Schönes aus Fulda. „Immer noch tun wir uns schwer, vom Alter oder Altsein ehrlich zu sprechen; statt dessen haben wir verdrängende Worte wie ‚Senioren’, ‚Pensionäre’ oder ‚reifere Jahrgänge’ in unserem Sprachgebrauch, als sei das Alter eines Menschen etwas Peinliches.“ Dies gab Bischof Heinz Josef Algermissen gestern bei einer Eucharistiefeier mit Altarweihe in der Kapelle des sanierten Marienheims in Fulda zu bedenken.
Fotos (86) und Video: Max Colin Heydenreich
Video ansehen mit: Windows Media Player oder Real Media Player
In seiner Ansprache aus Anlaß der Einweihung des von den Vinzentinerinnen betriebenen Altenpflegeheims betonte der Bischof, daß heutzutage ein ganzer Teil der menschlichen Existenz ausgeblendet werde. „Der Mensch ist der erste und grundlegende Weg der Kirche“, habe Papst Johannes Paul II. 1979 in seiner programmatischen Enzyklika „Redemptor Hominis“ betont. Somit sei auch der alte Mensch „Weg der Kirche“.
Denn gerade er könne die Jüngeren doch mit all seiner Weisheit, Reife und Liebe belehren und beschenken, so der Bischof. „In einer von jugendlicher Vitalität und Leistung bestimmten Zeit offenbaren alte Menschen, daß die oberflächlichen Ideale einer Spaßgesellschaft bestenfalls ein ganz kleines Segment der ganzen Wirklichkeit sind.“
Zu Beginn seiner Predigt stellte der Oberhirte heraus, daß mit dem Wohnhaus für alte Menschen die Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul in Fulda auf eine gesellschaftliche Herausforderung antworteten, die sich in den kommenden Jahren noch zuspitzen werde. „Wir stehen vor gewaltigen demographischen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft, die zwar wahrgenommen, aber nicht wirklich ernst genommen werden.“
Ein Blick auf faktische Zahlen könne das verdeutlichen: Im Jahre 2050 werde die Bevölkerung in Deutschland von heute 82 Millionen Menschen auf etwa 66 Millionen gesunken sein. Die Zahl der Jugendlichen nehme im gleichen Zeitraum von 17,7 Millionen auf unter neun Millionen ab. Demgegenüber verdreifache sich die Zahl der Über-80-Jährigen. Auf diesem Hintergrund müsse man sich fragen, wie mit den vielen Älteren in unserer Gesellschaft umgegangen werde und welcher Stellenwert dann die biblisch geforderte Ehrung der Älteren und der Eltern haben werde.
Das Evangelium von der Fußwaschung mache deutlich, daß Jesus den Christen in seinem Abschiedsmahl und in der Fußwaschung am Vorabend seines Leidens ein großes Testament mit grundsätzlichen Konsequenzen hinterlassen habe, was das Verhältnis von Liturgie und Caritas-Diakonie angehe, fuhr Algermissen fort. „Beide sind miteinander verwoben, bedingen einander, sind wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse.“
Liturgie als „Quelle und Gipfel“ allen Tuns der Kirche müsse notwendig übergehen in die „Haltung des gebeugten Rückens“, in die Anteilnahme am Leben der Menschen. Liturgie ohne konsequente Caritas-Diakonie bliebe ein äußeres Spiel, erinnerte der Bischof. Caritas aber ohne Rückbindung an Gottesdienst und Jesusnachfolge würde schnell zum leeren Management.
„Es ist sicher kein Zufall, daß sich auch dieses erneuerte und erweiterte Marienheim in Trägerschaft der katholischen Kirche, näherhin der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul, befindet“, hob Algermissen hervor. Denn caritatives Engagement gehöre neben der Verkündigung und Feier der hl. Liturgie zum Wesen der Kirche und sei niemals bloß schmückendes Beiwerk. „Solches Engagement entstammt dem Grundauftrag Jesu Christi, denen zu dienen und beizustehen, die ohne unsere Hilfe allein und schutzlos wären.“
So habe auch Bundespräsident Horst Köhler im August 2005 bei seiner Begrüßung des Hl. Vaters Benedikt XVI. auf dem Flughafen Köln-Bonn im Rahmen des Weltjugendtages gesagt, die caritative und diakonische Arbeit der Kirche sei „weit mehr als ein gesellschaftliches Reparaturunternehmen“. Sie geschehe aus der Überzeugung, daß „der Mensch nicht nur vom Brot allein“ lebe, sondern „die Kirchen sich von einem bestimmten Menschenbild leiten“ ließen.
Dieses Menschenbild sei auf ganz eindrückliche Weise in der berühmten Gerichtsrede des Evangelisten Matthäus überliefert, die als letzte ausführliche Unterweisung Jesu an seine Jünger vor der Passionsgeschichte plaziert worden sei, um ihre entscheidende Bedeutung hervorzuheben. Dort heiße es: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Sinngemäß bedeute dies: „Was ihr ihnen nicht getan habt, was ihr ihnen an Zuwendung und Hilfe verweigert habt, das habt ihr auch mir verweigert.“
Christus selbst identifiziere sich mit den Kranken, den Hungrigen, den Schwachen und mit allen notleidenden Menschen. „In deren Augen schaut Gott uns selber an, leidet solidarisch den Schmerz der Welt mit“, machte der Bischof deutlich. „In all den Armen in einem umfassenden Sinn, auch eben in den alten und pflegebedürftigen Menschen, können wir Gott selbst begegnen!“ Das sei die Dimension allen caritativen Tuns in der Kirche, hier liege der Quellgrund kirchlicher Diakonie.
Bischof Algermissen zeigte sich überzeugt, daß die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Marienheims aus diesem Geist heraus ihre Arbeit und ihr Zusammenleben mit den alten Menschen in diesem Haus gestalteten. Er hoffe zutiefst, daß den alten Menschen das neugestaltete und erweiterte Heim zu einer echten und tiefen Heimat werde. Sodann brachte der Oberhirte allen Schwestern der Kongregation vom Hl. Vinzenz von Paul, besonders Schwester Generaloberin Brunhilde Wehner, seinen tiefen Dank für all das zum Ausdruck, was sie in langen Jahrzehnten für die fuldische Kirche geleistet hätten. Der dankte auch den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern im Marienheim.
Schließlich betonte der Bischof, der Horizont dieses Dienstes dürfe nicht verloren gehen. „Wo von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwa nur optimale Dienstleistungen erwartet werden, leidet die innere Kraft eben dieser Leistungen.“ Es müsse unbedingt im Miteinander eines lebendigen Glaubens nachwachsen können, was in der caritativen Versorgung, im Einsatz für Menschen abgegeben werde. Mit den Worten des hl. Vinzenz von Paul heiße dies: „Heilt die Wunden der Welt, nicht durch große Programme, sondern dadurch, daß ihr Christus darstellt.“
[local /wp-content/uploads/2007/12/071206_Marienheim.wmv]