Fulda. Der Komponist Helmut Oehring, Sohn eines gehörlosen Elternpaares, hat einmal gesagt: „Für mich Hörenden gibt es keine schönere Sprache auf der Welt als die Gebärdensprache. Bei keiner anderen Sprache kann man so in das Innere des Erzählenden sehen.“ – Werner Althaus dürfte diesen Satz doppelt unterstreichen, denn er ist Ansprechpartner des Sozialdienstes für Gehörlose, Hörgeschädigte und deren Angehörige beim Caritasverband für Stadt und Landkreis Fulda.
Ein solcher Sozialdienst existiert in Hessen nur vier Mal: in Frankfurt, Kassel, Limburg und Fulda. In den angrenzenden Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Main-Kinzig und Vogelsberg gibt es keine Angebote. Althaus, der auch stellvertretender Vorsitzender des heimischen Caritasverbandes ist: „Wir decken das gesamte Spektrum der allgemeinen Sozial- und Lebensberatung ab, tun dies in Gebärdensprache und in Lautsprache.“ Dazu gehören unter anderem die Unterstützung bei kommunikativen Problemen mit Behörden und Arbeitgebern, die psychosoziale Beratung für Erwachsene, die plötzlich mit „Hörschädigung, Schwerhörigkeit oder Ertaubung“ konfrontiert werden, die Hilfe in Lebenskrisen wie Gefährdung durch Sucht oder psychischen Erkrankungen sowie die Kooperation und Vernetzung mit Selbsthilfeorganisationen und mit der Gehörlosenseelsorge.
Nach Aussage von Diplom-Sozialarbeiter Althaus sind es derzeit zwischen 100 und 120 Personen, die diese Beratung in Anspruch nehmen. Das Durchschnittsalter liege zwischen 60 und 70 Jahren. Leider sei der Handlungsspielraum durch die Finanzen eingeschränkt, „denn der Anteil öffentlicher Mittel ist gering, der Rest kommt aus kirchlichen Mitteln. Mit mehr Geld könnten wir halt noch mehr anfangen.“
Eine gute Tradition, die inzwischen schon Jahrzehnte währt, ist die Zusammenarbeit mit der katholischen Seelsorge für gehörlose Menschen, und hier besonders mit Diözesan-Gehörlosenseelsorger Monsignore Michael von Lüninck (Dietershausen), und dem katholischen Gehörlosenverein St. Bonifatius Fulda. Nachdem die beiden langjährigen Vorsitzenden von St. Bonifatius, Hans Joachim Köhler und Heinz Keitz, aus Altersgründen zurückgetreten waren, wurde mit Werner Althaus Anfang März 2010 ein Vertreter der Caritas mit der Geschäftsführung betraut. Seine Aufgaben sind es, Anträge und Verwendungsnachweise zu schreiben sowie die Organisation und Finanzierung von Veranstaltungen sicher zu stellen. Edith Keitz wird den 1928 gegründeten Gehörlosenverein St. Bonifatius, der Fördermittel aus dem gemeinsamen Finanztopf von Stadt und Landkreis erhält, nach außen repräsentieren und als Ansprechpartnerin für die rund 50 Mitglieder und Gäste fungieren.
Ebenfalls im März dieses Jahres wurde beim Caritasverband ein zweiteiliger Gebärdensprachekurs abgeschlossen, den seit Oktober 2009 zwölf Teilnehmer besucht hatten. Werner Althaus leitet seit über zehn Jahren solche Lehrgänge für Mitarbeiter aus Einrichtungen der Behindertenhilfe, der ambulanten Pflege, des Ehrenamtes oder auch der Caritas. „Gelehrt werden dabei die so genannten lautsprachbegleitenden Gebärden, während es dann noch die deutsche Gebärdensprache mit eigener Grammatik und eigener Syntax gibt“, so Althaus. Dass Fulda in der Mitte Deutschlands liegt, werde übrigens auch in der Dialektik der Gebärdensprache deutlich: Beispielsweise seien die Wochentage Montag bis Freitag „Nordgebärden“, Samstag und Sonntag dagegen „Südgebärden“.
Für gute Resonanz sorgt seit Juli 1990 der „Mittwochstreff“; eine Zusammenkunft, die jeden ersten Mittwoch im Monat um 14 Uhr in der Caritas-Altentagesstätte in der Kanalstraße 1 (am Hexenturm) stattfindet. Althaus definiert das Ganze als „offenen Treff für Gebärdensprachler“, weil durch diese Bezeichnung die Grenzen der Behinderung verwischt würden: „Dort gibt es Kommunikation nämlich auch zwischen den Hörenden und den Gehörlosen beziehungsweise den Hörgeschädigten, und dies ist ein Austausch, der für beide Seiten lehrreich ist und von dem auch alle Beteiligten profitieren.“ Neben einem gemeinsamen Kaffeetrinken gibt es für die stets 30 bis 40 Besucher auch von Althaus für Gehörlose aufbereitete aktuelle Informationen, beispielsweise zu wichtigen Themen wie Patientenverfügungen.
Allerdings würden, so wie auch beim 1942 gegründeten Ortsbund der Gehörlosen Fulda (der ebenfalls gefördert aus dem Finanztopf von Stadt und Landkreis wird), die Jüngeren vermisst. Althaus: „Die jungen Leute lassen sich heutzutage nicht mehr in Vereinsstrukturen einbinden und verabreden sich eher locker und spontan. Beispielsweise per E-Mail, was ja für gehörlose und hörgeschädigte Menschen eine immense Erleichterung bedeutet. Sich über das Telefon verabreden zu müssen, fällt nämlich weg.“
Zum Foto: Diplom-Sozialarbeiter Werner Althaus, der auch stellvertretender Vorsitzender des Caritasverbandes und Geschäftsführer des katholischen Gehörlosenvereins St. Bonifatius Fulda ist, verständigt sich mit hörgeschädigten Menschen in der Gebärdensprache. (Foto: Lenz)