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85. Heidelsteinfeier des Rhönklubs

Rhön. Zum 85. Mal in Folge gedachte der Rhönklub am Sonntag seiner im letzten Jahr verstorbenen Mitglieder; aber auch denjenigen Menschen, die bei Kriegen, Flucht, Vertreibung und deutscher Teilung ihr Leben lassen mussten. „Um als Rhönklub wider das Vergessen etwas zu tun, wollen wir die Toten, die an der innerdeutschen Grenze umkamen, mit in unser heutiges Gedenken einbeziehen”, sagte der Vizepräsident des Rhönklubs, Ewald Klüber, der zugleich Geschäftsführer der Regionalen Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Rhön ist. (Bild: Vizepräsident Ewald Klüber erinnerte in seiner Begrüßung an die vielen Toten, die an der innerdeutschen Grenze ihr Leben lassen musste.)

„Wenn wir hier vom Heidelstein in Richtung Norden und Osten schauen, ist die Grenze zwischen Ost und West noch in der Landschaft zu sehen. Diese Grenze hat sehr vielen Menschen, die vom Osten in die Freiheit wollten, das Leben gekostet”, hob Klüber in seiner Begrüßung der vielen Hundert Rhönklubmitglieder hervor. Die genaue Zahl derer, die durch diese unmenschliche Grenze ihr Leben verloren haben, stehe nach offiziellen statistischen Recherchen nach fast 20 Jahren Einheit noch immer nicht fest. Zurzeit seien es knapp 1.000 Personen.

Sind Bräuche und Symbole noch gerechtfertigt?

In seiner Rede zur 85. Heidelsteinfeier beschäftigte sich Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller mit dem Thema „Wir sind doch modern, wozu noch Bräuche und Symbole?”. In diesem Zusammenhang ging er auf die 68er-Bewegung ein, die Symbole und Bräuche hinterfragt und deren Beseitigung gefordert hatte. „Heute müssen wir uns die Frage stellen, ob diese Bewegung Fortschritt gebracht oder etwas zerstört hat”, meinte Möller. Hinzu komme die heutige Moderne – mit der immer wieder von ihr geforderten Flexibilität. Die Bräuche, auch die in der Rhön, seien allesamt geschichtlich gewachsen. Deshalb könne man sie nicht losgelöst von der Geschichte und dem Hintergrund zur Landwirtschaft und zum christlichen Glauben betrachten. Doch inzwischen gebe es auch Bräuche, die genau diesen Hintergrund nicht haben: etwa Halloween oder die Jugendweihe als atheistisches Gegenstück des Erwachsenenwerdens im Vergleich zu Kommunion und Konfirmation.

„Bräuche bleiben nur lebendig, wenn sie gepflegt werden. In diesem Zusammenhang sollten wir auch unseren Umgang mit dem Erntedankfest bedenken”, meinte Fuldas Oberbürgermeister. Die Verfügbarkeit aller Früchte der Erde zu jeder Zeit habe die Menschen vergessen lassen, dass sie von der Natur abhängig sind. „Lebensmittel sind aber nicht beliebige Produkte, sondern sie haben einen Wert und sind wertvoll”, hob Möller hervor. Deshalb müsse sich der Mensch auch die Frage stellen, ob er mit dem Verheizen von Getreide zur Energiegewinnung noch der Schöpfungsgeschichte gerecht wird.

Mancher Brauch könne umso lebendiger sein, je stärker er sich wandle. „Der Rhönklub hält an der Heidelsteinfeier seit 85 Jahren fest. Aber in dieser Zeit erfolgte immer wieder eine Erneuerung durch die Zeitgeschichte. Das zeigt unter anderem das einfache, aus dem ehemaligen Grenzzaun gefertigte Kreuz, das hier auf dem Heidelstein steht”, sagte Möller. Der Brauch der Heidelsteinfeier sei etwas Wichtiges und Wertvolles, denn dieser Tag hebe sich von den anderen Sonntagen im Jahreskreis ab. Sie stehe stellvertretend für andere Bräuche, die dadurch charakterisiert werden, dass sie für den Einzelnen ein Bekenntnis zur Gemeinschaft sind.

Ewald Klüber machte darauf aufmerksam, dass heute oft von „unbehausten Menschen” die Rede ist. „Diese besondere Art der Armut verlangt bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Heimat, nach Familie und Freunden, nach einer bekannten Landschaft und im geistigen Bereich nach den Wurzeln des Glaubens – ich sage bewusst unseres christlichen Glaubens. Bräuche und Symbole haben immer tiefere Gründe. Sie können nicht ,gekauft’ und ,aufgepfropft’ werden. Gerade weil wir modern geworden sind, brauchen wir ein Fundament, in dem wir zu Hause sind”, meinte der Vizepräsident. „Unser Rhönklub hat sich heute hier versammelt, um zu gedenken und Brücken zu bauen. Wir bauen diese Brücken, weil wir sie in einer gewandelten und einer sich wandelnden Welt besonders notwendig brauchen”, ergänzte er.

Kranzniederlegung zur Ehrung der Toten

Den Gedanken, Brücken in die Zukunft zu bauen, griff im Anschluss an die Kranzniederlegung in der Gedenkstätte des Rhönklubs auf dem Heidelstein auch Rhönklubpräsidentin Regina Rinke auf. „Brücken haben immer etwas Versöhnliches, Verbindendes – auch die Brücken zwischen den Menschen, zwischen verschiedenen Gemeinschaften oder zwischen den Religionen”, betonte sie. Den anwesenden Mitgliedern rief sie zu, auch im Rhönklub immer und überall Brücken zu bauen – zu den Altvorderen, denen der Verein viel zu verdanken habe, „aber auch in die Zukunft, zu unseren jungen Mitgliedern, damit der Fortbestand des Rhönklubs gesichert ist”.

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