Frankfurt. Schulische Bildungsdefizite stellen für Industrie- und Dienstleistungsregionen einen hohen Risikofaktor dar. „Je schlechter die Schulbildung ist und je weniger Schüler ihre Abschlussprüfung bestehen, desto problematischer ist es für die Wirtschaft, hochqualifizierte Fachkräfte auszubilden“, sagte Dr. Mathias Müller, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft hessischer IHKs. Daher haben die hessischen IHKs gemeinsam mit dem Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR den IHK-Bildungsmonitor entwickelt. Die interaktive Webanwendung gibt Auskunft beispielsweise über den Anteil bestandener Abschlussprüfungen (Bildungserfolg), die MINT-Ausrichtung, den finanziellen Mitteleinsatz an Schulen in Hessen sowie in den IHK-Bezirken Darmstadt und Frankfurt. „Das neue Tool, das aufgrund seiner Regionalisierung ein Novum ist, soll als Diskussionsgrundlage für alle Bildungspolitiker auf Landes- und kommunaler Ebene dienen“, unterstrich Dr. Müller. Verbesserungspotenzial sehen die hessischen IHKs vor allem in den Bereichen Bildungserfolg, MINT-Ausrichtung und Finanzierung der Schulen in Hessen.
„Der Bildungserfolg hessischer Schulen ist nur zum Teil befriedigend“, hob Dr. Müller hervor. Hessenweit ist die Bestehensquote bei Realschülern seit dem Schuljahr 2003/04 mit 95 Prozent weitgehend konstant. An Gymnasien allerdings lag der Anteil bestandener Abschlussprüfungen im Schuljahr 2009/10 lediglich bei 81 Prozent und an Hauptschulen bei 88 Prozent im Schuljahr 2007/08. Sieben Jahre zuvor schnitten die Hauptschulen mit einer Bestehensquote von 78 Prozent noch schlechter ab.
Auf regionaler Ebene zeigt der Bildungsmonitor folgendes Bild: Die durchschnittliche Bestehensquote lag 2009/2010 im IHK-Bezirk Frankfurt bei Hauptschulen bei 83 und bei Gymnasien bei rund 85 Prozent. Im IHK-Bezirk Darmstadt lag der Durchschnitt bestandener Abschlussprüfungen im gleichen Schuljahr bei 88 Prozent bei Hauptschulen und 81 Prozent bei Gymnasien. „Angesichts des Fachkräftemangels benötigt die hessische Wirtschaft jeden Schulabgänger. Die Schulen müssen deshalb daran arbeiten, dass der Anteil der bestandenen Abschlussprüfungen steigt und die Unternehmen auf ausbildungsreife Schulabgänger zurückgreifen können“, forderte Dr. Müller vor dem Hintergrund dieses Ergebnisses.
Probleme bereitet den hessischen Schülern insbesondere das Fach Mathematik. Die Durchschnittsnote in der Abschlussprüfung in Mathematik lag im Jahr 2010/11 bei Hauptschulen bei 3,4 und bei Realschulen bei 3,0. „Hier wünscht sich die Wirtschaft eine deutliche Verbesserung. Die duale Ausbildung muss auf den Schulkenntnissen aufbauen und nicht der Ausgangspunkt dafür sein, dass die Ausbildungsreife erst durch Nachhilfeunterricht im Betrieb erworben wird“, betonte Dr. Müller.
Verbesserungspotenzial sehen die hessischen IHKs zudem im Bereich MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). „Hinsichtlich der MINT-Ausrichtung müssen sich die Schulen weiter verbessern“, forderte Dr. Müller. Zwar sei der Anteil der Gymnasiasten, die sich für einen MINT-Leistungskurs entschieden hätten, in den letzten zehn Jahren gestiegen, die Teilnehmerzahl an fakultativen Projekten wie „Jugend forscht“ habe jedoch dramatisch abgenommen. Im Vergleich zu 2006/07 verzeichnete das Projekt im Jahr 2010/11 rund 40 Prozent weniger Teilnehmer, das sind rund 100 Schüler. Die Begeisterung für MINT hat im IHK-Bezirk Frankfurt im gleichen Zeitraum sogar um 75 Prozent abgenommen. Im Unterschied zum Hessendurchschnitt steht der IHK-Bezirk Darmstadt glänzend da. Ein Drittel aller Teilnehmer kommen von dort. Ursächlich dafür sei unter anderem das vielfältige außerschulische Angebot, das zahlreiche Einrichtungen des Wissenschaftsstandortes anbieten, so der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft hessischer IHKs.
Transparenz schafft der IHK-Bildungsmonitor zudem im Bereich Finanzierung. Hessenweit wurden im Jahr 2009/10 im Durchschnitt 1.295 Euro pro Schüler ausgegeben. Im IHK-Bezirk Darmstadt lag der Schnitt bei lediglich 786 Euro pro Schüler und im IHK-Bezirk Frankfurt bei 2.240 Euro. Wobei sich in den einzelnen Landkreisen die finanziellen Aufwendungen zum Teil erheblich unterscheiden. „Hier sieht die Arbeitsgemeinschaft hessischer IHKs die Gefahr ungleicher Bildungschancen. Obwohl das Schulsystem in Hessen einheitlich ist, ist die Finanzierung regional doch sehr unterschiedlich. Wir brauchen jedoch Investitionen in Schulen, um allen die gleichen Bildungschancen einzuräumen,“ sagte Dr. Müller. An dieser Stelle erwarteten sich die IHKs einen Dialog der Schulträger und der Landespolitik mit der Wirtschaft.
Der Bildungsmonitor steht unter: http://www.wifor.eu/bm-hessen10/