Was in der Partnerschaft eine große Aufgabe ist, gilt auch für die Belegschaft: Gemeinsamkeiten finden und Unterschiede wertschätzen. Gerade bei der Beschäftigung von Geflüchteten ist dies eine große Herausforderung. Ein gelebtes Vielfaltsmanagement kann dabei helfen.
Sie bilden Flüchtlinge aus, stellen sie ein und geben ihnen Chancen: Unternehmen. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind zweifellos eine wichtige Stütze bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt; letztlich aber auch in die Gesellschaft. Der KOFA-Studie 1/2017 zufolge hat fast jedes fünfte deutsche Unternehmen Geflüchtete im Rahmen eines Praktikums (17 Prozent) beschäftigt, gefolgt von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung (10,2 Prozent) und betrieblicher Ausbildung (7,2 Prozent). Insgesamt konnten bereits 400.000 Unternehmen in Deutschland in den letzten drei Jahren Erfahrungen mit Geflüchteten sammeln. Und diese scheinen sich zu bewähren: Zwei Drittel von ihnen planen weitere einzustellen. Ein Argument, das noch unsichere Unternehmen überzeugen könnte.
„Viele Unternehmen sind offen und wollen sich engagieren. Bei diesem Engagement spielt Vielfaltsmanagement eine wichtige Rolle. Es bedeutet, eine lernende Organisation zu sein“, erklärt der systemische Coach und Prozessbegleiter Christian Mappala. Mit seiner Firma „third culture movement“ berät er Institutionen und Unternehmen in Sachen Vielfalt. „Gemeinsamkeiten verbinden, Unterschiede sollten wertgeschätzt werden“. Darin sieht Mappala eine große Aufgabe. Gelinge dies, könnten Unternehmen stark davon profitieren, auch wenn dieser nicht immer auf den ersten Blick zu sehen sei.
„Vielleicht hat ein Syrer oder Afghane familiäre Verbindungen, die erst zehn Jahre später wirtschaftlich zur Geltung kommen. Der chinesische Markt ist ein ganz gutes Beispiel für die Bedeutung von Vielfalt. Es reicht nicht aus, von Deutsch auf Mandarin zu übersetzen. Aufgrund der kulturellen Unterschiede bedarf es einer guten Erklärung“. Wenn es darum geht, eine gute Erklärung zu finden und Unterschiede wertzuschätzen, nehmen Führungskräfte eine wichtige Rolle ein. „Vielfaltsmanagement steht und fällt mit der Führungskraft. Wenn es nicht von der Geschäftsleitung unterstützt wird, verpufft die Kraft; die Folge ist Frustration“, so der Experte.
Ein Unternehmen, das sich mit dem Thema Vielfaltsmanagement auseinandergesetzt hat, ist der Automobilhersteller Borg Warner. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 30.000 Personen aus dreißig Nationen. „Für unsere Führungskräfte war es spannend, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinander zu setzen und einige abzubauen“, erklärt Rick Webster. Am Standort Kirchheimbolanden ist er für die Talent- und Organisationsentwicklung zuständig.
Auch bei der Beschäftigung von Geflüchteten ist es hilfreich, sich seiner Vorurteile bewusst zu sein. Denn gerade bei geflüchteten Menschen sind die Betriebe stark gefordert. „Die Wohn- und Gesundheitssituation, wie auch die Kinderbetreuung werden anders verstanden. Bis Eigenständigkeit vorhanden ist, müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber oft eine Fürsorgerolle einnehmen. Wenn meine Familienmitglieder in unsicheren Krisengebieten leben, mache ich mir natürlich Gedanken. Das hat direkten Einfluss auf die Arbeitsleistung“, erklärt Christian Mappala. Vielfaltsmanagement ist seiner Meinung nach aber nicht nur ein Thema für Unternehmen. „Kanadas Premierminister Trudeau hat wörtlich gesagt ‚Diversity is our strength‘. Ich würde gerne Diversity als die DNA unserer Kultur in Deutschland sehen. Wir sollten den Vielfaltsbegriff als Ausgangspunkt für unsere Politik nehmen“.
Ähnlich sieht dies auch Franziska Bender aus der Regionaldirektion Hessen. Im Rahmen eines Projektes hat sich die Fachbereichsleiterin mit Teilnehmenden aus Wirtschaft und Politik mit der Fragestellung auseinander gesetzt, wie Unternehmen und Geflüchtete voneinander lernen können. „Eine Willkommenskultur, die den Geflüchteten Zukunftsperspektiven aufzeigt, ist unumgänglich“, so Bender. Ihre Vision: Ein flächendeckendes Vielfaltsmanagement, um interkulturelle Kompetenzen zu fördern und Vorurteile abzubauen. „Gerade Klein- und Mittelständische Betriebe haben keine Ressourcen dies selbst in die Hand zu nehmen. Eine Beratungsstelle, die Unternehmen bei der Umsetzung von Strategien begleitet, halte ich für sehr sinnvoll“. Dies könnte laut Bender beispielsweise durch die Bundesagentur für Arbeit erfolgen. „Wir sind sehr nah an den Menschen und kennen sie in ihren schwierigen Situationen: Wenn sie arbeitslos sind und eine neue Beschäftigung brauchen. Unsere interkulturellen Kompetenzen könnten wir nutzen und zum Beispiel Betrieben im ländlichen Bereich zur Verfügung stellen, wenn sie noch keine Erfahrungen in diesem Themenfeld haben“.