Fulda. „Wir leiden an einer großen Krise des Menschseins. Wir haben die Würde der Menschen vergessen“ war ein Kernsatz des guatemaltekischen Bischofs Alvaro Ramazzini im Rahmen einer Konzertlesung mit dem DUO Porto La Plata und dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer des bischöflichen Hilfswerks Misereor, Prälat Josef Sayer im Marmorsaal des Fuldaer Stadtschlosses. Dazu hatte das Solidaritätswerk der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) zusammen mit dem Weltladen Fulda, der Agenda Arbeitsgruppe „Faires Fulda“ und der Menschenrechtsorganisation FIAN eingeladen.
Vor fast 100 Zuhörern rief der Bischof der guatemaltekischen Diözese Huehuetenango zur Solidarität mit den Menschen in dem Mittelamerikanischen Staat auf. „Für die Globalisierung gibt es keine Grenzen, aber die Migranten erleben harte Grenzen“ geht Ramazzini auf die armutsbedingte Flucht vieler Menschen nach Mexiko und in die USA ein. Familiäre Strukturen würden dadurch zerstört, Kinder und Jugendliche verlören ihren Halt bei gleichzeitig andauernder Perspektivlosigkeit. Die Tatsache, dass knapp 60 % aller Kinder unter 3 Jahren chronisch unterernährt seien verdeutliche die Armut in dem Land. Nach Ansicht des Bischofs müsse dies nicht sein, würden nicht der Großteil der Ernten von Mais, Bohnen, Bananen und anderen Früchten exportiert.
Die Spekulation mit Lebensmitteln als auch die Erzeugung von Biosprit seien dabei ein fataler Anreiz zum Export der im Land benötigten Nahrungsmittel. Fehlende und nicht eingehaltene Arbeitsvorschriften, extrem lange Arbeitszeiten, niedrigste Löhne und das Fehlen jeglicher sozialer Absicherung verschärften die Situation. Auch der Klimawandel, von dem Guatemala nach internationalen Untersuchungen im Jahr 2010 weltweit am zweitstärksten betroffen war, verschärfe die Situation. Die wirtschaftsorientierte auf maximalen Profit ausgerichtete Globalisierung führe zu einer Disharmonie zwischen Mensch und Natur. „Weder Geld, Macht noch Vergnügen bringen Einklang in das menschliche Miteinander und zur Schöpfung“ so der schon mehrfach mordbedrohte Sozialbischof. Die Realität sei, dass der Mensch nur so viel wert ist, wie er an materiellen Gütern besitze statt im Menschsein an sich den höchsten Wert zu sehen.
„Wir haben vergessen, dass Gott die Realität ist!“ kritisiert Ramazzini. Der Glaube an Gott und die Liebe zu ihm seien Voraussetzung zum Glauben an die Menschen und zur Nächstenliebe. Über diese im Glauben begründeten Liebe könne ein Weg zu echter Solidarität gefunden werden. Bezugnehmend auf die Partnerschaftsarbeit der KAB Fulda zur guatemaltekischen MTC (Movimiento Trabajadores Campesinos) lobte er die vielfältigen persönlichen Beziehungen zwischen Vertretern der beiden Verbände. Vorwiegend in der Begegnung auf Augenhöhe finde man Freunde und Freunde seien die wahren Schätze des Lebens.
Der ehemalige Hauptgeschäftsführer des bischöflichen Hilfswerks Misereor, Prälat Josef Sayer bestätigte aus seiner reichen Erfahrung die Ansichten des guatemaltekischen Bischofs. „Durch unsere Solidarität merken die Menschen in Guatemala, dass wir Ihnen Beachtung schenken und sie uns als Person sehr viel wert sind“. Durch diese Aufmerksamkeit könnten die Menschen nicht nur in Guatemala Hoffnung schöpfen. Die vielfältigen Projekte der KAB in dem zentralamerikanischen Land, die teilweise von Misereor unterstützt werden führten nicht nur zur Verbesserung der Lage dort, sondern seien für uns selbst eine Hilfe „Mensch zu sein“ und die Würde des Menschen über Profitsucht und Machtgier zu stellen.
Die Wortbeiträge, die von dem Mittelamerikabeauftragten der Menschenrechtsorganisation für Ernährung FIAN, Martin Wolpold-Bosien übersetzt wurden, waren eingerahmt in die musikalischen Darbietungen des Duo´s Porto La Plata. Einfühlsames bis stimmungsvolles lateinamerikanisches Liedgut wurde von Fernando Dias Costa (Gesang und Perkussion) und Anibal Civilotti (Gesang und Gitarre) dargeboten. Die teils gesellschaftskritischen Texte der Lieder, von Fernando Dias Costa übersetzt und erklärt spiegelten lateinamerikanischen Lebensalltag der Entbehrung, der Gewalt gegen Menschen und Unterdrückung wieder – aber auch die Lebensfreude der Menschen Lateinamerikas in einem scheinbar schier ausweglosen bedrückenden Umfeld.
KAB Diözesansekretär Michael Schmitt begrüßte zu Beginn für die Veranstalter KAB Diözesanpräses Pfarrer Christian Sack, für den Weltladen Iris Körper-Hinz und für die Agenda Arbeitsgruppe Faires Fulda Gudrun Jonas und drückte seine Freude aus, dass Bischof Ramazzini zum wiederholten mal sich zur Verfügung gestellt habe, Zeugnis über das Leben im zweitärmsten Land des amerikanischen Kontinents abzulegen. Für die Stadt Fulda hieß der ehrenamtliche Stadtrat Stefan Grauel sowohl die Akteure des Abends als auch die Zuhörer willkommen.
(Michael Schmitt)