Lauterbach. Kreispolitiker, darunter Dieter Boss, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses, Landtagsabgeordneter Kurt Wiegel sowie etliche Vertreter der Landwirtschaft, darunter Kreislandwirt Norbert Reinhardt, informierten sich über das Energieprojekt „Prograss“. Nach der offiziellen Inbetriebnahme vor vier Wochen (wir berichteten) fiel nun der Startschuss für eine breite Öffentlichkeitskampagne.
Karl-Peter Mütze, Leiter des Amtes für den ländlichen Raum, teilte die aktuellen Besichtigungstermine mit: dreimal je Mittwoch, und zwar am 14. April, am 12. Mai und am 16. Juni, jeweils ab 14.00 Uhr und am Sonntag, dem 30. Mai, ab 11.00 Uhr kann die Versuchsanlage auf dem Sonnenhof bei Lauterbach-Frischborn besichtigt werden. Nähere Informationen gibt es hier: www.prograss.eu und über Diplom-Ingenieur Lorenz Kock, lorenz.kock@vogelsbergkreis.de
Vizelandrat Gerhard Ruhl und Kreisstadt-Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller betonten die Chancen, Naturlanderhaltung mit Hochtechnologie zu verzahnen. Die Erhöhung der Wertschöpfung für heimische Landwirte sei ebenso bedeutsam wie der Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt des Artenreichtums.
Staatssekretär Weinmeister hob den Modellcharakter für andere Regionen hervor. Der Vogelsberg trage dazu bei, die hessischen Klimaschutzziele bis 2020 zu erreichen. Bis dahin soll 20 Prozent des Energiebedarfs aus alternativen Quellen geschöpft werden.
MdL Kurt Wiegel, zugleich Vorsitzender des Bauernverbandes, sagte: „Wir müssen die Zukunft in die eigene Hand nehmen. Wir wollen hier im Vogelsberg für Europa einen Meilenstein legen. Auch Naturschutzflächen müssen eine Wertschöpfung erlangen können.“ Ein hohes Lob sprach Wiegel Diplom-Ingenieur Lorenz Kock vom Amt für den ländlichen Raum aus, der sich auf dem Feld der Bioenergie sehr stark für den Kreis engagiere. Kreislandwirt Norbert Reinhardt betonte die Wichtigkeit der Wirtschaftlichkeit des neuen Bioenergieprojekts. Walter Kress vom Naturschutzbund verwies auf die Erhaltung der Bio-Diversität der hochwertigen Vogelsberger extensiven Wiesen, die mit dem Projekt besser erhalten werden könne.
In dem Projekt kooperiert das Amt für den ländlichen Raum in der Vogelsberger Kreisverwaltung mit der Universität Kassel, der Estonian University of Life Sciences in Tartu (Estland) und dem Institute of Biological and Rural Sciences IBERS in Aberystwyth (Wales). Eine europaweit einzigartige Forschungsanlage ist im März 2010 in Betrieb genommen worden. Sie steht in Lauterbach-Frischborn. Mit ihr soll erforscht werden, wie in hoher Effizienz gleichzeitig Strom, Wärme und vor allem Festbrennstoff aus Gras hergestellt werden kann.
Prograss steht in einer Reihe von Vogelsberger Projekten, die einen Beitrag zum Klimaschutz und zur Stärkung der Region mit all ihren Potenzialen leisten sollen. Es ist bereits gelungen, im Rahmen des Landesprojektes „Bioregio-Holz“ die Ressource Holz energetisch besser zu nutzen mit dem Effekt, dass etliche Schulen und öffentliche Gebäude auf eine Wärmeversorgung auf der Basis von Holz umgestellt werden konnten. Durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit ist die Berücksichtigung von bisher ungenutzter Biomasse als Beitrag zur künftigen Energieversorgung der Region stärker in das Bewusstsein der Bürger gebracht worden.
Darauf aufbauend, hat der Vogelsberg mit seinem Entwicklungskonzept Bioenergie erfolgreich an einem Bundeswettbewerb teilgenommen. Die daraus entstandene „Bioenergieregion Mittelhessen“ ist unter anderem deshalb so erfolgreich auf Bundesebene gewesen, weil sie auf alleinstellende und innovative Projekte, wie das transeuropäische Life+-Projekt „Prograss“ habe verweisen können.
Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft und die damit stark zurückgehende Zahl der Rauhfutter fressenden Tiere existiert ein erhebliches Nutzungsproblem auf den biologisch wertvollen Wiesen und Weiden des Vogelsberges. Nur Beweidung, die auch eine entsprechende Vermarktung erfordert, ist das Problem der Unternutzung des artenreichen Grünlandes nicht in den Griff zu bekommen.
Durch die Anlage in Lauterbach-Frischborn wird in idealer Weise die Möglichkeit der energetischen Nutzung des Aufwuchses wissenschaftlich untersucht. „Es können jetzt belastbare Daten ermittelt werden, die eine Entwicklung vom Technikumsmaßstab der Anlage in Frischborn zu einer Anlage für die Realität ermöglichen“, sagte Landrat Marx bei der offiziellen Inbetriebnahme im März.
Zielsetzung ist die Erhaltung der artenreichen Kulturlandschaft, verbunden mit einer zusätzlichen Wertschöpfung in der Landwirtschaft. Darüber hinaus soll ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet und die schrittweise Abkehr von den fossilen Energieträgern begonnen werden.
Das Anlagenprinzip:
Die Bereitstellung des Ausgangsmaterials in Form von ballierter Silage ermöglicht einen ganzjährigen und kontinuierlichen Betrieb der Anlage. Die Silage wird der Anlage zugeführt und mit ca. 40 Grad Celsius warmen, im Kreislauf zirkulierenden Wasser gemaischt. Durch diesen Vorgang werden die bei einer späteren Verbrennung des Materials hinderlichen, weil korrosiv wirkenden Elemente wie Chlor und Schwefel, ausgewaschen. Anschließend wird das gemaischte Substrat mit einer Schneckenpresse abgepresst und der Presssaft in einen Biogasfermenter gepumpt. Das dort entstehende Biogas wird für die Erzeugung von für den Betrieb der Anlage notwendigen Strom und Wärme verwendet. So wird die Wärmeenergie zum Trocknen des Presskuchens genutzt der nach einer Pelletierung als Regelbrennstoff nutzbar sein soll. Zusätzlich erzeugter Strom kann ins öffentliche Netz eingespeist werden.
Dieses geschlossene System ist einer herkömmlichen Biogasanlage vergleichbar jedoch erhält man zusätzlich einen handelbaren Festbrennstoff. Der Wirkungsgrad der Anlage ist demzufolge deutlich besser im Vergleich zur klassischen Biogasproduktion.

