Lorch im Rheingau. Die kleine Winzergemeinde Lorch ist außergewöhnlich. Ihre Lage und auch ihre Weinberglagen sind etwas Besonderes. Steil steigen die weinbestockten, schieferdurchsetzten Hänge auf und fordern Winzern und Weinlesern viel ab. Lesen auf den Knien – selbstverständlich nur von Hand – ist hier angesagt. Die Buttenträger, die die Trauben-Ausbeute in ihren Butten nach oben schleppen, müssen standfest und kräftig sein. Sonst geht’s bergab mit der köstlichen Fracht. Vierzig Prozent beträgt die Steigung im Schlossberg, wo Jasper Bruysten, Betriebsleiter des Lorcher Weinguts Altenkirch, jetzt mit seinem Team unterwegs war. Mostgewichte in Spätlese-Qualität waren der Mühe Lohn. Doch das war nur der erste Streich, denn Bruysten hat hier eine selektive Vorlese angeordnet. Aus Erfahrung weiß er: Da ist noch mehr drin.
Deshalb bleibt gut über die Hälfte der Trauben im Schlossberg noch hängen. „Die Trauben sind gesund und kräftig genug, um die letzten Sonnenstrahlen des goldenen Oktobers aufzusaugen“, sagt Bruysten. Was sich so easy anhört, birgt viele Risiken. Kippt das Wetter, muss blitzschnell gehandelt werden. Doch Bruysten behält die Nerven, und seine Mannschaft „freut“ sich schon auf die zweite Runde im Schlossberg. Wenn es nass und glitschig wird, dann kann sich die Knochenarbeit in eine Rutschparty verwandeln. „Nach unten geht’s immer schneller als nach oben“, sagt ein Lesehelfer mit Erfahrung. Ende Oktober wird dann auch in Lorch bei den Altenkirchs die Lese beendet sein. Bis dahin durchlebt Jasper Bruysten anstrengende Tage und unruhige Nächte. Schon ein leichtes Klopfen macht ihn nervös, denn Regentropfen sind das Letzte, was er jetzt gebrauchen kann.