Fulda. Die großformatigen Bilder zeigen Ergebnisse des Projektunterrichts im Fach Kunst der Klasse 5b der Rabanus Maurus Schule. In einem Theorie-Praxisprojekt haben SchülerInnen ausgewählte barocke Gemälde betrachtet, unterschiedliche Qualitäten von Stoffen kennengelernt, diese zu Kleidungsstücken an vorgegebenen Umrissfiguren verarbeitet. Im letzten Schritt wurden für die fertigen bekleideten Figuren geeignete Handlungsräume erdacht und gestaltet. Mit der nun stattfindenden Ausstellung im Foyer des Schlosstheaters von Fulda soll die außergewöhnlich kreative Arbeit der beteiligten Kinder gewürdigt werden.
Am Beginn der Unterrichtsreihe stand die intensive Betrachtung von barocken Genrebildern und Porträts aus der Zeit des späten 17. und 18. und frühen 19.Jahrhunderts ( Antonis van Dyck, Velaszquez, Rubens, Rembrandt, J. Steen, G. m Kraus, F. G. Waldmüller). Der zweite Aufhänger war eine große, offene Kiste mit Resten von sehr edlen, luxuriösen Stoffen und sehr einfachen, z. T. schon gebrauchten Stoffen, Bändern und Litzen. Diese Stoffkiste erweckte den Wunsch, die ungewöhnlichen Textilien zu befühlen und irgendwie als Kleidung benutzen zu können. Doch zunächst wurde auf ca. sechs beispielhaft ausgesuchten barocken Gemälden die kunstvolle höfische Bekleidung der abgebildeten adeligen Gesellschaft erforscht.
Wie zu erwarten, waren die Kinder sehr verblüfft, dass die in den Gemälden abgebildeten kleinen und größeren Kinder aus den höfischen Kreisen alle so steif dastehen und auch kaum von deren “erwachsenen” Eltern zu unterscheiden sind. Neugierig geworden, stellten sie viele Fragen zu den Ursachen für diese zunächst rätselhaften Verhältnisse. Dass Kinder in diesen Kreisen wie “kleine Erwachsene” zu funktionieren hatten, wurde mit Erstaunen quittiert. Sehr schnell wurde die Frage gestellt, wie denn die Kinder mit derart luxuriösen Kostümen ihre ganz normalen Kinderspiele gespielt haben. Weder die eng anliegenden Wämse, seidenen Strümpfe und Absatzschuhe der jungen Herren, noch die tief dekolletierten Mieder und überweiten und steifen Röcke der jungen Damen wurden als alltagstaugliche Kleidung eingeschätzt. Das Kinderleben entpuppte sich als ganz schön kompliziertes Leben!
An zwei weiteren Gemälden, diesmal mit Kindern aus dem bäuerlichen Milieu, erkannten die SchülerInnen ganz klar die enorme Bedeutung von Kleidung als sichtbares Merkmal des sozialen Unterschieds von gesellschaftlichen Ständen und Bekleidung als Hindernis beim Spielen. Die dezente Farbigkeit der einfachen Jacken und Hosen der Bauernkinder, ihre zerschlissenen Kleidungsstücke und die nackten Füße erweckten deshalb auch keine sentimentalen Gefühle des Bedauerns, sondern eine sachliche und klare Haltung gegenüber den historischen Zusammenhängen. Diese Klarheit war mit wichtig, auch um klischeehafte Ansichten über die Kindheit früherer Zeiten mit den SchülerInnen diskutieren zu können.
Während der praktischen Arbeitsphase haben die Mädchen wie die Jungen mit großem Geschick und enormer Ausdauer die oft langwierigen und komplizierten Gestaltungsprozesse ausgeführt. Nicht zuletzt erwiesen sich die wunderbaren Stoffe als Magnet für aufwändige, barocke Drapierungen von Röcken und Miedern, Wämsen und Beinkleidern auf der einen Seite und schlichten, alltagstauglichen Röcken, Hosen und Hemden auf der anderen Seite.
Der sommerliche Wiesengrund (nach Albrecht Dürers “Rasenstück” von 1498) und der herrschaftlich gediegen wirkende schwarz-weiß geflieste Ballsaal mit stilvollen Säulen entstanden als abschließendes Gemeinschaftswerk. In den Bildern scheint die Zeit still zu stehen, so still wie die dargestellten Kinder, die nun reglos darauf warten, dass sie von möglichst vielen kleinen und großen Besucherinnen und Besuchern angesehen werden. Und wer genauer hinschaut und die feinen Gesichter der barocken Kinderfiguren studiert, wird entdecken, dass Kindheit schon immer keine einfache Zeit war.
Am Dienstag, 21. Januar 2014 wird um 11.30 Uhr die Ausstellung „Die Kunst der Kleidung“ eröffnet. Die Ausstellung wird vom 21. Januar bis 20. Februar 2014 zu den Zeiten der Theateraufführungen zu sehen sein.