Fulda/Büdingen. Die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, hat Anfang Juli 2012 und Anfang August 2012 die beiden Multiplikatorenschulungen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland besucht und die Grüße der Hessischen Landesregierung, insbesondere von Ministerpräsident Volker Bouffier und von Sozialminister Stefan Grüttner überbracht.
Bei der Veranstaltung in Fulda referierte die Landesbeauftragte über die neue Härtefallregelung im Bundesvertriebenengesetz und informierte die Teilnehmer auch anhand von Fallbeispielen über die Möglichkeiten der nachträglichen Einbeziehung von Ehegatten und Abkömmlingen in den Aufnahmebescheid eines bereits in Deutschland befindlichen Spätaussiedlers. Die geforderte Härte sei dann gegeben, wenn die Versagung der nachträglichen Einbeziehung sich „belastend auf die persönliche oder familiäre Situation auswirkt“, und zwar entweder auf Seiten des bereits hier lebenden Aussiedlers oder auf Seiten seines im Herkunftsland verbliebenen Ehegatten oder Abkömmlings.
„Der Beirat für Spätaussiedlerfragen beim Bundesministerium des Innern, dem ich seit rund drei Jahren angehöre, hat sich auch mit den künftigen Leitlinien / Verwaltungsvorschriften zu diesem Gesetz beschäftigt. Die Mitglieder des Beirates haben sich sehr konkret dafür eingesetzt, dass der Begriff der „Härte“ deutlich großzügiger ausgelegt werden muss als bei Familienzusammenführungen nach den Bestimmungen des Aufenthaltsrechts“, so die Landesbeauftragte.
Weiteres Thema in Fulda war das Bundesgesetz zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen und das geplante Hessische Anerkennungsgesetz, das nach der Sommerpause im Hessischen Landtag beraten werden soll. Die Gesetzgebungszuständigkeit der Länder beziehe sich insbesondere auf Lehrer-, Sozial-, „Helfer“- und Ingenieurberufe. Ein weiterer wichtiger Punkt war das Nachqualifizierungsprojekt für arbeitslose Lehrerinnen und Lehrer unter den Spätaussiedlern in Hessen, das ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung und gleichzeitig ein Beitrag gegen den Lehrermangel in unserem Land sei.
Die Multiplikatorenschulung in Büdingen fand unter dem Titel „Historische Forschung über die Wolgadeutschen“ statt, wobei der Historiker Dr. Eisfeld die nach heutigem Sachstand vorliegenden Forschungsergebnisse vorstellte und sehr interessante Ausführungen zu dem Themengebiet machte. Frau Merkel zeigte den Film „Deutsche in Russland“. Höhepunkt der Multiplikatorenschulung in Büdingen war eine sachkundige Stadtbegehung auf den Spuren Hessischer Auswanderer nach Russland unter Führung des Büdinger Archivars Dr. Decker. Er zeigte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die vor 250 Jahren für das Auswanderungsgeschehen der Deutschen nach Russland historisch bedeutsamen Orte und Gebäude der Stadt und führte die Gruppe in die Kirche, das Rathaus und über den zentralen Marktplatz, auf dem sich seinerzeit die ersten rund 300 Auswanderungswilligen zum Aufbruch in die fremde Welt aufgestellt haben. Den hoch beeindruckten Zuhörerinnen und Zuhörern präsentierte er ein Original Kirchenbuch aus dem Jahr 1766, aus dem anhand der kurz vor der Auswanderung erfolgten Eheschließungen die Namen der Auswanderer nachvollzogen werden konnten. Dr. Decker ging ebenso wie die Landesbeauftragte auf die Tatsache ein, dass Büdingen bei der Auswanderung der Deutschen aus Russland eine zentrale Rolle gespielt habe. In Büdingen gab es ein Anwerbebüro und eine Sammelstelle für Auswanderungswillige. Die meisten Auswanderer, die im 18. Jahrhundert den Weg in die Weiten des Russischen Zarenreichen gewagt hätten seien aus Hessen gekommen.
Frau Landesbeauftragte Ziegler-Raschdorf stellte fest, dass Hessen eine besondere Verantwortung für diese Menschen sehe und die Patenschaft über die Wolgadeutschen übernommen habe. „Ich darf Ihnen versichern, dass ich diese Patenschaft immer gerne begleitet habe und sie auch weiterhin unterstützen werde“, betone die Landesbeauftragte. Sie ging auf die geplanten Veranstaltungen im Jahr 2013 aus Anlass des 250. Jahrestages der Veröffentlichung des Einladungsmanifestes von Zarin Katharina II. ein und informierte darüber, dass bereits Gespräche mit dem Bundesvorstand und dem Landesvorstand der Landsmannschaft geführt worden seien.
Frau Ziegler-Raschdorf berichtete in diesem Zusammenhang auch darüber, dass das Hessische Sozialministerium gemeinsam mit der Stiftung „Vertriebene in Hessen“ einen Dokumentarfilm in Auftrag gegeben hat, in dem die Auswanderung, Vertreibung, Deportation und Verbannung der Deutschen innerhalb Russlands und die Rückkehr in die Heimat gezeigt werden.
Nach Ausführungen zur schweren Geschichte der Russlanddeutschen stellte die Landesbeauftragte fest, dass die Hessische Landesregierung das große Leid anerkenne, dass die Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion erleiden mussten. „Wir erkennen die damit verbundene Verantwortung an und verstehen die zu uns gekommenen Spätaussiedler als Bereicherung für unsere Gesellschaft. Hessen wird auch in Zukunft ein verlässlicher Partner der Deutschen aus Russland sein“, soweit die Landesbeauftragte.
Zum Abschluss gab Frau Ziegler-Raschdorf noch Informationen zur Erzieher-Kampagne des Hessischen Sozialministeriums und über die Voraussetzungen zur Aufnahme in die Fachschulen für Sozialpädagogik. Auch Spätaussiedler/Innen sollten hier ihre Chancen nutzen.
Foto: Landesbeauftragte Margarete Ziegler-Raschdorf (1. Reihe, 3. v. links), Projektleiterin Rosa Emich (4. v. links) sowie der Büdinger Archivar Dr. Decker mit dem Kirchenbuch aus dem Jahr 1766 im Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Multiplikatorenschulung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Büdingen