Fulda. „Der Mensch ist keine billige Maschine und kein verbilligtes Arbeitstier; er ist vielmehr als Ebenbild Gottes, als mit Würde – und nicht einfach mit Wert und Preis – begabte Person zu behandeln.“ Dies unterstrich Bischof Heinz Josef Algermissen am Mittwoch bei einer Festveranstaltung im Fuldaer Bonifatiushaus. In einem Grußwort anläßlich des 40jährigen Bestehens des Fuldaer Arbeitskreises Kirche/Gewerkschaft erinnerte der Oberhirte daran, daß die im 19. Jahrhundert entwickelte katholische Soziallehre einen ersten Höhepunkt 1891 mit der Sozialenzyklika „Rerum novarum“ Papst Leos XIII. erreicht hatte und sich bis auf den heutigen Tag in der Enzyklika „Deus caritas est“ Papst Benedikts XVI. fortsetzte.
Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit sei vor dem Hintergrund der Geschichtstheologie des hl. Augustinus entstanden. „Danach ist im irdischen Staat ein Mindestmaß an Grundrechten für jeden Menschen zu garantieren und von seiten des Staates zu verbürgen.“ Genau das sei die Aufgabe des Staates: einen dauerhaften und verläßlichen Zustand der Gerechtigkeit herzustellen und auf dessen Einhaltung zu pochen, machte Algermissen deutlich.
„Gerechtigkeit ist ein fernes Echo jener Liebe, die Gott selbst ist, für die er den Menschen geschaffen hat und die der Mensch abbildhaft in Ehe und Familie erfährt“, betonte der Bischof sodann. Gerechtigkeit müsse wie ein sicheres Netz sein, um jene aufzufangen, die in Elend abstürzten. Das Besondere der katholischen Soziallehre liege darin, daß Gerechtigkeit als ein notwendiges Instrument angesehen werde, um Menschen in ihren Grundrechten zu schützen. Es dürfe dabei nicht vergessen werden, daß kein Mensch vom Brot und Lohn und gerechter Behandlung allein lebe, sondern letztlich von hingebender und frei geschenkter Liebe. „Diese freilich kann kein Staat der Welt verbürgen und versichern, und kein Sozialsystem kann Liebe herstellen – sie bleibt immer freies und oft unerwartetes Geschenk.“ Der Staat stehe dabei im Dienst am Grundrecht des Menschen, würdig und angemessen behandelt zu werden, auch und gerade in seiner Arbeit, hob Algermissen hervor.
Schon früh hätten sich die Gewerkschaften gebildet, die sich die stetige Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse zum Ziel gesetzt hätten. „In der Gewerkschaftsbewegung spielte von Anfang an der Begriff der sozialen Gerechtigkeit eine große Rolle, auch wenn, zumal bei kommunistisch orientierten Gewerkschaften, die Kirche und eine scheinbare Vertröstung auf das Jenseits als ‚Opium für das Volk’ diffamiert wurden“, erinnerte Bischof Algermissen. Heute stehe viel mehr als früher das gemeinsame Ziel von Kirche und Gewerkschaften vor Augen. Es gehe stets um die unveräußerliche Menschenwürde, die jeder Person, unabhängig von Intelligenz oder Leistungskraft oder Bildung, zukomme und vom Staat und seinen Gesetzen zu schützen sei.
Zu Beginn seiner Ansprache hatte der Oberhirte daran erinnert, daß der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ 1849 von dem italienischen Jesuiten Luigi Taparelli geprägt worden sei. Heute sei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit in aller Munde, „nicht zuletzt in Zeiten der Globalisierung und angesichts aktueller Diskussionen über die soziale Verantwortung von Unternehmen und Managern“. Nicht mehr nur stehe soziale Gerechtigkeit als Ideal in einem Staat vor Augen, sondern die ganze Welt sei zum „Feld der einzufordernden Gerechtigkeit“ geworden. Oft sei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit aber als ökonomisch nicht brauchbar geschmäht worden, so als ob Wirtschaft und Ethik „feindliche Geschwister“ wären. Gerade in der heutigen Zeit zeigten Globalisierung und internationaler Finanzkapitalismus „ihr kaltes und oft menschenverachtendes Gesicht“, und manche fragten sich, ob „der Kapitalismus“ überhaupt zu sanieren und nicht eher durch ein ganz neues System zu ersetzen sei.
Die katholische Soziallehre sei nicht dieser Meinung, zumal sich der Begriff des Kapitalismus einem Franziskaner, dem hl. Bernhardin von Siena, verdanke, der mit diesem Begriff im 15. Jahrhundert an die moralische Verantwortung der Reichen und die Pflicht zum Teilen und zur Teilhabe appellierte. Der Mensch sei in Freiheit zur Entfaltung seiner Talente und auch zum Streben nach Gewinn berufen. Die daraus erwachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu reparieren und auszugleichen, bezeichnete Bischof Algermissen als Aufgabe der Ethik und der staatlichen Gesetze. Sie lasse sich in dem Begriff der sozialen Gerechtigkeit bündeln. Dem römischen Jesuiten, der den Begriff erfand, stand im 19. Jahrhundert die Herausforderung der Industrialisierung und des anwachsenden Proletariats vor Augen. Es habe eine immer offenkundigere Spaltung der Gesellschaft in den industrialisierten Staaten Europas in Reiche und Arme, in Kapitalbesitzer und zunehmend entfremdete Arbeiter gegeben, in Menschen, die andere für sich arbeiten ließen und solche, die für kümmerlichen Lohn für andere arbeiten mußten.
Die katholische Sozialbewegung sei nicht zuletzt in Deutschland durch die Anstöße des Mainzer Bischofs Wilhelm-Emmanuel von Ketteler und des Kölner Priesters Adolph Kolping entstanden, um Antwort auf neue Fragen zu geben: nach gerechtem Lohn, menschenwürdiger Arbeit, angemessener Besteuerung, moralischer Verantwortung von Unternehmern oder der Gestaltung von Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung. Der neue Begriff der sozialen Gerechtigkeit umfasse all diese Fragen.
Der Rahmen des im 19. Jahrhundert gewohnten Nationalstaates sei laut Bischof Algermissen inzwischen überschritten. Globale soziale Gerechtigkeit werde zu Recht eingefordert. Der Verlust von mehreren tausend Nokia-Arbeitsplätzen in Bochum sei allerdings schmerzlich, wenn sich auch viele arbeitslose Rumänen in Klausenburg über neue Arbeitsmöglichkeiten freuten. „Im Zeitalter der Globalisierung stehen unsere Arbeitsplätze im Wettbewerb mit Arbeitsplätzen auf der ganzen Welt“, so der Bischof weiter. Nur eine konsequente globale Politik zum Schutz der lohnabhängig Beschäftigten und zum Aufbau menschengerechter Arbeit werde auf Dauer ein menschenverachtendes Lohn-Dumping rund um den Globus verhindern. „Bis dahin ist freilich ein weiter und steiniger Weg, den sowohl die international vernetzten Gewerkschaften wie auch die weltweit um soziale Gerechtigkeit kämpfende katholische Kirche gehen.“
Gerechtigkeit sei indes nie einfach nur zuteilende Gerechtigkeit, fuhr Algermissen fort, sondern immer zur Selbstverantwortung befähigende Gerechtigkeit, also „Chancengerechtigkeit“. „Damit gerät der Begriff der Bildung in den Blick, der sich wiederum einem genuin christlichen Kontext verdankt, nämlich den deutschen Predigten des Meisters Eckart.“ Dieser habe das Wort „Bildung“ geprägt, um deutlich zu machen, daß das in jedem Menschen schlummernde Gottesebenbild individuell zur Entfaltung gebracht werden müsse, als das ureigenste Recht des Menschen als Person. „Der Staat hat vielleicht weniger als früher die Möglichkeit, Arbeitsplätze zu schaffen, aber er hat unverändert die Aufgabe, Bildungschancen zu ermöglichen und Menschen zur Ausbildung ihrer Talente zu helfen, nicht zuletzt durch geförderte und öffentliche Arbeitsmärkte“, forderte der Fuldaer Bischof. Allein die unsichtbare Hand des Marktes schaffe entgegen Adam Smith noch keine umfassende soziale Gerechtigkeit. Vielmehr brauche es die „ständige und geduldige Suche“ nach verbesserter und umfassender sozialer Gerechtigkeit.
Der Fuldaer Arbeitskreis Kirche/Gewerkschaft
Der Fuldaer Arbeitskreis Kirche/Gewerkschaft, der vor 40 Jahren nach einer Solidaritätserklärung des damaligen Sozialreferats der Diözese Fulda zugunsten der Streikenden in einem großen Fuldaer Betrieb gegründet wurde, begeht sein 40jähriges Jubiläum in einer Zeit, in der man zum einen wirtschaftlichen Aufschwung feststellt, zum anderen eine wachsende Armut bei zunehmendem Reichtum, eine wachsende Unterschiedlichkeit in der Einkommens- und Vermögensverteilung; besonders Betroffene sind Arbeitslose, Menschen in sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie Familien. Gleichzeitig befindet sich die Weltwirtschaft in massiver Veränderung – Globalisierung oder Finanzkapitalismus sind nur zwei Stichworte.
Der Fuldaer Arbeitskreis Kirche/Gewerkschaft hat sich über die Jahre mit der Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, insbesondere der Arbeitsbedingungen befaßt. Kirche und Gewerkschaft geht es um das Wohl derselben Menschen, auch wenn die Standpunkte nicht immer dieselben sind. Im Mittelpunkt des gemeinsamen Gesprächs standen stets Grundfragen der katholischen Soziallehre, sozialethische und ordnungspolitische Fragen und vor allen Dingen auch Fragen, die sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Region beschäftigen. Vor 40 Jahren konnte freilich niemand ahnen, daß ein Arbeitskreis – aus gemeinsamer Betroffenheit in einem sozialen Konflikt gegründet – so lange Bestand haben würde. Es ist vermutlich einmalig, daß ein Arbeitskreis von Kirche und Gewerkschaft in der Bundesrepublik so lange existiert. Dies wurde als Anlaß gesehen, das Ereignis zu feiern. Gleichzeitig sollte dabei auch Ausschau gehalten werden, welche Inhalte in Zukunft das Gespräch zwischen Kirche und Gewerkschaft bestimmen würden und wie dieses Gespräch auf Dauer geführt werden solle. (bpf)