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Volle Stadtkirche bei „Ich habe dich ein klein Augenblick verlassen“ – Kammerchor Meiningen begeistert bei „Bach 2020“

Thüringen ist das Stammland des Bach-Geschlechts. Umso schöner, dass das zweite Konzert in der Kantatenreihe „Bach 2020“ von einem Chor aus Thüringen gestaltet wurde: Der Kammerchor Meiningen brachte die Kantate „Ich habe dich ein klein Augenblick verlassen“ des Tanner Bach, Johann Michael Bach (1745-1820) zu Gehör.
Dieses Werk war zugleich auch Ausgangspunkt für die weitere Programmgestaltung. So führten Werke, die sich den Themen Trost, Vertrauen und Zuversicht widmeten, unmittelbar zur Kantate selbst hin. Das „Kyrie“ aus Christian Heinrich Rincks „Missa“ op. 91 eröffnete den Abend. Herrlich, wie Rinck aus der Tiefe und simpler Einstimmigkeit peu a peu einen kraftvollen Chorsatz mit dezenter Orgelbegleitung entstehen lässt. Der Meininger Stadtkantor Sebastian Fuhrmann führte den flexiblen Chor mit großer Umsicht, tiefgründiger Feinheit und musikalischer Präzision. Gleiches gelang bei Moritz Hauptmanns „Meine Seel‘ ist stille zu Gott“, in dem besonders klare Linienführung beindruckendes Zeichen chorischer Transparenz bot.

Martin Luthers Lied „Vater unser im Himmelreich“ ist eine Paraphrasierung des Vaterunsers. Die neun Strophen des Liedes erklangen als Partita: Chor und Sopranistin Anna Ziert nahmen sich abwechselnd der Strophen an. Dazwischen ließ Kantor Thomas Nüdling selbstkomponierte Variationen erklingen, die den Text der zuvor gehörten Strophe eindrucksvoll ausdeuteten und dabei zugleich die Farbenvielfalt der Tanner Orgel bestens zur Geltung brachten.

Im zweiten Teil des Konzertes standen zwei Werke des Tanner Bach auf dem Programm. Zunächst das Klavierkonzert Nr. 5 in D-Dur, bei dem Kantor Thomas Nüdling das Solo an der Orgel übernahm. Besonders gefiel die Agilität der Sätze, denen Sebastian Fuhrmann durch wohlüberlegte Tempi ihre entsprechenden Charakteristika entlockte: Einem kernigen Allegro folgte ein lyrisches Adagio voller Ruhe, bevor das quirlige Presto den instrumentalen Part beschloss.
Den Abschluss bildete die Kantate „Ich habe dich ein klein Augenblick verlassen“. Im gleichnamigen Eröffnungschor legten der Kammerchor Meiningen und das Rathgeberensemble Fulda besonderen Wert auf die Schärfung musikalischer Figuren, die Fuhrmann den Ensembles abverlangte. In der Arie „Friede, holder Seelen Friede“ gefiel besonders das Zusammenspiel von Orchester und Solistin Anna Ziert: In geradezu seligem Tempo und sanftmütigem Duktus floss der Frieden durch die einzelnen Stimmen, belebt durch Floskeln, die sich Solistin und Instrumente gegenseitig zuspielten.

Zur Kantate selbst gestaltete Theologiestudent Marius Hübner einen anregenden Impuls als Dialog zwischen älterer und jüngerer Generation. Darin ging er der Frage der Gottverlassenheit im Leben der Menschen nach. In der modernen Form eines Poetry-Slam erinnerte Hübner an aktuelle Entwicklungen wie etwa den Anschlag in Hanau, die Brände in Australien und die Ausbreitung des Corona-Virus. Trotz allem: Gott schenke Trost und Hoffnung und erweise sich auch in schweren Zeiten als der „Ich bin da“.

Zum besonderen Ambiente in der Stadtkirche trug auch die Illumination bei, für die sich die Technik-AG der Wigbertschule Hünfeld verantwortlich zeichnete.

Die nächste Aufführung einer Tanner Bach-Kantate erfolgt am Sonntag, 5. April 2020 um 17 Uhr: „Canticum Novum“ (Dermbach) und das Rathgeberensemble Fulda lassen unter der Leitung von Dr. Hans Aschenbach neben a-cappella-Musik auch die Kantate „Die ihr den Herren liebet“ Johann Michael Bachs erklingen. Constantin von Hertwig übernimmt den Tenor-Solopart, Theologiestudent Martin Hartung gestaltet einen Impuls.

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