Fulda. Ein voller Erfolg war das erste öffentliche Gesprächskonzert von David Andruss im Raum Fulda. Was ist das eigentlich, ein Gesprächskonzert? Das hatten sich offenbar auch die rund 120 Gäste gefragt, die in den Veranstaltungssaal von wohnenplus am Schlossgarten kamen. Das Konzept wurde zu Beginn kurz erläutert: Bei einem Gesprächskonzert werden dem Zuhörer vorab musikalische und biografische Verständnishilfen vermittelt. So wird das Stück begreifbar gemacht und zu einem ganzheitlichen Erlebnis. Eine Besonderheit bei Andruss: Er spielt beim Erklären immer klare Beispiele, damit das Erzählte sofort als Klang begreifbar wird.
Passend zum 200. Geburtstag Chopins nahm Andruss einige seiner Lieblingsstücke des Komponisten unter die Lupe. Anhand dreier Präludien (A-Dur, Cis-Moll und E-Moll) lernten die interessierten Zuhörer zunächst etwas über die grundsätzliche Beschaffenheit der Werke Chopins.
Eine besondere Affinität hatte Chopin zu den Mazurkas, die als eine Art Bauernwalzer seines Heimatlandes beschrieben werden können. Andruss zeigte mit einer Auswahl aus dem Zyklus Opus 7 sowie der Mazurka Opus 41 in As-Dur, dass diese Musik sowohl derb und wild als auch zart und ruhig klingen kann.
Mit den Grandes Valses Opus 34 Nr. 1+2 in As-Dur bzw. A-Moll verdeutlichte Andruss, dass Chopins Walzer nicht wirklich zum Tanzen gedacht sind. Vielmehr fordern sie den Interpreten auf eine ungewöhnlich virtuose Art und Weise. Mit unglaublicher Fingerfertigkeit fand Andruss die perfekte Balance zwischen den Stimmen und konnte das Publikum auf ganzer Linie überzeugen. Vom leichten schüchternen Ton bis zum überwältigenden Klangbild nutzte der Pianist die Möglichkeiten des Flügels restlos aus.
Chopin war ein genialer Improvisateur, der sich mit dem Festlegen eines Stückes in schriftlicher Form schwer tat. Oft schrieb er deswegen bestimmte Passagen mehrmals um. Es gibt keine „richtige oder falsche Version“ des Spielens, so Andruss, der dies anhand zweier verschiedener schriftlicher Fassungen des Walzers „L’Adieu“ verdeutlichte.
Die Walzer Opus 64 Nr. 1+2, ersterer als „Minutenwalzer“ bekannt, sind wie geschaffen für das Musikverständnis Andruss’. Mit rasanten Läufen und viel Gefühl brachte es der Pianist zur Formvollendung!
Ein weiteres Thema des Künstlers und „Moderators“ waren die Etüden. Anhand einiger Beispiele bewies Andruss erneut die geforderte Virtuosität. Neben brillanten Harfenklängen (Op. 10, Nr. 1) konnte man auch das gesamte Volumen des Flügels hören (Nr. 3). Vor allem die 4. Etüde in Cis-Moll ließ die Zuschauer ob der über die Tastatur fliegenden Finger und des daraus resultierenden unglaublich leichten, schwerelosen Klangs die Luft anhalten, bevor begeisterter Applaus ausbrach.
Mit der Barcarole in Fis-Dur, einem sehr leidenschaftlichen Stück, und dem Scherzo in H-Moll schloss Andruss das Konzert ab. Für Letzteres bedurfte es wiederum einiger Erklärungen. Das schwer zu verstehende Stück wurde von Andruss ganz leicht entschlüsselt bevor es zum Klingen kam.
Überwältigt vom brillanten Anfang ließ sich das Publikum durch das polnische Wiegenlied im Mittelteil beruhigen, bevor es sich ein letztes Mal durch Andruss’ exzellente Spieltechnik mit einer sehr ausgewogenen Melodieführung, trotz rasend schneller Begleitung, hinreißen ließ.
Gebannt vom faszinierenden Klavierspiel gab es einen kurzen Augenblick der Stille, dem langer, ehrlicher Applaus folgte. Ein strahlender Andruss nahm diesen gerne entgegen und bedankte sich bei seinen Zuhörern. Es lässt hoffen, dass Andruss, der bisher nur in Amerika oder in Deutschland auf Anfrage (vor allem in Hochschulen und Universitäten) Gesprächskonzerte praktizierte, uns noch öfter in diesen Genuss kommen lässt!