Fulda/Eichenzell. Der deutsche Sport plant im kommenden Jahr eine Talentoffensive. Zwar dürfte aktueller Anlass das im Vergleich zu anderen Ländern (wie beispielsweise Großbritannien) eher mäßige Abschneiden der deutschen Athleten bei den vor drei Wochen zu Ende gegangenen Olympischen Spielen in London sein. Aber schon länger klagen viele Fachverbände über große Nachwuchsprobleme.
Und wenn sich immer weniger Kinder und Jugendliche vor allem für trainingsintensive Sportarten entscheiden, ist es fast schon eine logische Folge, dass die künftigen Medaillengewinner (oder auch Welt- und Europameister) ausbleiben. Dabei mag der demografische Wandel eine Rolle spielen. Hinzu kommt die einseitig auf den Fußball ausgerichtete Berichterstattung besonders in den elektronischen Medien, die dazu führt, dass die Wahrnehmung des breiten Sportangebots eingeschränkt wird und für andere Sportarten möglicherweise besser geeignete Interessenten „auf der Ersatzbank landen“, wie Sportwissenschaftler Professor Andreas Hohmann von der Universität Bayreuth drastisch formuliert. Falls sie angesichts einer von fehlenden Bewegungsanreizen gekennzeichneten Welt überhaupt noch Sport treiben.
Indessen ist sich Andreas Hohmann sicher, dass „es sportlich begabte Kinder auch in der heutigen Wohlstandsgesellschaft gibt“. Das körperliche Leistungsvermögen gerade im Kraftbereich habe eher zugenommen. Es mangele jedoch an einer zielgerichteten Talentsteuerung insbesondere über die Schulen in die Vereine. Häufig herrsche das Zufallsprinzip – mit allen negativen Begleiterscheinungen wie regelmäßigen Misserfolgserlebnissen. Weiterhin beklagt Hohmann die fehlende Zentralisierung und soziale Absicherung sowie die verbesserungswürdige Qualität der Trainerausbildung in vielen Sportarten. „Werden diese Defizite behoben, sehe ich keinen Grund, warum unsere Kinder nicht die gleichen Chancen haben sollten wie andere, sofern sie bereit sind, genau so hart und konsequent zu trainieren.“
Vor diesem Hintergrund haben der Landkreis und die Stadt Fulda in Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth eine Kampagne zur nachhaltigen Bewegungs-, Gesundheits-, Sport- und Talentförderung in der Bildungsregion Fulda gestartet. Sie werden dabei vom Staatlichen Schulamt, den Sportkreisen Fulda und Hünfeld sowie Sponsoren wie der Sparkasse Fulda und der Schwenninger Krankenkasse unterstützt. Ziel ist es, Kinder im Grundschulalter und deren Eltern zu mehr Sport und einem gesünderen Lebensstil zu motivieren. Diesem Zweck dient eine flächendeckende Erhebung des motorischen Leistungsstands im zweiten Schuljahr. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, an einem kostenlosen Bewegungscheck teilzunehmen. Auch gibt es Infoveranstaltungen zum Thema Ernährung.
Am Montag startete an der Von-Galen-Schule in Eichenzell der Fuldaer Bewegungs- und Talentcheck 2012. Im letzten Jahr hatten sich hieran fast 1.500 Schülerinnen und Schüler aus insgesamt 40 Schulen beteiligt. In diesem Jahr sind 1.810 Zweitklässler aus 43 Schulen gemeldet. (Es fehlen lediglich zehn Schulen.) Aufgrund der großen Resonanz ist eine fünfte Testwoche notwendig geworden. Auch dieses Mal werden alle Kinder (bzw. ihre Eltern) eine individuelle Auswertung mit gezielten Bewegungsempfehlungen erhalten. Die Leistungsstärksten qualifizieren sich darüber hinaus für den Talentcheck, der als zweite Stufe auf den Bewegungscheck folgt und eher sportartspezifisch ausgerichtet ist. Daneben soll es wieder ein kostenloses Bewegungstraining für Kinder mit motorischen Defiziten geben.
Auch will man bei dem zum dritten Mal durchgeführten Bewegungs- und Talentcheck versuchen, die Vereine stärker einzubinden. So gehen die Namen und Adressen der sportlich besonders begabten Grundschüler (aus datenschutzrechtlichen Gründen nach vorheriger Einwilligung der Erziehungsberechtigten) nicht mehr nur an die Talentfördergruppen und Landesstützpunkte, die es für die verschiedenen Sportarten im Kreis- und Stadtgebiet gibt. Auch interessierte Vereine haben die Möglichkeit, diese unter Telefon (0661)6006-301 oder e-Mail bewegungscheck@landkreis-fulda anzufordern, damit sie Kontakt mit den künftigen Olympioniken aus der Region aufnehmen und beispielsweise zu einem Probetraining einladen können.
Info
Beim Bewegungs- und Talentcheck geht es nicht nur um die Leistungsstarken. Aufgrund der positiven Erfahrungen im vergangenen Jahr soll das kostenlose Bewegungstraining für Leistungsschwache auf mehrere Standorte im Landkreis und zusätzliche förderungsbedürftige Kinder ausgeweitet werden.