Tann. Bilder berühmter Profis und talentierter Laien in trauter Eintracht, so könnte man das Konzept einer Ausstellung auf den Punkt bringen, die am Muttertag eröffnet wurde und noch bis Anfang Juni zu sehen ist. Zum 15. Mal veranstaltet die Tanner Diakonie ihr jährliches „Gestatten, Kultur!“. Dabei sind Bilder bekannter Maler und Arbeiten heimischer Menschen mit Beeinträchtigungen vereint. Ein spannender Cocktail. In diesem Jahr hat die Ausstellung ein besonders hohes Niveau: Erstmals sind auch etliche Originale deutschlandweit bekannter Künstler dabei, allen voran fünf Werke des Bauhausmeisters Georg Muche.
Wie kommen Werke eines berühmten Bauhausmeisters nach Tann in die Rhön? Der Schlüssel zur Antwort auf diese Frage ist der Kunstsammler Kuno Kallnbach. Der 82-Jährige wurde in Wendershausen geboren und lebt hier noch immer, voller Begeisterung für die Natur im schönen Ulstertal.
Der gelernte Wagenbauer übte jahrzehntelang den Beruf des Versicherungskaufmanns aus und betrieb von Tann aus eine Agentur für öffentlich-rechtliche Versicherungen, allen voran die Hessische Brandversicherung. In diesem Beruf muss man vor allem eines sein: kontaktfreudig. Jeder, der Kuno Kallnbach persönlich kennenlernt, wird bestätigen, dass im Dialog mit ihm die Chemie auf Anhieb stimmt.
Genau das, seine Aufgeschlossenheit und Freude am Kontakt mit Menschen, ließ Kallnbach zum Kunstsammler werden. Durch Zufall besuchte er in den 70er-Jahren in der Hohen Tatra eine Ausstellung, interessierte sich für den Künstler, suchte ihn in seinem Atelier auf – und war fortan der Kunst verfallen.
In schneller Folge lernte er immer neue zeitgenössische Künstler kennen und erwarb von ihnen Originale. Über den Sohn des berühmten Malers Paul Klee kam er 1983 in Kontakt mit Professor Georg Muche, der eine Weile in Fulda zur Schule gegangen war. Später trat sein Vater eine Stelle als Gutsverwalter (Rentmeister) auf Schloss Ramholz bei Schlüchtern an.
Aus dem von Felix Klee hergestellten Kontakt zu Muche entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen. So war der Bauhausmeister mehrfach in Tann bei Familie Kallnbach, ohne dass die Medien dies mitbekamen (s. Foto). Viele Dutzend in seinem Besitz befindliche Originalwerke erinnern den Sammler Kallnbach an den bereits vor vielen Jahren verstorbenen Freund. Auch Arbeiten von Paul Klee sind in Kallnbachs Besitz. Interessant daran ist, dass auch Klee Verbindungen zur Rhön hat: Seine Vorfahren stammten aus Tann.
Tann ist jedoch nicht nur ein heimliches Kunst-Städtchen, sondern ebenfalls der Sitz einer bekannten Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen: der Tanner Diakonie. Die Einrichtung bietet ihren Bewohnern und Tagesgästen und Klienten seit vielen Jahren auch die Möglichkeiten zu künstlerischer Betätigung. Als Kurator konnte dafür der Kunsttherapeut und Musiker Bernd Baldus gewonnen werden. Zusammen mit seinen Schützlingen veranstaltet er seit 1999 jährlich eine Ausstellung, in der Werke aus dem Umfeld der Tanner Diakonie in trauter Eintracht mit Bildern renommierter Künstler gezeigt werden. Stefan Burkard, Geschäftsführer der Tanner Diakonie, unterstützt die Projektarbeit mit viel Engagement und ist zu Recht stolz auf die Ausstellung, deren Vernissage am Muttertag viele Gäste anlockte.
„Wir sind sehr stolz darauf, dass wir zu unserer 15. Ausstellung Werke so bedeutender Künstler zeigen können“, betont Baldus. „Neben Georg Muche, der mit fünf Originalen vertreten ist, werden auch Albrecht Gehse, Eberhard Gollner, Fritz Eisel, Heinrich Neuy und Alexander Wecker-Bergheim, Vater von Konstantin Wecker, präsentiert. In Kunstkreisen sind das klangvolle Namen.“ Von Albrecht Gehse stammt übrigens das bekannte Ölgemälde des langjährigen Bundeskanzlers Helmut Kohl, das in der Ahnengalerie des Kanzleramts hängt.
Die ebenfalls sehenswerten Werke der sieben Bewohner der Tanner Diakonie befinden sich somit in bester Gesellschaft. So kann sich der Besucher im Naturmuseum an einem Mix an Kunstwerken erfreuen, den man in dieser Zusammenstellung nirgendwo anders zu sehen bekommt. Auf nach Tann!
Gestatten, Kultur!
Unter diesem Titel zeigt eine Ausstellung im Naturmuseum zu Tann vom 12. Mai bis zum 9. Juni 2013 ausgewählte Werke der Kunstsammlung Kallnbach sowie zahlreiche Bilder von Künstlern der Tanner Diakonie. Die Ausstellung läuft bis zum 9. Juni 2013. Sie ist täglich außer Montag von 10.00 bis 17.00 Uhr zu sehen. Das Naturmuseum befindet sich (von Fulda kommend) links hinter dem bekannten Tanner Stadttor. Die Ausstellung „Gestatten Kunst!“ findet unter jährlich wechselnden Vorzeichen zum 15. Mal in Folge statt und zieht Jahr für Jahr Kunstfreunde aus nah und fern in die Rhönstadt.
Info
Beim Stichwort „Bauhaus“ denken viele zuerst an Architektur und Design. Doch die Architekten, Handwerker und Kreativen am „Staatlichen Bauhaus“ in Weimar, das zwischen 1919 und 1933 bestand, widmeten sich auch der Kunst. Diese Vielschichtigkeit machte das Bauhaus zur Keimzelle der Klassischen Moderne.
Einer der Schlüsselfiguren um Bauhaus-Gründer Walter Gropius war Georg Muche (1895-1987), der als Kopf hinter dem Musterhaus „Am Horn“ sowie dem „Stahlhaus Dessau“ stilprägende Verdienste erwarb. Muche war auch als Maler und Grafiker tätig und hinterließ beeindruckende abstrakte und gegenständliche Bilder. Ein bedeutender Teil dieses Gesamtwerks befindet sich in sicherer Verwahrung im Depot eines Kunstsammlers aus Tann. Fünf Werke des berühmten Bauhausmeisters Muche sind zurzeit in Tann zu sehen – zusammen mit vielen weiteren Werken anderer Maler. Für Kunstfreunde ein Leckerbissen.