Renate Wetzler steht in ihrem Garten hinterm Haus und sucht nach einem Platz für eine neue Staude – stillsitzen liegt ihr nicht, sie ist Bewegung gewöhnt. Dass sie demnächst ihren 75. Geburtstag feiert, sieht man auch nicht auf den ersten Blick. Doch die rüstige Dame hat beschlossen: „Es ist Zeit – ich privatisiere mich. Es war eine schöne Arbeit, ich habe immer gerne mit Kindern um mich herum gelebt – aber ich höre jetzt auf.“ Der Satz „Ich privatisiere mich“ fällt während des Gespräches häufig, für Frau Wetzler bedeutet der Abschied als Tagesmutter einen Rückzug nicht nur aus der Arbeit sondern auch von ihrem Einsatz als Lesepatin im Grebenhainer Kindergarten, „ab sofort stehe ich nur noch meinem Enkel und seiner Familie zur Verfügung“.
Als alles begann, lebte Frau Wetzler noch in Maintal. Sie hatte einer verwitweten Nachbarin bei der Kinderbetreuung geholfen, dann kam schon bald ein weiteres Kind hinzu, das sie mitbetreute – „Ich war plötzlich mittendrin“, erzählt Frau Wetzler, „dabei wusste ich damals gar nicht, dass es so etwas wie Kindertagespflege gibt.“ Der zuständige Sachbearbeiter vom Jugendamt in Hanau sei zu ihr gekommen, um bei „seiner neuen Tagesmutter“ nach dem Rechten zu sehen. Und dann blieb sie dabei. Jahre später, als eine Qualifizierung gefordert wurde, holt sie diese nach und war bis heute für insgesamt 69 Kinder die Tagesmutter.
Zu Beginn ihrer Tätigkeit gaben Eltern ihre Kinder zur Tagesmutter, damit sie früher zurück in die Arbeitswelt konnten, noch vor dem Eintritt der Kinder in den Kindergarten. Heute seien es eher die Eltern, die sich bewusst dafür entscheiden, ihr Kleinkind nicht in einer großen Gruppe sondern ganz individuell betreuen zu lassen. Genau das sei auch ihr immer besonders wichtig gewesen, „ich fand es wichtig, auf jedes Kind individuell eingehen zu können, und bei einem bis maximal drei Kindern im Haushalt war das bei mir auch möglich“, erzählt Frau Wetzler.
Bei ihr standen die ganze Zeit über zwei Kinderbetten und ein „Notbett“ für den Mittagsschlaf bereit, jeden Tag wurde frisch und gesund gekocht und bei passendem Wetter ging es zweimal täglich raus an die frische Luft. „Die Eltern konnten morgens aus dem Haus gehen und wussten, da ist alles in Ordnung“. Morgens, das konnte halb sieben, halb acht, manchmal auch viertel vor sechs heißen – je nachdem, wann die Eltern sich auf den Weg zur Arbeit machen mussten.
Was rät sie Frauen, die als Tagesmutter arbeiten wollen? „Als Tagesmutter sollte man finanziell unabhängig sein. Man hat in der Regel nicht durchgängig fünf Kinder in der Woche, um sich auf dieses Einkommen verlassen zu können“, rät sie. Außerdem: „Tagesmutter werden ‚nur‘ aus Liebe zu Kindern reicht nicht. Ich würde jedem empfehlen, ständig dazu zu lernen, von der ersten Qualifizierung an, die ja Voraussetzung ist, bis zum Ende einer Tätigkeit als Tagesmutter.“
Sie selbst hat es genauso praktiziert, hat in jedem Jahr mindestens 20 Stunden Fortbildungen besucht, „um auf dem Laufenden zu sein“. Eine Nachfolgerin hat sich leider noch nicht gefunden – ob die geforderte Ausbildung ein Grund sein könnte? „Damals gab es diese Ausbildung leider noch nicht, mir hätte sie sogar sehr geholfen am Anfang“, meint Frau Wetzler und gesteht, dass sie eigentlich gerne Lehrerin geworden wäre. Im Nachhinein sei es aber gut so gewesen.
Der nächste Qualifizierungskurs startet Anfang September. Kindertagespflegeperson können Frauen und Männer werden, die Freude am Umgang mit Kindern haben, diese in ihrer Entwicklung und Bildung fördern wollen und den Kindern eine liebevolle, wertschätzende, familiäre Atmosphäre bieten können. Selbstverständlich müssen Tagespflegepersonen Verantwortung übernehmen wollen und an pädagogischen Themen interessiert sein. Auch eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern und der Fachstelle im Jugendamt sowie der Austausch mit anderen Tagespflegpersonen wird erwartet.
Der Kurs an der Volkshochschule in Lauterbach startet am 8. September und umfasst 160 Unterrichtseinheiten, die überwiegend an Wochenenden besucht werden können. Das Abschlusskolloquium findet am 4. März 2017 statt. Ansprechpartnerin bei der Fachstelle Kindertagespflege ist Marga Michelsons (Tel. 06641/9774200), kindertagespflege@vogelsbergkreis.de.