Büdingen. Die Geschichtswerkstatt Büdingen hat zur Vorweihnachtszeit zwei neue Bücher herausgebracht, die – in einer von Hightech und Hektik geprägten Zeit – zum gemütlichen Beisammensitzen mit der Familie, zum Lesen und Vorlesen anregen. „Weihnachten in alten Zeiten“ ist eine Sammlung von sechs Erzählungen, drei Märchen und 46 Gedichten aus dem 19. Jahrhundert. Sie stammen aus alten Weihnachtsbüchern und sind zum Teil schon fast in Vergessenheit geraten.
Der Glaube an die Macht von Poesie und Phantasie ist ein zentrales Thema der Geschichten und Gedichte jener Zeit. Auf das Fest bezogen bedeutet dies – obwohl Kinderarbeit und Mangel den Alltag bestimmten – das eigene kleine Glück und die Geborgenheit in der Familie zu finden. Die Erzählungen vermitteln trotz Idealisierung einen lebendigen Eindruck der damaligen Lebensverhältnisse und sind damit ein Spiegelbild der Gesellschaft. Ihre reiche, bildhafte Sprache erinnert uns heute an Märchen.
Die Beiträge stammen zum Teil von bekannten Autoren, wie Hermann Löns, Christoph von Schmid, Annette von Droste-Hülshoff, Hoffmann von Fallersleben, Joseph von Eichendorff und Theodor Storm. Es finden sich aber auch viele heute kaum noch bekannte Erzählungen und Gedichte, wie zum Beispiel „Der Weihnachtsbaum“ von Heinrich Seidel:
Schön ist im Frühling die blühende Linde,
bienendurchsummt und rauschend im Winde,
hold von lieblichen Düften umweht;
schön ist im Sommer die ragende Eiche,
die riesenhafte, titanengleiche,
die da in Wetter und Stürmen besteht;
schön ist im Herbste des Apfelbaums Krone,
die sich dem fleißigen Pfleger zum Lohne
beugt von goldener Früchte Pracht;
aber noch schöner weiß ich ein Bäumchen,
das gar so lieblich ins ärmlichste Räumchen
strahlt in der eisigen Winternacht.
Keiner kann mir ein schöneres zeigen:
Lichter blinken in seinen Zweigen,
goldene Äpfel in seinem Geäst,
und mit schimmernden Sternen und Kränzen
sieht man ihn leuchten, sieht man ihn glänzen
anmutsvoll zum lieblichen Fest.
Von seinen Zweigen ein träumerisch Düften
weihrauchwolkig weht in den Lüften,
füllet mit süßer Ahnung den Raum!
Dieser will uns am besten gefallen,
ihn verehren wir jauchzend vor allen,
ihn, den herrlichen Weihnachtsbaum!
Einhundert Fabeln für Kinder
Wilhelm Hey (1789 – 1854) war Pfarrer, Lehrer, Lied- und Fabeldichter. Er benutzte die Fabel in ihrer traditionellen Form als belehrende Erzählung, in der Tiere menschliche Eigenschaften oder Eigenheiten besitzen und wie Menschen handeln. Sie war vor allem im Humanismus verbreitet und diente dazu, Wahrheiten im „lustigen Lügenkostüm“ (Luther) zu vermitteln. Die Handlung zielte dabei stets auf eine Schlusspointe hin, die eine allgemeingültige Moral verdeutlichte.
Wilhelm Hey war ein guter Beobachter seiner Umwelt, des Miteinanders von Kindern und Tieren. Auch in diesen Fabeln können Tiere sprechen – mit Menschen oder untereinander – sind aber nicht so weit vermenschlicht, dass sie etwa Kleidung tragen. Wenn sie auch manchmal menschliche Charaktereigenschaften symbolisieren, so wirkt ihr Verhalten doch immer schlüssig in ihrer Art begründet. In seinen Erzählungen drückt sich eine starke Liebe zu Tieren, zur „Kreatur“ aus, die er als Gottesgeschöpfe sieht, die als eigenständige und zu respektierende Lebewesen anerkannt werden müssen, da jedes seine Aufgabe in der Welt hat.
Sau
„Kinder“, spricht die Mama,
„Höret mir zu und folget ja.
Müsst nur recht manierlich sein,
Immer euch sauber halten und rein,
Nicht euch wälzen auf allen Wegen,
Nicht euch in jede Pfütze legen.“
Und wie sie selbst es stets getan
Und wie es von ihr die Kinder sah’n,
So lernten sie’s auch mit Fleiß und Müh’
Und machten es ganz und gar wie sie.
Sie wollten nichts Besser’s, nichts Schlechter’s sein;
Es wurde ein jedes wieder ein Schwein.
Otto Speckter (1807 – 1871), Zeichner und Radierer, war ein bekannter Buchillustrator seiner Zeit. So illustrierte er u.a. Luthers „Kleinen Katechismus“, den „Gestiefelten Kater“ und Grimms Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“. Seine Bilder stellen die in den Fabeln beschriebenen Situationen mit vielen liebevoll arrangierten Hintergrunddetails dar. Menschen und Tiere erscheinen niemals statisch, sondern in ihrem natürlichen Bewegungsablauf.

