Fulda. „Christen stellen das Kreuz Christi bewusst in den Mittelpunkt der gottesdienstlichen Feiern und machen es zum Vor-Zeichen des Christseins“, unterstrich der Großkanzler der Theologischen Fakultät Fulda, Bischof Heinz Josef Algermissen, am Freitag zum Abschluss der traditionellen Hrabanus-Maurus-Akademie, des Patronatsfestes der Fakultät, hervor. Der Oberhirte machte in seinem Schlusswort im Auditorium maximum deutlich, dass Orientierungslosigkeit die „große Not unserer Zeit“ sei. „Wo die Mitte des Glaubens verloren geht, klaffen im Leben Lücken. Das spüren wir in unserer Gesellschaft, wenn die Ehrfurcht vor dem Leben immer mehr zu schwinden scheint.“ Wo Gott nicht mehr im Blick sei, schauten Menschen auch weg, wenn es um den Menschen und sein Leid gehe. Wenn Menschen nicht mehr zum Kreuz aufschauten, schwinde ihre Hoffnung.
Festvortrag über die Frage nach der Existenz Gottes angesichts des Leids
Bischof Algermissen bezeichnete es als die Aufgabe der Theologischen Fakultät, die Suche nach Gott auszuhalten und zu reflektieren und sich dem „großen Geheimnis Gottes“ zu nähern, wie es der heilige Benedikt bereits für die Kandidaten für das Mönchsleben gefordert hatte. Der Bischof dankte dem Diplomtheologen Thomas Smettan für seinen Festvortrag mit dem provokanten Titel „Aus den geschaffenen Dingen kann die Nicht-Existenz Gottes sicher erkannt werden!?“. Zu Beginn der Festakademie hatte Rektor Monsignore Prof. Dr. Christoph Gregor Müller den Bischof sowie Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez, die anwesenden Domkapitulare und Professoren der Theologischen Fakultät und zahlreiche weitere Gäste aus Kirche und Gesellschaft begrüßt.
Thomas Smettan schlug mit seinem kurzweiligen Vortrag über die Frage, ob aufgrund des Leids in der Welt auf die Nicht-Existenz Gottes geschlossen werden könne (sogenannte Theodizee-Frage), seine über 100 Zuhörer in den Bann. Angesichts atheistischer philosophischer Thesen gelang es ihm überzeugend, den Glauben an einen allmächtigen, allgütigen Gott trotz der Existenz des Leids zu verteidigen. Smettan gab zu bedenken, man könne Leid nicht einfach als Strafe Gottes oder etwas letztlich Gutes abtun.
Vielmehr stellte er heraus, dass Gott, gerade weil er gut sei, Menschen wolle, die über eine „sittlich relevante Freiheit“ verfügten und lieben könnten. Leid, das Menschen anderen zufügten, entstehe aus dieser Freiheit. Ebenso sei es mit den Naturkatastrophen: Diese entstünden aus den für die Freiheit des Geschöpfes unausweichlichen Naturgesetzen und führten ebenfalls oft zu sinnlosem Leid. „Um einen Sinn für Gott zu erhalten, muss man auf Erden als Mensch einen Sinn für das moralisch Gute entwickeln“, betonte der Referent in Bezug auf die Freiheit des Menschen.
Diese habe zur Konsequenz, dass der Mensch echte Verantwortung habe und damit oft auch Herr über Leben und Tod sei. Da es Gottes ewiger Plan sei, dass die Menschen Verantwortung tragen, lasse er Leid zu. Wenn man nun argumentiere: „Gäbe es Gott, würde er öfter auf wundersame Weise eingreifen“, so sei dem entgegenzuhalten, dass die Welt dann undurchschaubar würde und letztlich die Freiheit des Geschöpfs nicht mehr bestünde.
Am Ende der Veranstaltung wurden drei Diplomtheologen und angehende Diakone für ihre Abschlussarbeiten mit dem Eduard-Schick-Preis ausgezeichnet, den der frühere Fuldaer Bischof gestiftet hatte: Sebastian Bieber (Hünfeld) für seine Arbeit über „Die Theorie des Gerechten Krieges in Zeiten asymmetrischer Bedrohungslagen“, Oliver Henkel (Burghaun) für seine Arbeit „Würde der Kreatur?“ und Thomas Smettan (Zella/Rhön) für seine Arbeit „Führt das Theodizee-Problem zur Irrationalität des Glaubens?“. Jeder Preisträger erhielt die Summe von 1.000 Euro. Die Akademieveranstaltung wurde musikalisch umrahmt durch ein Instrumentalensemble mit Stücken von G. Goltermann, J. S. Bach und F. Liszt. (bpf)