Hilders-Harbach. Mit 23 Meter Höhe und einem Stammumfang von fast acht Meter ist die Dorflinde im Hilderser Ortsteil Dörmbach-Harbach wirklich imposant. Dass sich selbst Fachleute von diesem Baum beeindrucken ließen, zeigt ein Gutachten, das 1964 im Auftrag des Landkreises Fulda erstellt wurde.Â
Der Anblick des Rhöner Naturdenkmals verleitete den Baumexperten aus der Nürnberger Gegend offensichtlich statt zu nüchterner Bestandsaufnahme zum Philosophieren – und dies, obwohl die Linde sich zu jenem Zeitpunkt ohne Krone und damit weniger mächtig als heute präsentierte:Â „Wir stehen hier auf altehrwürdiger Stätte. Vielen Geschlechterfolgen war dieser Baum heilig. Unter ihm trug sich das Dorfgeschehen der letzten 500 Jahre zu.“ Letztendlich listete er doch die Maßnahmen zum Erhalt des Naturdenkmals auf, die dann – zu einem Preis von 3.200 D-Mark – auch ausgeführt wurden. Dazu gehörte eine Behandlung der Innenwände des Stammes, denn der Baum ist hohl mit einer spaltartigen Öffnung. Die sechs Stammseitlinge wurden mit Gewindestangen und Stahlseilen gesichert, Neuaustriebe an den Stammköpfen gelichtet und die Wurzeln mit einer Tiefenvorratsfütterung gestärkt. Zum Schutz der Wurzeln wurde an zwei Seiten der kleinen erhöhten Wiese, auf der die Linde wächst, eine Stützmauer errichtet. In diese ist auch der Träger der Dorfglocke integriert. Außerdem schmückt den Lindenplatz, der zwischen zwei sich kreuzenden Dorfstraßen liegt, ein alter Bildstock.
Ob die Dorflinde bereits stand, als Harbach 1369 erstmals urkundlich erwähnt wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Denn da das älteste Holz aus dem Zentrum des Stammes fehlt, ist weder eine Jahresringzählung noch eine Radiokohlenstoffdatierung möglich. Geschätzt wird das Alter des Baums auf 400 bis 800 Jahre, auch wenn er in einem Zeitungsartikel von 1957 als „tausend Jahre alte Dorflinde“ und „wahrscheinlich der älteste Baum des Fuldaer Landes“ bezeichnet wird.
1458 und 1528 ist Harbach als Wüstung dokumentiert, doch der kleine, zu Dörmbach gehörige Ort, der heute etwa 50 Einwohner zählt, erwachte zu neuem Leben – genau wie seine Dorflinde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte ein Anwohner sein Haus durch die Linde gefährdet gesehen. Deshalb wurde der im Gemeindeeigentum befindliche Baum „geköpft“; 20 Festmeter Holz sollen seine Äste ergeben haben, von denen jedes Haus im Ort einen Klafter zum Verbrennen erhielt. Aus dem Rest sind zahlreiche Gefäße und Tröge hergestellt worden, wie aus einem Eintrag zu dem Baum im Online-Lexikon Wikipedia zu erfahren ist. Der Stumpf trieb aus sechs Stämmlingen wieder aus, allerdings nicht mit der alten Kraft, da die meisten Wurzeln abgestorben waren. Dies war nach Ansicht des Baumexperten der Grund dafür, dass sich die Linde höhlte.
1957 war der 1936 unter Schutz gestellte Bau erneut gefährdet: wegen des Baus einer Straße, die vom Bahnhof Milseburg durch Harbach nach Langenberg führen sollte. Der Widerstand des Naturschutzbeauftragten Karl Schick und der Dorfbewohner gegen die Fällung habe die Vermessungsbehörde veranlasst, den Weg und die Hofeinfahrten der Anlieger so zu gestalten, dass der Baum erhalten bleiben könne, ist in einem Schreiben an den damaligen Landrat Stieler zu lesen. Woraufhin der Kreisbeigeordnete dem Naturschutzbeauftragten für dessen „tatkräftiges und erfolgreiches Wirken“ dankte und schrieb: „Es ist immer wieder erfreulich zu hören, dass auch die Bevölkerung an der Erhaltung solch alter Naturdenkmäler interessiert ist.“
Vielleicht als Folge der öffentlichen Aufmerksamkeit (auch die Fuldaer Zeitung und die Fuldaer Volkszeitung hatten über die Problematik berichtet) wurde das Denkmal erstmals saniert: Kreuzweise angebrachte Eisenstangen sollten den Kranz von Ästen vor Sturmschäden bewahren. Zuvor war als Sicherungsmaßnahme eine Ausmauerung des Hohlraums ins Auge gefasst worden. Doch davon kam man auf Expertenrat hin ab, säuberte stattdessen die Höhle von Schutt und morschem Holz und versah sie mit einem Maschendraht. Jener ist längst durch zwei unauffälligere Metallstangen ersetzt worden. Unverändert scheint dagegen der Stolz der Harbacher auf ihre Dorflinde: Gab es in der Kreisseiten-Redaktion doch bereits Anfragen, wann denn in der Serie über die Naturdenkmale über jenen außergewöhnlichen Baum berichtet werde. (sli/was/gi)