Written by 3:46 Alle Nachrichten, Bildung & Jobsuche, Politik & Wirtschaft

Kulturelle und politische Bildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund

Fulda. Auf Einladung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ), des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften, des Hochschulinstituts CINTEUS und der Stadt Fulda fand am 9. Juni 2010 eine Tagung statt zum Thema „Kulturelle und politische Bildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Diese Kooperationsveranstaltung ist bereits die vierte Tagung, die Mechtild M. Jansen (HLZ) und Prof. Dr. Gudrun Hentges (Hochschule Fulda), gemeinsam initiiert und realisiert haben.

Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung zu dieser Tagung, die im Hochschulzentrum Fulda Transfer stattfand. Prof. Dr. Khakzar, Präsident der Hochschule Fulda, und Dr. Dippel, Bürgermeister der Stadt Fulda, betonten in ihren Grußworten die äußerst produktive Zusammenarbeit zwischen den Kooperationspartnern, der HLZ, der Stadt Fulda und der Hochschule, und wünschten der Tagung ein gutes Gelingen.

Im Zentrum der diesjährigen Tagung stand die kulturelle und politische Bildung für jugendliche Migrantinnen und Migranten. Die Thematisierung der Bildung im Einwanderungsland Deutschland ist von großer Aktualität: Mittlerweile weist ein Fünftel aller in Deutschland lebenden Menschen (und jedes dritte Kind unter sechs Jahren) einen Migrationshintergrund auf. In städtischen Ballungszentren haben bereits mehr als 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Insofern wird deutlich, dass die Einwanderungsgesellschaft auch mit Blick auf die interkulturelle Öffnung der Institutionen der kulturell-politischen Bildung vor neuen Herausforderungen steht, so Jansen und Hentges in ihrem einleitenden Beitrag.

Die geladenen Referentinnen und Referenten widmeten sich diesen Fragen aus verschiedenen Perspektiven: Prof. Dr. Thomas Kunz (Fachhochschule Frankfurt am Main) thematisierte am Beispiel einer Foto-Lovestory die stereotype Darstellung von Migrantinnen, Migranten und deutschen Jugendlichen in einem Jugendmagazin.

Ayse Güleç, Kulturzentrum Schlachthof Kassel, präsentierte das Projekt einer Kulturwerkstatt zum Thema Krise und krisenhaftes Leben. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern wurden Jugendliche dazu angeregt, unter Verwendung künstlerisch-ästhetischer Mittel das Thema Krise zu bearbeiten. Die von Ayse Güleç präsentierten Ergebnisse – eine Video-Schleife und eine dokumentarisch-filmische Collage aus Beobachtungen, Statements und Antworten – verweist auf die Bandbreite der möglichen Methoden der kulturell-politischen Bildung.

Michael Stenger präsentierte ein innovatives Projekt zur Betreuung von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. Die von ihm im Jahre 2000 gegründete SchlaU-Schule („Schulanaloger Unterricht für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge“) umfasst mehrere Dimensionen: Voraussetzung für den Bildungserfolg, so wurde in dem Vortrag von Michael Stenger deutlich, ist in erster Linie die Stärkung der Persönlichkeit der jungen Flüchtlinge, die häufig traumatische Erfahrungen gemacht haben. Darüber hinaus bietet die SchlaU-Schule Alphabetisierungs- und Deutschkurse für die Kinder und Jugendlichen an. Ein großer Anteil der jungen Flüchtlinge absolviert einen Schulabschluss (auch an weiterführenden Schulen). Bemerkenswert ist die hohe Erfolgsquote hinsichtlich der Vermittlung in Praktika (95 %) und Ausbildungen (75 – 80 %).

Prof. Dr. Susanne Lang (Hochschule Mannheim) befasste sich in ihrem Vortrag mit den Möglichkeiten, Leibeserfahrungen in die Jugendbildung zu integrieren.

Prof. Dr. Gudrun Hentges und Prof. Dr. Almut Zwengel (Hochschule Fulda) stellten Ergebnisse eines Lehr-Forschungs-Projektes vor, an dem auch Studierende einbezogen waren. Gegenstand der qualitativen Untersuchung waren die Orientierungskurse und die Vermittlung des Wissens über Grundrechte. Die von den beiden Hochschullehrerinnen präsentierten Ergebnisse ließen deutlich werden, dass die top-down Perspektive bei der Vermittlung von Wissen und Kenntnissen in Bezug auf Rechtsordnung, Geschichte und Kultur der Bundesrepublik Deutschland häufig an den Lernvoraussetzungen der migrantischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorbeigeht. Deutlich wurde, dass sich das deutsche Modell – im Gegensatz zu anderen in der EU realisierten Konzeptionen – sehr stark an den Lernvoraussetzungen der Einbürgerungswilligen orientiert. Die Referentinnen plädierten für einen stärkeren Alltagsbezug und für eine Auswertung der europaweiten Erfahrungen mit Orientierungskursen, die mittlerweile in 9 EU Staaten für Einwanderer angeboten werden.

Deutlich wurde an der Bandbreite der Präsentationen, wie unterschiedlich die Zugänge (bottom up vs. top down) zur kulturellen und politischen Bildung sein können. Einige Projektbeispiele – wie z.B. die SchlaU-Schule – wären ohne das überaus große Engagement ihrer Initiatoren nie zustande gekommen. Andere Projekte kultureller Bildung konnten an die langjährigen Erfahrungen eines kommunal etablierten Kulturzentrums anknüpfen und ließen sich von der Dokumenta Kassel inspirieren. Dem gegenüber repräsentieren die Integrations- und Orientierungskurse die top down Perspektive. Einige der damit verbundenen Probleme – fehlende Alltagsperspektive und Alltagsrelevanz – resultieren daraus. Wichtig wäre jedoch, dass die verschiedenen Projekte in einen Dialog treten, um voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu inspirieren.

Insofern stehen die theoretischen Debatten über außerschulische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft noch am Anfang. Diese Tagung leistete einen Beitrag dazu, die Debatten über kulturell inspirierte politische Bildung und politisch inspirierte kulturelle Praxen voranzutreiben.

Visited 1 times, 1 visit(s) today
Close