Poppenhausen. Zum zweiten Mal hatte das Rhön-Indianer-Hotel in Poppenhausen echten indianischen Besuch. Nach dem der Cherokee “Standing Bear” im September letzten Jahres einen interessanten Vortrag hilet, war nun der 81 jährige Vertreter des Ogalala Lakota-Volkes mit dem Namen Lakoto Elder „He Who Knows“ angereist. Mit spannenden und bildreichen Worten erzählte er sein Leben und den tragischen Weg seines Volkes. Diesem Stamm, bekannter unter der Bezeichnung “Sioux”, hat Kevin Costner mit dem bekannten Film “Der mit dem Wolf tanzt” in den 90ern ein Denkmal gesetzt.
Noch in einem Tipi geboren, wuchs er in der Pine-Ridge-Reservation im mittleren Westen der USA auf. Schon im Alter von 8 Jahren entwickelte sich sein besonderes Gespür im Umgang mit Pferden. Eine der wenigen sinnvollen Tätigkeiten, denen die Menschen in der von Armut, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit geprägten Umgebung nachgehen konnten. Als Ursache für diese bedauernswerte Situation beschrieb “He Who Knows” die Entwurzelung der Menschen seines Volkes. Ausgelöst vor allem durch die drakonischen und unmenschlichen Umerziehungsmaßnahmen der amerikanischen Regierung.
Bis in die 60er Jahre wurden Tausende von indianischen Kindern ihren Eltern weggenommen und in Internaten (boarding schools) zwangsamerikanisiert. Wenn Sie dann in die Reservationen zurückkamen, sprachen Sie nur noch Englisch und waren der Kultur und Spiritualitätbb ihrer Völker entfremdet. Nur noch etwa 16% der z.Zt. 28.000 Bewohner des Lakota-Reservates spricht deshalb die eigene Sprache. Davon fast ausschließlich ältere Menschen über 60. “He Who Knows”, übrigens ein Nachfahre des legendären “Sitting Bull”, wollte immer Cowboy werden.
So konnte er schon mit 15 Jahren der Tristesse der Reservation dadurch entgehen, dass ihn ein Cherokee-Indianer für das Rodeo entdeckte. Bis zu seinem 50. Lebensjahr tourte er als Rodeo-Akteur durch die gesamten Vereinigten Staaten. Trotz vieler Blessuren, mehrfachem Kieferbruch und künstlichem Kniegelenk hat er diese spannende Zeit in guter Erinnerung. Irgendwann wurde ihm dann in einer Vision offenbart, dass er heilende Kräfte besitzt und andere Menschen helfen und sie auf Ihrem Weg unterstützen kann. Seit den 80ern lebt er nun alleine in der Nähe des Pine-Ridge-Reservates weitgehend als Selbstversorger.
Erst 2008 beantragte er einen amerikanischen Pass und konnte nur deshalb die weite Vortrags-Reise ins ferne Deutschland antreten. In einer kurzen Erwähnung kam auch der Aufstand von Wounded Knee in den 70er Jahren zur Sprache. Damals hielten einige hundert Indianer diesen geschichtsträchtigen Ort beinahe 2 Monate besetzt und konnten erst nach massiver Belagerung durch das Militär vertrieben werden. Wounded Knee ist der Ort des letzten großen Massakers an Indianern Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Besetzung dieses Platzes in den 70ern hat das Bewusstsein für die eigene Stärke und den Willen zum Kampf für indianische Rechte gestärkt. Seitdem hat das indianische Interesse für die eigene Kultur und die Besinnung auf die eigenen spirituellen Werte wieder zugenommen. Die Teilnahme an PowWow, Schwitzhütte und am legendären Sonnentanz bringt viele Indianer wieder in Kontakt zu ihren Wurzeln. Trotzdem ist die soziale Situation im Pine-Ridge-Reservat, einem der ärmsten Indianer-Reservationen in den USA, nach wie vor sehr schlecht.
Spannend war auch “He Who Know´s” kurzer Einblick in den indianischen Schöpfungsmythos. Die Parallelen zur biblischen Genesis überraschten die Zuhörer und zeigten anschaulich, wie sich bestimmte Urbilder in der Mythologie unterschiedlichster Kulturen wieder finden. Mit einem spirituellen Ausklang beendete “He Who Knows” seinen Vortrag. Die heilige Pfeife wurde herumgereicht und indianische Gesänge begleiteten die anschließende Segnung der Teilnehmer.
Dies machte bewusst, dass die Veranstaltung eben nicht nur reine “Gehirn- und Faktenvermittlung” war, sondern auch andere Erlebnisbereiche angesprochen wurden. Die Vortragsstunden vergingen wie im Flug, und nach lockerem Ausklang bei Bio-Apfelschorle und leckerem Obstsaft verließ “He Who Knows” mit Begleiter und Übersetzerin das “Rhön-Indianer-Hotel” zum nächsten Vortragstermin. Als der kleine Mann mit den wachen Augen sich nochmals zwecks Erwärmung am Feuer drehte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, er wäre gerne, zu mindest noch eine Nacht, geblieben: in diesem großen schönen Zelt mit dem Feuer in der Mitte, dem Ort seines Ursprungs, das er mitten im fernen Deutschland vorgefunden hatte.