Mainz/Fulda. Eigentlich hatte er ja schon vor drei Jahren nicht mehr gewollt. Als Kardinal Karl Lehmann im April 2005 von der Papstwahl zurückkehrte, bemerkte er auf einer Pressekonferenz in Mainz beiläufig, 18 Jahre Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz müssten doch eigentlich genug sein.
Fotos (3): Max Colin Heydenreich
Eine Pflicht, die ihn offenbar zunehmend auch gesundheitlich strapazierte. Vor wenigen Wochen, Mitte Dezember, wurde der Kardinal, mittlerweile 71-jährig, wegen akuter Herzrhythmusstörungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Zwar wurde Lehmann nach wenigen Tagen wieder entlassen, doch bei den Weihnachtsgottesdiensten im Mainzer Dom ließ er sich von seinem Weihbischof vertreten. Er selbst ging in Kur.
Dort reifte dann offenbar die Erkenntnis, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Eine “eindeutige Zäsur” sei erreicht, schreibt Lehmann nun in seinem Rücktrittsbrief an die Bischofskonferenz. Immer mehr Termine, die Anforderungen des Amtes, der Öffentlichkeit, der Medien – das alles sei ihm einfach zu viel geworden: “Es ist Zeit für eine Wachablösung.”
Zum Rücktritt von Kardinal Lehmann erklärte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen gegenüber der Redaktion von Schöne Nachrichten: „Ich bin von der Rücktrittsankündigung des Vorsitzenden überrascht und betroffen, denn Kardinal Lehmann stellt für mich nicht nur als Nachbarbischof einen bedeutenden Teil der Kirchengeschichte der letzten 20 Jahre dar. Seinen bevorstehenden Rücktritt bedaure ich um so mehr, als Kardinal Lehmann als umfassend gebildeter Theologe und Philosoph der große Gesprächspartner der Bischofskonferenz in die Gesellschaft hinein ist. Eine solche Aufgabe geht an die Grenze der Erschöpfung.“
Als Lehmann selbst 1987 erstmals zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt wurde, war er mit 51 Jahren nicht nur der Jüngste in der Bischofsrunde, sondern er war vor allem noch nicht einmal Kardinal – ein Novum in der Geschichte der Deutschen Bischofskonferenz und Höhepunkt einer kirchlichen Karriere, die von Anfang an steil nach oben führte.
Geboren wurde Lehmann am 16. Mai 1936 in Sigmaringen als Sohn eines Volksschullehrers. Bereits mit 15 Jahren las Lehmann die Schriften des großen Kirchenlehrers Thomas von Aquin auf Lateinisch. Seine erste Dissertation schrieb er über die “Seinsfrage im Denken Martin Heideggers”.
1963, in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, wurde Lehmann in Rom zum Priester geweiht, seine Promotion in der Theologie vollendete er 1967. Geprägt wurde Lehmann durch den Konzils-Theologen Karl Rahner, dessen Assistent er war. Mit nur 32 Jahren wurde Lehmann Professor für Dogmatik in Mainz, 1971 wechselte er auf den Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie nach Freiburg.
1983 kam mit der Weihe zum Bischof von Mainz der Schritt in die kirchliche Praxis. Dennoch hatte vier Jahre später, als die Deutsche Bischofskonferenz im September 1987 nach einem Nachfolger für ihren bisherigen Vorsitzenden, den Kölner Kardinal Joseph Höffner, suchte, kaum einer Lehmann auf der Rechnung. In der überraschenden Wahl Lehmanns sahen dann auch viele Beobachter einen Generationswechsel hin zu einem auch gesellschaftlich offeneren Kurs der Bischofskonferenz.
In der Tat machte sich Lehmann insbesondere im Verhältnis zum Vatikan einen Namen als streitbarer Verteidiger der vergleichsweise liberalen Positionen der deutschen Katholiken in Rom. So machte der Mainzer mit klaren Worten für die Ökumene und zur Zulassung von Frauen als Diakoninnen von sich reden.
Zum Tiefpunkt der Konflikte mit Rom wurde 1998 der Papstbrief zum Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung, eine deutliche Niederlage auch für Lehmann selbst, der für den Verbleib der Kirche im staatlichen Beratungssystem gekämpft hatte. Lehmann entschied sich schließlich für die Loyalität zu Rom.
Auf weitere Konflikte mit Rom hat Lehmann es seither nicht mehr ankommen lassen und sich lieber auf das Versöhnen und die Diplomatie durch Überzeugen verlegt. Ob es um die Frage der Kinderbetreuung geht, oder um das Verhältnis zum Islam: Lehmann wägt ab, ist um Ausgleich der Positionen bemüht, ohne dabei den eigenen Standpunkt aufzugeben. 2001 wurde Lehmann dann für seine Loyalität zu Rom belohnt: Papst Johannes Paul II. ernannte den Mainzer Bischof zum Kardinal.
Mit seinem heute angekündigten Rücktritt will Lehmann nach über 20 Jahren auch einen Generationswechsel an der Spitze des mittlerweile insgesamt deutlich verjüngten Bischofskollegiums ermöglichen. In seinem Rücktrittsschreiben weist er explizit auf die gerade erst erfolgte Ernennung jüngerer Bischöfe in drei Diözesen hin. Einer der Genannten ist der 54-jährige Reinhard Marx, bislang Bischof von Trier und künftig Erzbischof von München-Freising. Er gilt schon seit längerem als heißer Kandidat für die Nachfolge Lehmanns. (ddp/Redaktion)