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Bischof Algermissen predigte an Weihnachten im Fuldaer Dom

Fulda. „Wir leisten uns rechtliche Konstruktionen, die zur Heuchelei zwingen: Da ist die Abtreibung ungeborener Kinder, die zwar illegal, aber dennoch straffrei ist. Ein Widerspruch in sich selbst! Da ist die aktive Sterbehilfe noch verboten, aber doch schon Praxis.“ Dies stellte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen an Weihnachten in einem festlichen Gottesdienst im Hohen Dom zu Fulda heraus.

„Bei der embryonalen Stammzellforschung dürfen die Forscher zwar mit Stammzellen arbeiten, aber nur mit importierten, die älter sind als sechs Jahre, so daß es anderen Ländern überlassen bleibt, den Streit um den Umgang mit menschlichen Embryonen zu führen, die wir zu Forschungszwecken benutzen, das heißt: töten.“ Mit solcher verbrauchenden Embryonenforschung sei die grundlegende Frage nach dem moralischen Status und der Schutzwürdigung menschlicher Embryonen verbunden, so der Oberhirte in seiner Predigt. Aber genau diese Frage werde von Wissenschaftlern wie von politischen Parteien verdrängt.

Gerade das Fest der Menschwerdung Gottes bestimme das christliche Menschenbild und lasse die Christen die personale Identität von menschlichen Embryonen und geborenen Menschen als „unbedingt und unaufgebbar“ bekennen. „Sie darf durch politische Rhetorik nicht in Frage gestellt und am Ende gar zerstört werden!“, forderte der Bischof. Tatsächlich klärten sich in der Menschwerdung Gottes das Menschenbild und die Frage der Bedingung der Menschenwürde und deren personaler Unantastbarkeit. Die „Menschwerdung des ewigen Wortes“ nach dem Johannesevangelium „muß uns unbedingt den Blick schärfen auf jene gesellschaftliche Verlogenheit hin, die darin besteht, daß wir seit längerem Wörter benutzen, die die dramatischen bioethischen Probleme verharmlosen oder in Richtung gleichgültiger Akzeptanz freigeben“.

Zu Beginn seiner Festpredigt hatte Bischof Algermissen in Erinnerung gerufen, daß im Johannesevangelium des Weihnachtstages das Liebenswerte und Vertraute der Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem in die Distanz des Geheimnisses entrückt sei, denn es werde vom fleischgeworden Wort und nicht von Mutter, Kind, Hirten und Engeln gesprochen. Dennoch gebe es Gemeinsames: „Auch dieses Evangelium spricht vom Licht, das in der Finsternis leuchtet, und von der Herrlichkeit Gottes, die wir im fleischgewordenen Wort anschauen können.“

Es erwähne deutlich, daß „das göttliche Kind von der Welt nicht erkannt wurde“. Mitten durch die geheimnisvoll großen Worte hindurch werde so mit einemmal der Stall sichtbar, in dem der Sohn Davids geboren werden mußte, weil in seiner Stadt kein Platz für ihn war. Ein tieferes Zuhören könne also erkennen, daß alle Evangelisten nur das eine Evangelium verkündeten, wenn auch von verschiedenen Seiten her. „Lukas und ähnlich Matthäus erzählen die irdische Geschichte und öffnen von ihr her den Weg in Gottes verborgenes Handeln hinein. Johannes sieht vom Geheimnis Gottes her und zeigt, wie es hineinreicht bis in den Stall, bis in Fleisch und Blut des Menschen.“

Der Bischof hinterfragte sodann, was die Kirche den Menschen für den Weihnachtstag und von daher für ihr Leben überhaupt sagen wolle, wenn sie ihnen „diesen feierlich strengen Text“ vorlege. Die frühen Theologen der Kirche hätten es in einem Bild ausgedrückt: das Kind in der Krippe sei gleichsam die Hand, die der göttliche Vater aus seiner Ewigkeit in das menschliche Leben hineinhalte, um die Menschen zu halten. „Der ewige Sinn der Welt ist so wirklich zu uns gekommen, daß man ihn anrühren, anschauen kann.“ Denn was Johannes „logos – das Wort“ nenne, bedeute im Griechischen gleichzeitig auch so viel wie der Sinn. „Aber dieser Sinn ist nicht etwa bloß eine große Idee, kein allgemeines Gesetz, in dem wir dann irgendeine Rolle spielen, sondern er ist jedem von uns persönlich zugedacht“, gab der Oberhirte zu bedenken.

Die Menschen fragten sich, ob es überhaupt zu Gott passe, ein Kind zu sein, fuhr Algermissen fort. „Wir suchen krampfhaft Argumente dagegen und wollen nicht glauben, daß die Wahrheit schön ist.“ Nach menschlicher Erfahrung sei Wahrheit am Schluß meistens ernüchternd grausam und schmutzig. Wo sie es einmal nicht zu sein scheine, da bohre man so lange herum, bis man mit seiner Vermutung doch wieder Recht behalte. Von der Kunst sei einst gesagt worden, sie diene dem Schönen, und dieses wiederum sei „splendor veritatis“ (der Glanz der Wahrheit). „Heutzutage hingegen sieht die Kunst ihre Aufgabe zumeist darin, den Menschen als schmutziges Ekel zu entlarven, wie uns das während der documenta 12 in Kassel an allen Ecken klargemacht wurde.“

Der Bischof nahm sodann Bezug auf ein Weihnachtsspiel des Philosophen und Atheisten Jean-Paul Sartre, das am 24. Dezember 1940 in einem Kriegsgefangenenlager bei Trier aufgeführt wurde und das die „weiteste Einheit“ zwischen Christen und Ungläubigen zum Ausdruck bringen sollte. Dieses Stück trägt den Titel „Bariona“ und schildert die Not der jüdischen Bevölkerung unter dem Joch der Römerherrschaft. So ausweglos scheine die Situation, daß Bariona von seinen Landsleuten verlange, daß keine Kinder mehr geboren würden, da deren Zukunft ja doch der sichere Tod sei. Da komme das Gerücht auf, in Bethlehem sei ein ganz ungewöhnliches Kind geboren, das manche für den ersehnten Messias hielten.

Bariona, der das nicht glauben könne und den im Innern doch eine tiefe Sehnsucht erfülle, sage dann: „Wenn Gott für mich Mensch würde, für mich, liebte ich ihn, ihn ganz allein – es wären Bande des Blutes zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht.“ Algermissen stellte dazu fest, daß dann Not und Tod sowie Angst und Verzweiflung „aufgebrochen“ wären, wenn der Sinn Fleisch würde und das Fleisch damit einen tiefen Sinn fände. Damit sei das entscheidende Stichwort der Frohen Botschaft gegeben: „Weihnachten schenkt uns die Leben und Tod bestimmende und verändernde Verheißung, daß der Sinn des Lebens, der in Jesus Christus Fleisch wurde, Gnade ist und Geschenk.“

Oft sehe es so aus, so Bischof Algermissen weiter, als hätten heute nur die Glaubenden sich zu rechtfertigen. Man müsse seiner Ansicht nach hingegen auch das „ohne Gott“ verantworten, mit allen Konsequenzen für die Zukunft der heutigen Gesellschaft und des Menschen. „Welcher Schaden entsteht dort, wo man faktisch ohne Gott auszukommen meint? Wo man Kinder um Gott betrügt? Was ist, wenn Generationen heranwachsen, die das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter oder das Liebesgebot nicht mehr kennen?“ Die Menschen hätten dabei laut Algermissen viel zu verlieren. „Wer aufhört, den in Jesus Christus nahen Gott zu ehren, fängt schließlich an, ihn zu spielen.“ Das sei ein böses Spiel, das an die Substanz gehe. Ausgehend von der im Weihnachtsevangelium sichtbaren Herrlichkeit könne man hingegen erklären, was Glauben heiße: Gottes Herrlichkeit sehen mitten in dieser Welt trotz aller Schatten und Not, schloß der Oberhirte.

Bei dem festlichen Gottesdienst, der als lateinisches Hochamt gefeiert wurde und an dessen Ende der Bischof im Namen des Papstes den Apostolischen Segen erteilte, sang der Domchor unter Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber Teile aus der „Messe in G“ von F. Schubert sowie einen Chorsatz von M. Haydn und weitere im Wechsel mit der Gemeinde. Als Solisten wirkten Beate Vetsera (Sopran), Ralf Emge (Tenor) und Stefan Claas (Baß) mit. An der Domorgel Domorganist Prof. Hans-Jürgen Kaiser, der zur Kommunion „Le verbe“ von O. Messiaen intonierte. (bpf)
 

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