Fulda. Die am 7. Juni 1885 durch Preußen für die Provinz Hessen-Nassau erlassene Kreisordnung forderte den Kreisausschuss dazu auf, jährlich für das jeweils zurückliegende Geschäftsjahr einen Tätigkeitsbericht über “die Verwaltung und den Stand der Kreiskommunalangelegenheiten“ vorzulegen. Vor 100 Jahren, 1910 also, entledigte sich der Kreisausschuss des Kreises Fulda dieser Pflichtübung zum 25. Mal.
Bei der Zusammenstellung der kreisbezogenen Jahresdokumentation blieb stets ein gewisser Raum für Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung. Wegen der Kreisangehörigkeit von Fulda findet dabei auch Zahlenmaterial der Stadt Berücksichtigung. Darüber hinaus erscheinen in dem Bericht statistische Daten, die auf die damals existierenden, dem Landkreis zugeordneten Gutsbezirke Bezug nehmen. Der Begriff „Gutsbezirk” definiert jene bis 1927 im Kreis Fulda bestehenden, auf Forst- oder Agrarwirtschaft ausgerichteten Verwaltungseinheiten, in denen aufgrund eines althergebrachten Patrimonium-Systems der jeweilige Gutsbesitzer oder der staatlicherseits bestellte Forstvorsteher die Verwaltungsgewalt ausübte.
Unter Zugrundelegung der Resultate der 1910 durchgeführten Volkszählung lebten im Landkreis Fulda in 114 Gemeinden, elf Gutsbezirken und der Stadt Fulda insgesamt 63.197 Menschen. Davon entfielen auf die Stadt Fulda 22.487 (darunter 711 aktive Militärpersonen), auf die Landgemeinden 40.461 und auf die Gutsbezirke 249 Einwohner. Die “ortsanwesende” Bevölkerung war, abgesehen von 62 Personen in Heimen und Anstalten, in 12.458 Haushalten zu Hause.
Die Aufteilung: Stadt Fulda 4.448, Landbezirk 7.972 und Gutsbezirke 38 Einzelhaushalte. Rein rechnerisch lebten damals im Gesamtkreis Fulda durchschnittlich fünf Personen in jedem Einzelhaushalt. Es wurden insgesamt 1.914 Kinder geboren und 1.173 Personen starben im gleichen Zeitraum. Somit konnte ein Geburtenüberschuss von real 741 (!) registriert werden. Eheschließungen wurden 394 vollzogen.
Die einwohnerstärksten Landgemeindon waren: Flieden (1.824 Einwohner), Großenlüder (1.729), Salzschlirf (1.462), Petersberg (1.341), Horas (1.323) und Künzell (1.076). Am Ende der Tabelle rangierte mit 37 Einwohnern die Ortschaft Reinhards. Was die Flächenausdehnung anbetraf, so umfasste der Kreis Fulda 61.378 Hektar.
Davon gehörten zum Bereich der Stadt Fulda 948 Hektar. Demzufolge betrug die Fläche des Landbezirkes (einschließlich Gutsbezirke) 60.430 Hektar. Bezogen auf die Bevölkerungsverhältnisse lebten auf einem Quadratkilometer 2.371 Einwohner in der Stadt, im Landbezirk einschließlich der Gutsbezirke waren es 67 Bewohner, während im gesamten Kreisgebiet 103 Personen auf einen Quadratkilometer kamen.
In 71 kreisangehörigen Gemeinden und in der Stadt Fulda gab es insgesamt 76 Volksschulen. 72 davon hatten den Status katholischer Lehranstalten, zwei waren für evangelische und zwei für jüdische Schüler bestimmt. An diesen Bildungseinrichtungen unterrichteten insgesamt 198 Lehrpersonen. In der Stadt Fulda waren es 32 Lehrer und 38 Lehrerinnen, im Landbezirk bestand der Lehrkörper aus 90 männlichen und 38 weiblichen Lehrkräften. Insgesamt besuchten im Schuljahr 1910 10.929 Kinder diese Bildungsstätten im Kreisgebiet.
Bezogen auf die städtischen Volksschulen, schlug die Schulkinderzahl mit 2.690 zu Buche.
In den 73 Bildungsstätten der Gemeinden bestanden 40 einklassige Schulen, in 22 Einrichtungen unterrichteten je zwei Lehrkräfte, in fünf Schulen je drei, in zwei je vier, in drei je fünf und in einer Schule vermittelten sechs Lehrer/innen den Lehrstoff. An insgesamt 19 Volksschulen im Gesamt-Kreisgebiet bestand zu dieser Zeit akuter Schulnotstand durch überfüllte Klassen. Am Beispiel der Volksschule Neuhof, seinerzeit die einzige sechsklassige im Fuldaer Landbezirk, lässt sich dies belegen: Am 4. April 1910 besuchten in Neuhof 381 Schüler/innen die dortige Anstalt. Dies entspricht einem Schnitt von 63,5 Schüler/innen je Klasse.