Fulda/Hanau/Kassel/Marburg. Die Zahl der Gläubigen in der katholischen Kirche sei kleiner geworden und werde es in Zukunft noch deutlicher sein, auch dadurch, daß Menschen enttäuscht die Kirche verließen. Davon zeigte sich Bischof Heinz Josef Algermissen am Mittwoch im Fuldaer Dom überzeugt. Der Bischof dankte den über 170 Priestern und Diakonen für ihre Bereitschaft, Jesus Christus zu suchen und ihn „in ihrer Mitte wohnen zu lassen“ sowie die Menschen immer wieder zu dieser Mitte mit hinzuziehen. Denn nur überzeugte Priester könnten die Kirche weiterbringen, wie Papst Benedikt XVI. jüngst zum Ende des Priesterjahres in Rom betont habe. Macht und Einfluß der Kirche hätten abgenommen, und die Priester seien „zu neuer Demut gerufen“. Die Kraft überzeugender Menschen bleibe nach wie vor von vielen ersehnt und gesucht.
„Jesus Christus muß die entscheidende Notwendigkeit unserer Existenz und die Mitte unseres priesterlichen Lebens sein. In seiner Person handeln können wir glaubwürdig nur, wenn wir aus der Mitte der Begegnung mit Christus leben und bereit sind, mit ihm in der Mitte der Menschen zu wohnen, um sie in ihren Herzen zu berühren“, hatte Algermissen eingangs hervorgehoben. Nichts sei schlimmer in der Kirche als „laue, graue und kraftlose Mittelmäßigkeit“, insbesondere bei Amtsträgern.
„Die Mitte unseres Glaubens ist kein kleinster gemeinsamer Nenner, den irgendwie die meisten noch mitmachen können, sondern eine Fülle, die es immer neu zu ermessen gilt“, betonte der Oberhirte. In der Eucharistie versammle der Priester die Menschen zur Mitte und lasse Christus in ihr Innerstes gelangen; im Bußsakrament trage er dazu bei, daß Menschen mit sich und Gott ins reine kämen; in der Krankensalbung richte er wie Jesus den Kranken im Herzen wieder auf.
Vortrag über Neuevangelisierung im Kontext der späten Moderne
Generalvikar Prof. Dr. Gerhard Stanke kam in seiner Begrüßung der im Anschluß an den Gottesdienst in der Orangerie (Hotel Maritim) versammelten Geistlichen auf die Herausforderungen an die Kirche und den vom Bischof von den Gemeinden erbetenen „Brief der Hoffnung“ zu sprechen. Besonders begrüßte er die diesjährigen Jubilare unter den Geistlichen sowie die Missionare, neugeweihten Priester und Diakone und die Pensionäre. „Es bedarf einer neuen Aufmerksamkeit für die Gaben der einzelnen Personen, um die vorhandenen humanen und spirituellen Ressourcen ins Spiel zu bringen.
Wir haben die einmalige Chance, einen Prozeß der Reform in Gang zu setzen, der auch eine spirituelle Erneuerung impliziert und die passiven Mitglieder mit ihren Talenten ernstnimmt und vor ihre Verantwortung stellt.“ Dies stellte Pater Prof. Dr. Michael Sievernich SJ in seinem anschließenden Festvortrag über die „Neuevangelisierung in der späten Moderne“ heraus. Der Mainzer Professor für Pastoraltheologie legte in seinem Vortrag dar, daß die Kirche für ihren missionarischen Auftrag den zeitgenössischen Kontext ins Auge fassen müsse, da ihre Symbole und Gesten nicht mehr ohne weiteres verstanden würden.
Veränderte religiöse Landschaft und neue Figuren
Eine neue religiöse Landschaft habe sich dadurch herausgebildet, daß die kirchenbezogene Religiosität zurückgegangen sei, es aber auch eine gegenläufige Tendenz einer religiösen Revitalisierung gebe. Neue Religionsformen seien oft auf unmittelbare Lebensbedürfnisse zugeschnitten, aber „nicht mehr am moralischen Kanon des Christentums orientiert“. Das bedeute letztendlich eine Entkonkretisierung und Entpersonalisierung der Religion, so Prof. Sievernich. Wie schon Pater Alfred Delp 1941 festgestellt habe, sei eine neue Inkulturation im „Missionsland Deutschland“ erforderlich.
In der religiösen Landschaft seien neue Phänomene und Figuren aufgetaucht, so die „globale Neujustierung“ der katholischen Kirche in der Welt, mit dem Rückgang der Kirche in Europa, und die Entstehung neuer christlicher Gruppierungen außerhalb des klassischen Pfarreimodells. Die Jugend, „der eigentliche Schatz der Gesellschaft und der Kirche“, weise neue Einstellungen auf, die eine zunehmende Familienorientierung und mehrheitlich konfessionelle Bindung ebenso beinhalteten wie eine überraschende Kirchenakzeptanz. Dabei meinten viele Jugendlichen jedoch, daß die Kirche sich ändern müsse, wenn sie eine Zukunft haben wolle, und daß sie oft keine Antworten auf ihre Fragen habe.
Neue evangelisierende Pastoral
Neben den „klassischen Typus des praktizierenden Katholiken“ seien neue Figuren getreten, die Prof. Sievernich im folgenden charakterisierte. Da sei zum einen der „Bastler“, der sich auf verschiedene Art mit Teilaspekten – emotional, kulturell, humanitär, politisch, humanistisch oder ästhetisch – des Christentums identifiziere. „Diese sechs Typen der religiösen Zugehörigkeit geben ein hilfreiches Instrument der Wahrnehmung und Interpretation an die Hand, um die heutige junge Generation besser zu verstehen“, zeigte sich der Referent überzeugt.
Sodann nannte er die Figur des „Pilgers“, der eine mobil, autonom, freiwillig, individuell geprägte religiöse Kultur pflege. Als weiteren Typ charakterisierte er den „Konvertiten“, der in der Kirche eine neue Heimat suche bzw. zu ihr zurückkehre. All dies mache deutlich, daß die zukünftige Sozialform des Christentums diversifiziert werden müsse. Eine „neue evangelisierende Pastoral“ müsse sich diesem Kontext anpassen, also nicht nur die klassische, sondern auch die Seelsorge an Fernstehenden, Nichtpraktizierenden und Un- bzw. Halbgläubigen in Angriff nehmen.
Das sei laut Sievernich durch eine entsprechende liturgische und spirituelle Präsenz, entsprechend den Gaben der einzelnen Personen, durch eine pastorale und diakonale Präsenz, besonders durch den Beruf des Priesters als konkreten Ansprechpartners vor Ort, und eine missionarische und interkulturelle Präsenz, bezogen auf die Lebenswelt der Menschen, erreichbar. (bpf)