Etwa jede dritte Person, die in Hessen Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitslose bezieht, geht einer Beschäftigung nach. Zu diesem Ergebnis kam die neue Studie des IAB Hessen, die die Entwicklung erwerbstätiger Arbeitslosengeld II – Empfänger im Zeitraum 2007 bis 2014 beleuchtet.
Insgesamt waren 2014 in Hessen mehr Arbeitslosengeld II-Bezieher erwerbstätig (85.300) als langzeitarbeitslos (61.100).
Die Zahl der erwerbstätigen Arbeitslosengeld II – Empfänger erhöhte sich von 73.800 im Jahr 2007 auf 85.300 im Jahr 2014. Die Zunahme fiel mit 15,5 Prozent nur wenig höher aus als der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung (11,2 Prozent). Die Zahl der Selbstständigen, die Leistungen aus der Grundsicherung beziehen hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt.
Von den 85.300 Personen in 2014, übten 93 Prozent eine abhängige Beschäftigung aus. Knapp die Hälfte arbeitete in einem 450 €-Job. 6.200 ALG II-Bezieher gingen einer selbstständigen Tätigkeit nach.
2014 waren rund 30 Prozent aller erwerbstätigen Leistungsbezieher arbeitslos gemeldet, das heißt sie gingen einer Tätigkeit von maximal 15 Wochenstunden nach. Bei den Selbstständigen lag der Anteil nur bei knapp 20 Prozent. Das bedeutet gleichzeitig, dass für 70 Prozent der Erwerbstätigen und 80 Prozent der Selbstständigen das erzielte Einkommen zur Existenzsicherung nicht ausreichte, obwohl sie mehr als 15 Wochenstunden arbeiteten. Knapp 80 Prozent waren 2014 auf der Suche nach einer anderen, höher bezahlten Tätigkeit.
Soziodemografische Unterschiede: Frauen verstärkt betroffen
In den letzten Jahren wurden häufig Frauen zu erwerbstätigen Leistungsempfängerinnen. Ihr Zuwachs fiel seit 2007 eineinhalbmal so hoch aus wie bei den Männern. Besonders stark war in diesem Zeitraum auch der Anstieg der älteren Personen über 55 Jahren und der Ausländer. 2014 waren etwas mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Leistungsempfänger Frauen (53 Prozent). Ältere waren mit knapp 15 Prozent vertreten, rund 37 Prozent besaßen keine deutsche Staatsangehörigkeit.
Regionale Unterschiede: Mehr erwerbstätige Leistungsbezieher im Rhein-Main-Gebiet
Im betrachteten Zeitraum stieg die Zahl der erwerbstätigen Leistungsbezieher in Südhessen an, während sie insbesondere im nördlichen Hessen sank. Den deutlichsten Anstieg mussten der Main-Taunus-Kreis (+75 Prozent), der Kreis Groß-Gerau (+26,4 Prozent) und die Stadt Frankfurt(+16,8 Prozent) verzeichnen.
Warum dies so ist, erklären die Wissenschaftler des IAB Hessen mit der gegensätzlichen Entwicklung des Arbeitsangebotes bei gleichzeitig steigender Arbeitsnachfrage. Bedingt durch mehrere Faktoren wie den anhaltenden Trend zum Zuzug in großstädtische Regionen expandiert in Südhessen das Arbeitsangebot stärker als die Arbeitsnachfrage. Die Arbeitslosigkeit sinkt in geringerem Umfang und die Löhne entwickeln sich weniger vorteilhaft. Infolgedessen nehmen hier die erwerbstätigen Leistungsbezieher zu. Auch das hohe Mietniveau im Rhein-Main-Gebiet vergrößert die Möglichkeiten des Leistungsanspruchs. Im nördlicheren Hessen dagegen geht die eher rückläufige Erwerbsbevölkerung mit stärker sinkender Arbeitslosigkeit und schneller wachsenden Löhnen einher. Dies lässt dort die Zahl zurückgehen.“
Hintergrundinformation
Personen, die erwerbstätig sind und gleichzeitig Leistungen aus dem SGB II (Hartz IV) beziehen und somit ihr Einkommen damit erhöhen (aufstocken), werden in diesem IAB-Regional als Aufstocker bezeichnet. Diese Begriffsdefinition schließt sich an die umgangssprachliche an und weicht von der Definition der Statistik der Bundesagentur für Arbeit ab, die Personen als „Aufstocker“ bezeichnet, deren Arbeitslosengeldbezüge nach SGB III um Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitslose ergänzt werden.