Fulda. Timo Altmeyer aus Sinntal-Sterbfritz macht jeden Winter Holz. Doch dieses Jahr kam alles anders: Beim Holzschneiden geriet die linke Hand des 32-jährigen in die Kreissäge. Vier Finger der linken Hand wurden abgetrennt, lediglich der Daumen blieb verschont. „Ich spürte keinerlei Schmerz, und als ich meinen Handschuh auszog, war ich total schockiert“, berichtet Timo Altmeyer, der bei diesem Unfall einen erstaunlich kühlen Kopf behielt. Er ließ seine Freundin einen sauberen Frühstücksbeutel holen, verstaute die amputierten Gliedmaßen und legte das Ganze in einen zweiten Beutel mit Eiswürfeln. Irgendwo hatte er das so gelesen.
Als Herr Altmeyer wenig später mit dem Krankenwagen im Klinikum Fulda eintraf, war man hier schon vorbereitet, denn der Rettungsdienst hatte vorab Kontakt mit dem Klinikum aufgenommen. Unter dem Dach der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie gibt es eine eigene Abteilung für Handchirurgie unter der Leitung von Dr. med. Ziad Mascharka. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. med. Bernd Krieg begann er sofort nach Eintreffen des Unfallopfers mit der Operation, die insgesamt neun Stunden dauern sollte.
Wenn sich jemand einen oder mehrere Finger absägt und es handelt sich um einen einigermaßen sauberen Schnitt, bestehen gute Chancen, dass die erfahrenen Handchirurgen des Klinikums Fulda die Finger wieder annähen können. Das ist deutlich schwerer als es klingt, denn zwischen der Hand und den amputierten Gliedmaßen müssen auf vier Ebenen haltbare Verbindungen hergestellt werden: zwischen den durchtrennten Knochen, Sehnen, Gefäßen (Arterien und Venen) sowie den Nerven.
„Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein durchtrenntes dickes Kabel mit vielen Adern und Sie müssten jede einzelne Ader wieder zusammenfügen“, erläutert Dr. Mascharka. „So ähnlich verhält es sich bei einer Hand-OP – mit dem Unterschied, dass die Gefäße und Nerven sehr viel feiner sind als jedes Kabel und wir mit einer Lupenbrille oder einem Mikroskop arbeiten müssen.“
Gute Erfolgschancen hat eine solche wiederherstellende Operation nur, wenn eine „Replantationsfähigkeit“ der abgetrennten Handanteile besteht, das heißt, dass die Durchblutung wieder hergestellt werden kann und die Zerstörungen an Knochen und Sehnen nicht zu ausgeprägt sind.
Nach gründlicher Reinigung der Wunde müssen zunächst alle durchtrennten Verbindungen freigelegt werden, bevor man sie nacheinander wieder zusammenfügen kann. Am schwierigsten ist das bei den Arterien und Venen. Die schlauchartigen Gefäße müssen so genäht werden, dass innen ungehindert Blut strömen kann.
Dafür heilen die Gefäße auch am schnellsten, sie brauchen dazu etwa zwei Wochen, die Sehnen brauchen acht bis 10 Wochen. Knochen heilen innerhalb von zwei bis vier Monaten. Am längsten dauert es bei den Nerven: Ein halbes bis ein ganzes Jahr vergeht, bevor der Patient wieder Gefühl in den Fingern hat.
Von 19.00 Uhr bis 4.00 Uhr früh dauerte die Operation an der Hand von Timo Altmeyer. Replantationsfähig waren zwei Finger. „Natürlich tut es mir sehr leid, dass ich zwei Finger auf Dauer verloren habe“, gesteht der Patient. „Aber immerhin zwei abgesägte Finger konnten erhalten werden, und ich kann sie sogar schon wieder bewegen. Eine großartige Leistung der Ärzte!“
Inzwischen ist der Patient aus Sterbfritz wieder entlassen. Er wird noch eine Weile krank geschrieben sein, will danach aber wieder in seine Baufirma zurückkehren. Der Chef hält ihm den Arbeitsplatz frei. Erst in einem halben Jahr wird er mit den angenähten Fingern wieder etwas fühlen können, doch mit zwei Fingern und dem Daumen ist die Hand auf jeden Fall weitgehend alltagstauglich. Denn der Daumen braucht beim Greifen die Finger als Gegenpart und umgekehrt.
„Natürlich ist eine solche achtstündige Operation anstrengend und erfordert höchste Konzentration“, berichtet Dr. Mascharka. „Aber wir freuen uns, wenn wir hinterher ein positives Resultat sehen.“ Nicht jeder Fall ist so kompliziert wie der des Patienten aus dem Raum Schlüchtern. Schwerste Fälle dieser Art kommen vielleicht fünfmal im Jahr vor. Etwa ein Drittel aller von Dr. Mascharka, Dr. Gerhard Riethmüller und Dr. Krieg betreuten Patienten sind Unfallopfer. Die anderen zwei Drittel entfallen auf Nervenveränderungen (z.B.Karpaltunnel-Syndrome), Sehnenverkürzungen, Verkrümmungen der Finger durch Rheuma, Verschleißerscheinungen und Fehlbildungen. Die moderne Handchirurgie kann heute Leiden und Defekte behandeln, die man vor gar nicht langer Zeit als hoffnungslos eingestuft hat. Für die Betroffenen ist das ein großer Gewinn an Lebensqualität, denn die Hände haben im Alltag nun einmal enorme Bedeutung.
Timo Altmeyer hatte Glück im Unglück. Die Beweglichkeit seiner Finger macht jeden Tag Fortschritte. Dass er aber noch einmal sein Brennholz selbst sägen möchte, ist eher unwahrscheinlich.