Fulda. Zu einem Forum Fachkräftesicherung hatte das Hessische Kultusministerium über den Hessencampus Fulda in die hiesige Richard-Müller-Schule eingeladen. Im Mittelpunkt der Arbeit des Hessencampus in Fulda steht die trägerübergreifende Bildungsberatung (www.hessencampus-fulda.de). Vor rund 150 Gästen referierten verschiedene Experten zum Thema „Nachqualifizierung – Potentiale und Perspektiven durch regionale Kooperationen“.
Professor Dr. Horst Weishaupt vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung erläuterte die Auswirkungen der Demografie auf den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren. Die Erwerbsquote bei Frauen und Migranten müsse stark steigen. Zudem sollten Frauen zukünftig länger in Vollzeit tätig bleiben können, so Weishaupt. Der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt komme diesem Erfordernis entgegen. Denn die personenbezogenen Dienstleistungen, in denen ohnehin schon heute mehr Frauen als Männer arbeiteten, würden stark zunehmen. Damit wäre auch die Verlängerung der Erwerbsdauer einfacher möglich, da Dienstleistungsberufe länger ausgeübt werden könnten.
Weishaupt ging auch auf die Notwendigkeit der Nachqualifizierung ein. In Deutschland gebe es sieben Millionen unqualifizierte Arbeitskräfte, 20 Prozent davon seien arbeitslos. Trotz demografischen Wandels würde sich daran in den nächsten Jahren nichts ändern, wenn nicht mittels nachholender Qualifizierung für Personen mit niedrigem Bildungsstand gegengesteuert werde. Weitere Ansatzpunkte für die zukünftige Fachkräftesicherung seien die Verbesserung der Wiedereinstiegsbedingungen nach einer Beschäftigungspause sowie der Ausbau der Anpassungsqualifizierung für Menschen mit Migrationshintergrund. Prädestiniert für diese Bildungsaufgaben sind nach Meinung Weishaupts die Berufsschulen. Denn sie würden über die entsprechenden Erfahrungen und Ausstattungen verfügen, seien flächendeckend vorhanden und zudem eng mit der regionalen Wirtschaft vernetzt.
Sascha Schur von der Bundesagentur für Arbeit stellte den Arbeitsmarktmonitor vor. Es handelt sich dabei um ein Instrument der Agentur, mit dem sich regionale Besonderheiten am Arbeitsmarkt abbilden lassen. Schur machte deutlich, dass im Hinblick auf Demografie, soziale Verhältnisse und Bildungsniveau erhebliche Unterschiede zwischen den Regionen zu konstatieren seien.
Dr. Christa Larsen, Sophie Westenberger und Miriam Sophie Wiesen vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur an der Goethe-Universität in Frankfurt stellten das Projekt “Branchenspezifische Nachqualifizierung von un- und angelernten Beschäftigten in hessischen KMUs (Klein- und Mittelständische Unternehmen)“ vor. Die Betriebe würden ihre Un- und Angelernten gar nicht als potentielles Fachkräftepotential wahrnehmen. Mit niederschwelligen Bildungsangeboten und einer prozessorientierten Weiterbildung verbunden mit einer schrittweisen Hinführung bis zum Berufsabschluss, hätten die Betriebe enorme Chancen, zusätzliches Fachkräftepotential zu erschließen. Allerdings sei diesbezüglich noch sehr viel Bewusstseinsarbeit erforderlich, wobei die Bildungsträger aktiv auf die Betriebe zugehen müssten.
Eine gute Ergänzung zu dieser Thematik lieferte Andreas Habermehl von der Handwerkskammer Wiesbaden, der auf die abschlussorientierte Nachqualifizierung durch Externenprüfungen einging. Un- und Angelernte, die über einige Jahre Berufserfahrung verfügten, könnten sich als Externe zur Gesellenprüfung oder einer vergleichbaren Abschlussprüfung anmelden. Bei den Zulassungsvoraussetzungen seien dabei ausländische Abschlüsse angemessen zu berücksichtigen.
v.li. Landrat Bernd Woide, Michael Friedrich, Leiter der vhs-Fulda und Geschäftsführer des Hessencampus Fulda, Hans-Peter Hochstätter vom Hessischen Kultusministerium, Claudia Hümmler-Hille, Schulleiterin der Richard-Müller-Schule, Professor Dr. Horst Weishaupt, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung  Foto: heydenreich