burkina Faso ist ein Mann, der zwei Tage zuvor von einem Moped angefahren wurde und seitdem bewusstlos auf einer schmutzigen Trage im Flur liegt. Die täglichen Kosten für die Intensivstation betragen 5000 CFA (7,50 EUR), die seine Verwandten nicht bezahlen können.

Spontan übernehmen wir die Kosten für zwei Tage und bitten unsere burkinischen Partner nachzufragen, wenn weitere Zahlungen notwendig sind. Mit dem Erhalt des Geldes wird der Mann sofort auf die „Intensivstation“ gebracht, wo wir ihn am Ende unseres Rundgangs nochmal sehen. Inzwischen ist der Mann wieder zu Hause und wir stehen weiterhin mit seiner Familie in Kontakt. Wer sich immer die philosophische Frage gestellt hat, wieviel ein Menschenleben wert ist, wir haben an diesem Tag den Wert in Burkina Faso kennen gelernt.

Der Tag ist noch lange nicht vorüber, denn der nächste Halt ist die Schule zur Ausbildung der Feuerwehrmänner und –frauen Burkina Fasos. Mit militärischen Drill sind alle geschult und da man zunächst eine militärische Ausbildung haben muss, bevor man sich bei der Feuerwehr bewerben darf, kann man den Drill, der hier herrscht, nicht mit den Feuerwehren in Deutschland vergleichen.

Tag 11
6.1.2011 – Mare aux Hippopothames

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Heute steht wieder ein Ausflug auf dem Programm, das Mare aux Hippopotames. Hippopotames sind Nilpferde und unfreiwillig kommen wir ihnen näher, als den meisten von uns lieb war. Das Mare aux Hippopotames ist seit 1986 ein Unesco-Biosphärenreservat und man kann die Nilpferde nur sehen, wenn man sich auf eine Pirogge begibt, die von drei Männern wie eine Gondel in Venedig bewegt wird. Zunächst fahren wir ganz gemächlich über den See, immer in Richtung der Nilpferdherde, die wir zu Beginn natürlich nicht sehen können. Doch als für alle unerwartet eine einzelne Nilpferdmutter mit ihrem Kalb rechts neben uns auftaucht, wird den ersten bereits mulmig.

Nur kurze Zeit später sehen wir die ersten Rücken einiger Nilpferde und der Bootsführer deutet uns ruhig zu sein. Doch die Nilpferde bewegen sich raus aus dem seichteren Wasser hinein in das tiefere, wo sie schwimmen müssen. Doch bewegen sie sich nicht ruhig und anmutig, sondern geben Laute von sich, die wirklich beängstigend sind, vor allem, wenn wir daran denken, dass sie in einigen Sekunden an unserem Boot sein können. Wirklich mächtige und beeindruckende Tiere, die hier direkt vor uns in freier Wildbahn ihre Bahnen ziehen. Und doch sind alle froh, als wir uns langsam wieder entfernen und auch das Muttertier mit seinem Kalb passiert haben.

Tag 12
7.1.2011 – Besuch der Schule und des Bürgermeister

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Der letzte Tag in Bobo begann mit einem Besuch der Schule Accart Ville Ouest, an welcher Saga Zaba Schuldirektor ist. Die Schüler der einzelnen Klassen hatten die Gelegenheit uns Fragen zu stellen oder sie sangen Lieder. Jedes Mal musste die Scheu vor uns abgelegt werden, doch nachdem die ersten mutig waren, folgten schnell die anderen mit ihren Fragen.
Für uns war es bei dem Projektbesuch wichtig zu zeigen, dass es uns wirklich gibt und dass wir ein großes Interesse an der Zukunft der Kinder haben.

Um 11.00 Uhr hatte Saga einen Termin beim stellvertretenden Bürgermeister des Bezirkes Dô vereinbart. Dieser hatte uns während der Abschlussfeier der Näherinnen und Friseurinnen eingeladen. Ziel des Treffens war, die Politiker davon zu überzeugen, uns, d.h. APECH und Bufamaschu ein Grundstück für den Bau einer Krankenstation kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Die Idee, die dahinter steckt, ist, in einer neuen Krankenstation mit Apotheke benachteiligte und arme Kinder aus Bobo-Dioulasso kostenfrei zu behandeln. Die Krankenstation soll sich durch die Einnahmen der anderen Patienten finanzieren.
Solch ein Projekt ist einmalig in Burkina Faso und existiert unseres Wissen nach nirgendwo sonst im Land.

Unsere bisherigen Projekte, die wir gemeinsam in Bobo-Dioulasso durchgeführt haben, konnten die beiden stellvertretenden Bürgermeister und Beisitzer überzeugen und man sagte uns zu, dass wir ein Areal für unsere Krankenstation erhalten würden. Was für ein Erfolg! Saga erklärte uns im Anschluss an das Treffen, dass er – wenn wir nicht als Abordnung aus Deutschland anwesend gewesen wären – eine schriftliche Eingabe hätte machen müssen, und dieser Weg über schriftliche Anträge hätte durchaus 10 Jahre dauern können. Doch jetzt haben wir bereits unser großes Ziel im Visier. Nach einem abermaligen Besuch auf dem Markt und dem letzten gemeinsamen Abendessen, mussten die Koffer für die morgige Rückfahrt nach Ouagdougou gepackt werden.

Tag 13
8.1.2011 – Rückkehr nach Ouagadougou

Heute ist Tag der Rückreise und es liegt ein langer Tag vor uns, bei dem auch Krokodile eine Rolle spielen. Die Nacht zum heutigen Abreisetag war kurz, denn das Kofferpacken nahm doch einige Zeit in Anspruch. Saga, Nana und Souleymane kamen zum Verabschieden und Saga und Nana begleiteten uns auf einem Teil der Strecke im Bus.

Nach einem schmerzhaften Abschied in Houndé, fuhren wir wieder die Hauptverkehrsader zwischen Bobo und Ouaga, um in Sabou, Daniels Heimatdorf, Krokodile zu sehen. Zu dem Zeitpunkt, als wir die kleine Straße Richtung See abgebogen sind, dachte wohl niemand so recht, dass wir alle tatsächlich Krokodile anfassen würden. Doch Daniel und auch Hubert machten diesen Ausflug zu einem weiteren unbeschreiblichen Augenblick der Reise. Bis zu 100 Krokodile leben in dem Gewässer, an Land haben wir vier gesehen. Ein Fischer war mit seinem kleinen Boot draußen auf dem See und ging ohne Angst vor den wilden Tieren seiner Arbeit nach.

Die Krokodile strahlten eine gefährliche Ruhe aus, unsere beiden Beschützer eine Vertrauen erweckende Zuversicht, so dass schließlich sogar die Kinder den Schwanz des Krokodils anfassten. Nach diesem von Hubert und Daniel geplanten Abstecher zu den Krokodilen, machten wir uns dann auf zur letzten Etappe der Reise. Endstation war das Haus von Silas, wo Diarra noch einmal für uns gekocht hatte.

Der letzte Weg führte uns dann zum Flughafen, unserer letzten Herausforderung. Vor dem Flughafengebäude warteten gefühlte 500 Menschen darauf, überhaupt erstmal ins Gebäude zu kommen. Dank Daniel und Hubert und zwei geschickt agierenden Kofferträgern gingen wir vorbei an einer Riesenschlange bis zur ersten Passkontrolle. Zwischendurch wurde unsere Gruppe getrennt, da ein Koffer im Bus vergessen worden war, aber unsere Begleiter hatten alles im Griff und besorgten auch den verloren geglaubten Koffer wieder.

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Die Aufgabe des Gepäcks ging mit einem hohen Ellbogeneinsatz vonstatten, doch danach sollten wir in die nächste Schlange zur zweiten Passkontrolle. Zum Glück wurden wir nun wieder von unseren Begleitern durch ein offenes Fenster des innerhalb des Flughafengebäudes geleitet und nach draußen gebracht. Wir gelangten so wieder in das Nachbargebäude des eigentlichen Flughafens, wo wir am Ankunftstag angekommen waren. Der letzte Teil des Abschieds stand an und kurz vor Mitternacht verließen wir wieder burkinischen Boden. Seitdem schmerzt bei einigen die Sehnsucht nach dem Land der aufrechten Menschen.

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