Fulda. Ihren Herzenswunsch äußerte Linde Weiland erst ganz am Ende der eineinhalb Stunden: Es wäre schön, so die langjährige Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, wenn Fulda wieder eine Synagoge bekäme. Zum einen um den inzwischen 500 Mitgliedern eine religiöse Heimat zu bieten, zum anderen vor dem Hintergrund der tausendjährigen Geschichte jüdischen Lebens in Fulda. Um gerade diesen – oftmals viel zu wenig beachteten – Aspekt der fuldischen Stadtgeschichte stärker ins Bewusstsein zu rücken, gestaltete Linde Weiland den nunmehr fünften Abend der Reihe „Kulturbegegnung mit Fuldaer Köpfen“ im Palais Altenstein.
Fotos (11): Max Colin Heydenreich
Zu Beginn dankte Franz-Georg Trabert, Leiter der veranstaltenden Volkshochschule der Stadt Fulda, Linde Weiland dafür, dass sie als Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Fulda den Menschen 20 Jahre lang jüdisches Leben nahe gebracht habe und hob dabei besonders die Stadtbegehungen hervor. Die so Gelobte betonte, dass die Aufgabe, diesen Abend gestalten zu dürfen, „mich einerseits beschämt, andererseits aber auch verpflichtet“.
Vor dem Hintergrund der Fuldaer Geschichte zeigten in lockerer Folge Lieder, Gedichte, Talmudlegenden und Psalmen die Vielseitigkeit des Judentums, wechselte Religiöses sich mit Profanem ab, schwermütiges Erinnern mit hoffnungsvoller Vorausschau. „Mir liegt daran, Ihnen die Scheu vor dem Unbekannten zu nehmen“, äußerte Weiland zu Beginn ihres eindringlich-lebendigen Vortrags – und die Anteilnahme ihrer Zuhörer dürfte ihr dabei letztendlich Recht gegeben haben.
Texte des Gesellschaftskritikers, Satirikers, Romanautors und Lyrikers Kurt Tucholsky zogen sich wie ein roter Faden durch das Programm, wobei gerade auch Tucholskys warnende Stimme vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus deutlich wurde. Linde Weiland erinnerte daran, wie schwer es die Jüdische Kultusgemeinde Fulda nach zwölfjähriger Nazidiktatur gehabt habe und zitierte den früheren Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger, „dass es ein kleines Pflänzchen ist, was wieder ergrünen möge“.
Knapp 500 Mitglieder zählt die Jüdische Kultusgemeinde inzwischen, wobei es sich bei den meisten um so genannte „Kontingentflüchtlinge“ aus den Staaten der früheren Sowjetunion handelt. Fulda besitze bei den orthodoxen Juden in aller Welt einen „außergewöhnlich guten Klang“, unterstrich Weiland und zitierte aus einem Brief von Michael Cahn, dem Sohn des letzten Fuldaer Provinzialrabbiners, der – heute in Israel lebend – den Juden in Fulda friedvolle Wünsche zum nahen Pessachfest entbietet.
Linde Weiland verstand es trefflich, die Zuhörer in den Vortrag einzubeziehen und sorgte dafür, dass Fröhliches und Nachdenkliches einander stets die Waage hielten. So folgte auf das bedrückende „Hohe Lied der Kinder“ aus der Mauthausen-Kantate (Musik Mikis Theodorakis zu Texten von Jakovos Kambanelli) das gebetsähnliche „Kurzer Dialog“ der Dichterin Mascha Kaléko. (Bertram Lenz)