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Schule und Rhön-Akademie Schwarzerden bildet Physio- und Ergotherapeuten aus

Gersfeld-Bodenhof. Ausgerechnet in der als „hinterwäldlerisch“ geltenden Rhön etablierte sich in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Keimzelle der Reformpädagogik, die bis heute Bestand hat und zu einer Bildungsstätte mit überregionaler Bedeutung geworden ist. Das Logo der Rhön-Akademie und Schule Schwarzerden zeigt eine Spirale als Sinnbild ihrer Geschichte und Geisteshaltung: „Immer in Bewegung“ oder „Kontinuität im Wandel“ soll sie symbolisieren. Aus der einstigen Gymnastikschule – entstanden 1927  im Zuge eines Siedlungsprojektes von drei Frauen aus der Jugendbewegung – hat sich nicht zuletzt auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus eine moderne Ausbildungseinrichtung für Ergotherapeuten und Physiotherapeuten sowie eine Seminar- und Tagungsstätte entwickelt.

Die Kontinuität besteht darin, dass nach wie vor der ganzheitliche Charakter mit den Schwerpunkten Bewegung und Gesundheit ein Hauptanliegen ist. Junge Menschen können hier seit 1985 die Berufe Ergotherapeut (Beschäftigungs- und Arbeitstherapeut) und seit 1996 Physiotherapeut (früher Krankengymnast) erlernen; Ergotherapeuten repräsentieren einen ganzheitlichen Therapieansatz, während Physiotherapeuten die Tradition „Heilen durch Bewegung“ fortsetzen. Dank Kooperation mit der Hamburger Fern-Hochschule ist neuerdings parallel zur Berufsausbildung sogar ein Bachelor-Abschluss möglich. Seit 2010 ist Schwarzerden Deutschlands erste staatlich anerkannte Weiterbildungseinrichtung für Osteopathie. Die Rhön-Akademie bietet jährlich über 100 Veranstaltungen für Fachkräfte des Gesundheitswesens und Seminaren für die persönliche Lebensführung an. Auch Vorbereitungskurse für Heilpraktiker und psychologische Berater, wahlweise im Präsenzunterricht oder Fernstudium, gehören dazu.

Gemeinschaft wichtig

Nach wie vor spielt das Gemeinschaftserleben eine wichtige Rolle im Schulalltag. Wenn sich je rund 60 bis 70 Interessierte für die 24 beziehungsweise 26 Ausbildungsplätze in den Ergotherapie- und Physiotherapieklassen bewerben, wird seitens der Schule nicht nur auf Zeugnisnoten geschaut, sondern anhand von praktischen Tests genauso auf die soziale Kompetenz der Bewerber. „Ein Einser-Schüler wird nicht zwangsläufig ein sehr guter Therapeut; umgekehrt kann jemand mit mittleren Schulnoten sehr wohl herausragende therapeutische Arbeit leisten“, erklärt Peter Becker, der seit 1995 pädagogischer Leiter der Schule ist. Ihm zur Seite steht Ursula Gottwald, die 1997 die Geschäftführung übernommen hat.

Es würden nur Bewerber aufgenommen, von deren Eignung man überzeugt sei, erklärt Becker. Notfalls blieben eher Plätze unbesetzt und die Klassen kleiner. Wer die Aufnahme geschafft hat, soll „in individueller Beratung und Begleitung im partnerschaftlichen Miteinander“ gefördert werden, so eine Formulierung aus dem Schulprogramm. Gestärkt wird das Zusammengehörigkeitsgefühl durch die Möglichkeit für 20 auswärtige Schüler, auf dem Schulgelände zu wohnen. Ein Netzwerk bietet der seit 1927 bestehende „Bund der Ehemaligen“, der eine Brücke ins Arbeitsleben bauen möchte.

Auch Traditionen, die teils noch aus den Anfängen der Gymnastikschule stammen, werden gepflegt, beispielsweise die alljährliche „Taufe“ der neuen Klassen. Da die Ausbildung drei Jahre dauert, gibt es auf der Schule insgesamt je drei Ergotherapie- und Physiotherapieklassen. Die mittleren Schüler vergeben an die neuen Klassen Namen, nachdem diese Prüfungen wie beispielsweise eine Naturrallye absolviert haben. Bestandteil der Taufzeremonie ist der „Schwarzerdener“, ein 1940 erstmals in der Gymnastikschule aufgeführter Volkstanz, der auch auf den Abschlussfeiern getanzt wird; dagegen steht abends bei der Fete Discomusik auf dem Plan. Hießen die Klassen früher „Pinguine“, „Schwalben“ oder „Wawuschels“, so geht der Trend heute zu Bezeichnungen aus exotischen Sprachen. Die diesjährigen Absolventen heißen „Siyanda“ („Wir wachsen“) und „Colindor („Die Überbringer“) und haben ihre Nachfolgeklassen auf „Ayana“ („Die Blumen“) und „Lunastaja“ („Die Erlöser“) getauft.

Nicht nur Tradition und Fortschritt versteht die Schule zu verknüpfen, sondern auch den Übergang von der Schule ins Berufsleben. Davon zeugen die auf der Homepage veröffentlichten Zahlen aller Absolventen: Von zehn 2009 frischgebackenen Ergotherapeutinnen waren ein halbes Jahr später alle in diesem Beruf beschäftigt; gleiches gilt für die 13 Physiotherapie-Absolventen. Die gute Beschäftigungsquote nach der Ausbildung führt Peter Becker neben dem bestehenden Netzwerk darauf zurück, dass an der Schule eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Partnern aus der Praxis (beispielsweise dem Klinikum Fulda) stattfindet. Der Arbeit am Patienten werde große Bedeutung beigemessen.

War Schwarzerden einst nur von Mädchen und Frauen besucht, so ist seit der Neuausrichtung zur Schule für Ergotherapie und Physiotherapie knapp ein Viertel der Schüler inzwischen männlich; vor allem das Angebot der verkürzten Physiotherapie-Ausbildung für Masseure und medizinische Bademeister (für die der Unterricht an Wochenenden stattfindet) wird vorwiegend von Männern mittleren Alters aus dem süddeutschen Raum genutzt. Deutschlandweit stellt dieses Weiterbildungsangebot eine Besonderheit dar.

Zuschuss für Sanierung

Als „Partner“ bezeichnet Peter Becker – übrigens der erste männliche Leiter in der 84-jährigen Schulgeschichte – auch den Landkreis Fulda. Alle bisherigen Landräte hätten der staatlich anerkannten Privatschule wohlwollend gegenübergestanden. „Ohne Unterstützung des Landkreises wäre vieles nicht möglich gewesen“, äußert sich der Vorsitzende des Trägervereins, der ehemalige Fuldaer Schulamtsdirektor Peter Vater, dankbar. Jüngst hat der Kreisausschuss beschlossen, für die  mit 585.000 Euro Kosten veranschlagte energetische Sanierung des Hauptgebäudes und der Turnhalle einen Zuschuss in Höhe von 200 000 Euro zu gewähren.

Nach Angaben von Peter Becker macht die reine Landesförderung unter zwei Prozent des Schwarzerdener Gesamtbudgets aus, da Privatschulen für Berufe des Gesundheitswesens in Hessen als nicht förderfähig angesehen werden. Deshalb muss sich die Einrichtung – anders als vergleichbare Privatschulen in manchen anderen Bundesländern – über Schul- und Lehrgangsgebühren finanzieren. Die Konkurrenz sieht der Schulleiter allerdings nicht nur als Nachteil. Denn sie zwinge dazu, kreativ zu sein.

„Wenngleich wir Privatschule sind, so haben wir doch einen gemeinnützigen Schulträger: Den Verein zur Förderung sozialpädagogischer und sozialtherapeutischer Arbeit“, erläutert Peter Becker, der auch schon an anderen privaten Schulen im Gesundheitsbereich gearbeitet hat. Alle Einnahmen würden in die Schule reinvestiert. „Das ist charmant und führt zu einer hohen Arbeitszufriedenheit.“ Und vielleicht lässt sich das Logo der Spirale in diesem Sinne auch von außen nach innen verstehen: mit innerer Zufriedenheit und Ausgeglichenheit als Kern.

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