Fulda. Martin Kersting und Paul Weber sind die Strategen der Fuldaer Kreisverwaltung. In ihrer Freizeit setzen der Diplom-Sozialarbeiter und der Personalratsvorsitzende mit kühlem Kopf und Leidenschaft auf die 32 schwarzen und weißen Figuren. „Das Schachspiel ist das älteste bekannte und auch heute noch gespielte Brettspiel auf der Welt. Es ist für mich eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Sport. Schöne Spielzüge und Kombinationen bereiten einen ästhetischen Genuss, man lernt nie aus und entdeckt immer wieder Neues“, erklärt Kersting seine Vorliebe.
Ein indisches Sprichwort sage treffend: „Das Schachspiel ist ein See, in welchem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann.“ Für Paul Weber sind die unzähligen Varianten und Möglichkeiten das Faszinierende, es gebe keinen Glücksfaktor oder Zufall, allein das eigene Können entscheide über den Ausgang einer Partie. „Man muss mehrere Züge voraus denken, und zwar seine eigenen Züge und die möglichen Züge des Gegners. Die Züge, die schließlich am Brett ausgeführt werden, sind dann nur ein Bruchteil der Züge, die von den Spielern vorher im Kopf durchgespielt wurden“, betont der 49-Jährige, der beim Schach sehr gut abschalten kann und dann alles andere vergisst.
Konzentrationsfähigkeit, Geduld, Selbstdisziplin, Kreativität sowie logisches und strategisches Denken sind für Kersting und Weber Fähigkeiten, die beim königlichen Spiel benötigt und geschult würden. „Auch im realen Leben kann man keinen Zug zurücknehmen, sondern muss aus jeder Situation das Beste machen. Insofern hat das Schachspiel gerade auch für Kinder und Jugendliche einen hohen pädagogischen Wert“, sagt Kersting, der im Alter von sieben Jahren das Schachspiel vom Vater erlernt hatte. Mit 14 trat der heute 55-Jährige in einen Schachverein in Süddeutschland ein und war Anfang der 80er Jahre beim damaligen Bundesligisten Freiburg-Zähringen aktiv. Schach spielt noch immer eine wichtige Rolle im Leben des Petersbergers. „Ich beschäftige mich fast täglich, wenn auch zeitlich begrenzt, mit Schach: am heimischen PC, beim Analysieren oder Verfolgen von Partien im Internet sowie beim Erstellen der ‘Schach-Ecke’, die ich seit mehr als zehn Jahren als freier Mitarbeiter der Fuldaer Zeitung verfasse.“ Der Spielabend beim Schachclub Fulda, dem Kersting seit fast 30 Jahren angehört, findet einmal wöchentlich statt. Dort ist der Sozialarbeiter auch beim Trainieren der Jugend behilflich.
Seit mehr als 25 Jahren spielt Paul Weber Schach im Schachclub Langenbieber. Sich selbst bezeichnet der Dipperzer als offensiven Spieler, „der schon im Mittelspiel versucht, zu einem zwingenden Mattangriff zu kommen. Zugeschobene Partien sind mir ein Graus“, so der 49-Jährige, der auch noch als EDV-Administrator bei der Bauaufsicht tätig ist.
Vom spielerischen Naturell her ein ganz anderer Typ ist Martin Kersting. „Es gibt Spieler, die gerne wild angreifen und Kombinationen lieben, oder aber welche, die sich lieber ruhig positionell aufbauen und auf ihre Chance warten. Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe und liebe vor allem das Endspiel. Natürlich spielt auch das Alter eine Rolle, in jungen Jahren spielt man oft wilder“, charakterisiert sich der Petersberger selbst. Zum Verbessern der eigenen Spielstärke eigneten sich neben einem Selbststudium zu Hause auch Literatur und PC-Programme. „Am meisten lernt man aber beim Schachspielen selbst“, ergänzt Weber.
Für den Ablauf von Einzelturnieren und Mannschaftskämpfen gibt es natürlich exakte festgeschriebene Regularien. Bei offiziellen Turnierpartien wie in den heimischen Ligen beträgt die Bedenkzeit pro Spieler und Begegnung zwei Stunden für die ersten 40 Züge sowie eine zusätzliche Stunde für den Rest der Paarung. Ein solches Spiel kann also maximal sechs Stunden dauern. „Daneben gibt es Blitz- und Schnellschachpartien mit jeweils 5 oder 15 Minuten Bedenkzeit“, erklärt Kersting.
Schachmannschaften bestünden in der Regel aus acht Spielern. Bei Mannschaftskämpfen werden somit acht Einzelpartien gespielt, für einen Sieg gibt es einen Punkt, für ein Remis einen halben. „Mannschaftskämpfe haben einen besonderer Reiz: Manchmal entscheidet schon ein besonders guter Zug oder ein Fehler über den Ausgang einer Partie. Und manchmal entscheidet schon eine Partie über Sieg oder Niederlage der Mannschaft“, verdeutlicht Weber den Reiz von Schach als Wettkampf-Disziplin. Wie bei anderen Sportarten auch seien das Erleben der Gemeinschaft, das Ringen um Erfolge und die tolle Atmosphäre einzigartig, pflichtet ihm sein Kollege bei.
Wenn Schach wettkampfmäßig betrieben werde, sei es in Einzel- oder auch in Mannschaftsturnieren, „ist es ganz klar auch Sport. Der sportliche Vergleich, das gezielte Training, die Vorbereitung usw. sind sportliche Elemente“, so Kersting.
Aber natürlich könne man auch zu Hause nach Feierabend eine Partie Schach mit dem Nachbarn zur Entspannung spielen – Â bis ins hohe Alter. „Hierbei überwiegt die Freude am Spiel, wenngleich man auch dort sicher lieber gewinnt als verliert“, fügt der Routinier des Schachclubs Fulda an.
An die einzige offizielle Turnierpartie zwischen den beiden Mitarbeitern des Fuldaer Landratsamts kann sich Paul Weber genau erinnern. Die beiden trafen mit ihren Vereinen am 29. April 2005 in der zweiten Pokalrunde aufeinander. „Martin hat damals erwartungsgemäß gewonnen“, hat der Personalratsvorsitzende das Ergebnis nicht vergessen. Eine Revanche? Nicht ausgeschlossen. Aber eine Mittagspause wird dafür nicht reichen.