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In Fulda werden verhaltensauffällige Kinder in einer „Auszeitklasse“ betreut und gefördert

Fulda. Sie fallen auf durch Aggressivität, Unhöflichkeiten, Regelverletzungen oder spezifische Leistungsschwächen. Kinder, die von der Norm abweichen, selbst kleinere Konflikte nicht adäquat bewältigen können, den Unterricht stören und zu Außenseitern werden –  von Fachleuten also als “verhaltensauffällig” eingestuft werden. Diese Kinder brauchen Unterstützung, um sich in ihrer Klasse, der Schule und der Gesellschaft zurecht zu finden. Im osthessischen Fulda gibt es seit dem 1. Dezember 2008 ein spezielles, hessenweit einmaliges Förderangebot: die Auszeitklasse als Kooperation des Staatlichen Schulamtes mit den Jugendhilfeträgern Landkreis und Stadt Fulda. Eine Einrichtung, in der „verhaltensauffällige“ Kinder ganz gezielt gefördert und von Fachkräften betreut werden.

Bis zu acht Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 6 können in der Auszeitklasse für zwölf bis maximal 16 Unterrichtswochen unter besonderen Bedingungen, in einem neuen Umfeld, mit anderen Bezugspersonen eine intensive Förderung von Lehrkräften und Sozialpädagogen bekommen. Ziel dieser Einrichtung ist die Re-Integration in die Herkunftsschule anstelle einer dauerhaften Unterbringung in einer Förderschule für Erziehungshilfe.

Auszeitklasse als zweite Säule im Netzwerk für Erziehungshilfe

Mit dieser speziellen Kombination aus Sozial- und Schulpädagogik bildet die Auszeitklasse die zweite Säule im „Netzwerk für Erziehungshilfe für Stadt und Landkreis Fulda“. Ein Netzwerk, in dem sich seit dem Schuljahr 2004/2005 Förderschullehrkräfte des Staatlichen Schulamtes und sozialpädagogische Fachkräfte der Jugendhilfe von Stadt und Landkreis Fulda engagieren. Bis vor zwei Jahren konnte das Netzwerk ausschließlich eine ambulante Förderung für verhaltensauffällige Kinder in den Herkunftsschulen und in den Familien anbieten. Reichten diese Unterstützungen nicht aus, musste auf eine Beschulung in einer Förderschule für Erziehungshilfe zurückgegriffen werden – gegebenenfalls auch mit einer Kombination von stationärer Jugendhilfe.

Da es eine solche Förderschule bis dato in Osthessen nicht gab, mussten die Kinder und Jugendlichen die rund 100 Kilometer entfernte Förderschule in Homberg/Efze (Schwalm-Eder-Kreis) besuchen und eine Fahrzeit von bis zu drei Stunden oder die Unterbringung in einer Wohngruppe vor Ort inkauf nehmen. Rahmenbedingungen, die insbesondere für jüngere Schüler alles andere als optimal waren.

„Den Netzwerkmitgliedern war relativ schnell bewusst, dass wir gemeinsam ein ortsnahes Angebot entwickeln müssen“, erinnert sich Förderschullehrer Tobias Jost vom Staatlichen Schulamt Fulda. „Wir wollten ein Modell, bei dem wir die Kinder aus ihrer Stammschule herausnehmen und im Ganztagesbetrieb gezielt fördern können – damit auch Schule und Elternhaus entlastet werden“, sagt Jost. So wurde im Jahr 2006 die Idee der Auszeitklasse geboren.

Dass es noch gut zwei Jahre bis zur deren Eröffnung dauerte, lag an dem Fehlen von Räumlichkeiten und Personalstellen. Doch Ende 2008 konnten Standort- und Personalfrage gleichermaßen geklärt werden. Die Auszeitklasse fand ihr Domizil in der ehemaligen Hausmeisterwohnung des Gymnasiums „Winfriedschule“. Zwei Förderschullehrkräfte und zwei sozialpädagogische Fachkräfte wurden eingestellt. In der Hausmeisterwohnung, die zwischen „Winfriedschule“ und Fuldaer Schlosspark liegt, fanden Schüler und Fachkräfte nach kleineren Renovierungsarbeiten zweckmäßige Arbeits-, Spiel- und Pausenräume vor, in denen seit Dezember 2008 gefördert und gefordert wird – mit den entsprechenden Regeln und Strukturen.

Klare Regeln und Strukturen

Ein Blick auf den Stundenplan zeigt: Um 8.00 Uhr beginnt der Schultag mit einem Morgenkreis. Danach folgt die erste Arbeitsphase. Im Anschluss ist eine halbe Stunde für das Frühstück vorgesehen. Daran schließen sich wiederum zwei Unterrichtsstunden an. Nach einer 40-minütigen Mittagspause mit einem gemeinsamen warmen Mittagessen steht die dritte Arbeitsphase auf dem Plan. Danach werden Hausaufgaben gemacht und wenn diese erledigt sind, darf gespielt werden. Um 15.30 Uhr endet der Schultag mit einem Abschlusskreis. Nur freitags ist die Schule schon um 13.00 Uhr beendet.

Diese relativ starr erscheinende Tagesstruktur bildet aber lediglich einen Rahmen. „Wir haben die pädagogische Freiheit, mit den Kindern einen eigenen Tagesrhythmus zu entwickeln, und können daher ganz flexibel auch auf individuelle Bedürfnisse eingehen“, berichtet Förderschullehrerin Mona Trausch. So kann sich, obwohl Mathematik, Deutsch, Musik, Sport, Sachunterricht oder freizeitpädagogische Angebote auf dem Stundenplan stehen, der Plan unversehens ändern, denn das Leitziel der Auszeitklasse lautet: „Störungen haben Vorrang“. Oder anders formuliert: Das soziale Lernen hat in dieser Klasse Priorität.

„Natürlich sollen bei uns hinsichtlich des Schulstoffs keine großen Lücken entstehen, aber in erster Linie geht es in der Auszeitklasse darum, dass die Kinder sozial und emotional aufgefangen, mit all ihren Schwächen und Stärken angenommen werden und adäquate Verhaltensweisen erlernen“, unterstreicht Diplom-Sozialpädagogin Daniela Kehl. Dafür braucht man nicht nur viel Fachkompetenz und Einfühlungsvermögen, sondern auch entsprechende personelle Ressourcen. Aus diesem Grund sind eine sozialpädagogische Fachkraft und eine Förderschulkraft in ständiger Doppelbesetzung für die Kinder da.

Neue Perspektiven entdecken und auf Erfolge stolz sein

Für die Kinder bedeutet Auszeitklasse, Abstand vom Gewohnten zu nehmen, neue Perspektiven zu entdecken, das eigene Verhalten stetig zu reflektieren, sich dabei selbst ganz neu zu erfahren und vor allem auch auf Erfolge stolz sein zu dürfen. Die Grundlage bildet dabei der pädagogische Dreiklang aus „Regeln, Grenzen, Konsequenzen“. Damit die Kinder diesen Dreiklang verinnerlichen, wird bei der Aufnahme in die Auszeitklasse ein Vertrag mit ihnen geschlossen.

In dem Vertrag sind Regeln niedergeschrieben, die für alle Schülerinnen und Schüler der Auszeitklasse gelten. So wird der Umgang mit den MitschülerInnen und LehrerInnen ebenso definiert wie das Verhalten im Unterricht. Es gibt eine Hausordnung und Aufgaben, die zu erfüllen sind. In dem Vertrag steht ebenfalls, wie reagiert wird, wenn alle Regeln eingehalten oder nicht eingehalten werden. So werden bei Regelverstößen Zusatzaufgaben verteilt; positives Verhalten wird gelobt bzw. mit kleinen Überraschungen belohnt.

Von ausschlaggebender Bedeutung für das Pädagogen-Team der Auszeitklasse ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. „Erziehung und schulische Bildung funktionieren nur mit den Erziehungsberechtigten. Deshalb ist es außerordentlich wichtig, dass die Eltern mit im Boot sind“, betont Diplom-Sozialpädagoge Edwin Schütze, der die Jugendhilfe der Stadt Fulda vertritt. Die Eltern müssen nicht nur mit der Aufnahme in die Auszeitklasse einverstanden sein, sondern die Kinder in diesen drei bis vier Monaten auch intensiv begleiten. So erhalten die Eltern beispielsweise täglich einen Rückmeldebogen, der über das Verhalten des Kindes informiert und unterschrieben werden muss.

Eine weitere Voraussetzung für den erfolgreichen Besuch der Auszeitklasse ist die Kooperation mit den Lehrern der Herkunftsschule. Sie müssen dafür sorgen, dass die entsprechenden Schulmaterialien in die Auszeitklasse gelangen, der Kontakt zu den Mitschülern erhalten bleibt oder auch bestimmte Maßnahmen nach dem Besuch der Auszeitklasse umgesetzt werden. „In der Zeit, in der die Kinder die Auszeitklasse besuchen, wollen wir sie nicht von ihrer normalen Regelschule entwöhnen, sondern wir wollen sie intensiver beschulen und fit machen für ihre eigene Stammklasse“, betont Diplom-Sozialarbeiterin Susanne Möller von der Jugendhilfe des Landkreises Fulda. Tobias Jost ergänzt: „In der Auszeitklasse findet keine Wunderheilung statt, sondern eine solide Förderung, die es ermöglicht, die Kinder wieder besser zu beschulen und im ambulanten System zu fördern.“

Steuergruppe entscheidet über den Besuch der Auszeitklasse

Wie wird man nun Auszeitschüler? Die Schulen und die beiden Sozialen Dienste der Jugendämter melden an die zentrale Koordinierungsstelle des Netzwerks für Erziehungshilfe diejenigen Schülerinnen und Schüler, für die sie die Unterstützung durch das Netzwerk für Erziehungshilfe wünschen. Die Fachkräfte des Netzwerks melden aus dieser Gruppe die Schülerinnen und Schüler, für die das Angebot der Auszeitklasse möglicherweise in Frage kommt. Die Koordinatoren des Netzwerks – Susanne Möller, Edwin Schütze und Tobias Jost – bilden mit der Schulamtsdirektorin Heidtrud Paschmann die Steuergruppe als „Filterstelle“. Sie berücksichtigen Anfragen, mögliche Wartezeiten oder die aktuelle Gruppenzusammensetzung der Auszeitklasse und treffen anschließend die Entscheidung über den Besuch. Voraussetzung für die Aufnahme ist immer die Zustimmung der Eltern.

Im Jahr 2009 wurden insgesamt 20 Schülerinnen und Schüler – überwiegend aus den Jahrgangsstufen 1 bis 4 und davon 95 Prozent Jungen – in die Auszeitklasse aufgenommen. Aber auch Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klasse, die eine Haupt-, Realschule oder ein Gymnasium des Landkreis und der Stadt Fulda besuchen, können die Auszeitklasse besuchen.

Doch mit dem einmaligen Besuch der Auszeitklasse ist die Arbeit nicht getan, sie geht nach dem Aufenthalt weiter. Der überwiegende Teil der ehemaligen Auszeit-Schüler bekommt weitere Unterstützung – in der Regel in Form ambulanter Hilfen. Wenn massive Störungsbilder vorliegen, ist eine Rückkehr in die Stammschule unter Umständen nicht möglich. So konnten im Jahr 2009 fünf der insgesamt 20 Schüler nicht in ihre alte Klasse zurückkehren, sondern mussten durch die Fachkräfte der in Fulda ansässigen kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz weiter betreut werden.

Erste Bilanz fällt positiv aus

Dennoch fällt die erste Bilanz positiv aus: Neben den 15 Kindern, die in 2009 einen Neuanfang in der Auszeitklasse machen und wieder erfolgreich am normalen Schulleben teilnehmen konnten, waren seit Bestehen der Auszeitklasse auch keine neuen Schülerzuweisungen aus dem Landkreis und der Stadt Fulda an die Schule für Erziehungshilfe nach Homberg/Efze mehr notwendig. Der finanzielle Mehraufwand für die Auszeitklasse konnte durch die eingesparten Fahrt- und sonstigen Kosten in Höhe von 130.000 Euro ausgeglichen werden. „Wir befinden uns auf einem guten Weg und freuen uns über die nachweisbaren Erfolge“, stellen Erster Kreisbeigeordneter Dr. Heiko Wingenfeld, Fuldas Bürgermeister Dr. Wolfgang Dippel und Schulamtsleiter Dr. Michael von Rüden übereinstimmend fest.

Für die Zukunft ist sogar eine Erweiterung der Auszeitklasse angedacht. Denn in Petersberg bei Fulda entsteht zurzeit eine wohnortnahe Schule für Erziehungshilfe. Gleichzeitig soll dort das Auszeitklassenmodell fortgeführt werden. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass es ab Herbst 2012 bereits vier Auszeitklassen für die Schülerinnen und Schüler aus Stadt und Landkreis Fulda geben wird.

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