Written by 7:38 Alle Nachrichten

“Arbeiten und Leben in Poppenhausen” – Ein Feuerwehrmann als Pionier

Poppenhausen. Anfang November war in den Medien darüber berichtet worden, dass die Finanzierung des Projekts „Leben und Arbeiten in Poppenhausen“ vom hessischen Sozialministerium gefördert werde. Dieses Projekt hat die Integration von Menschen mit Behinderungen über Arbeit, Wohnen und Freizeit in der Gemeinde Poppenhausen zum Ziel. Dafür wird das ehemalige Bürgermeisteramt zu einem Wohnhaus mit sieben Appartements umgebaut. Doch die Umsetzung der Idee ist schon wesentlich weiter gediehen als die Baustelle am Von-Steinrück-Platz erahnen lässt. Projektteilnehmer Steffen Teutloff ist ein Pionier, der im Sommer dieses Jahres nach Poppenhausen gezogen ist – vorübergehend in eine Ferienwohnung, solange das alte Bürgermeisteramt saniert wird.

Der Anlass des frühzeitigen Umzugs ist dem Hobby des 37-jährigen Mannes, der eine Behinderung hat, geschuldet: Zuvor hatte er in Marbach in einer Wohngemeinschaft des Antoniusheims gelebt, wo während einer Brandschutzübung sein Interesse für die Freiwillige Feuerwehr geweckt wurde. Nach 14 Jahren landwirtschaftlicher Tätigkeit auf dem Antonius-Hof hatte er „etwas Neues machen wollen“ und gerade im Segelflugzeugwerk Schleicher in Poppenhausen als Hausmeistergehilfe begonnen. Deshalb hätte er während der Arbeitszeit nicht zu Einsätzen der Marbacher Wehr gerufen werden können. Doch Mitglied der Poppenhausener Wehr zu werden, hatte nur Sinn, wenn er dort nicht nur arbeitete, sondern auch wohnte. Zugleich spart er sich seit seinem Umzug täglich insgesamt zweieinhalb Stunden Fahrtzeit.

Offenes Projekt

Rosemarie Müller, bei der gemeinnützigen St. Antoniusheim GmbH zuständig für den Bereich Wohnen für Erwachsene, betont, dass es sich bei „Leben und Arbeiten“ um ein offenes Projekt handele, das sich in der Trägerschaft des Antoniusheims befinde, sich jedoch nicht allein an dessen Bewohner, sondern an alle interessierten Menschen mit Beeinträchtigungen richte. Auch müsse nicht zwangsläufig jeder, der in Poppenhausen eine Arbeitsstelle finde, dort leben oder umgekehrt nicht jeder, der gerne in eines der neuen Appartements ziehen wolle, in der Rhön arbeiten.

„Das Projekt eröffnet Menschen, die eine Behinderung haben, weitere Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben. Den einen belastet das Pendeln zum Arbeitsplatz, den anderen dagegen würde es stören, auf dem Land zu leben“, erläutert Projektleiterin Stephanie Müller-Gerst, die auch Ansprechpartnerin für Steffen Teutloff im betreuten Wohnen ist. Sie hat – rund um den vor einem Jahr gegründeten Verein „Leben und Arbeiten in Poppenhausen“ mit derzeit 27 Mitgliedern – ein kleines Netzwerk aufgebaut, das dabei helfen soll, die neuen Mitbürger in die Dorfgemeinschaft zu integrieren und das Projekt nachhaltig in der Gemeinde zu verankern. Für Steffen Teutloff beispielsweise hat sie eine Familie gefunden, die für ihn mittags mitkocht, da es an seinem Arbeitsplatz keine Kantine gibt.

Wer ist schon perfekt?

Angeregt worden ist das Projekt von dem Poppenhausener Bürgermeister Manfred Helfrich und dem Geschäftsführer des Antoniusheims, Rainer Sippel. Von dem Engagement profitierten auch die Betriebe, unter anderem in Form eines freundlicheren Arbeitsklimas, erklärt der Verwaltungschef. „Es setzt sich das Bewusstsein durch, dass nicht jeder perfekt sein kann.“ Steffen Teutloff genießt seine neue Unabhängigkeit. „Ich bin wirklich sehr zufrieden“, sagt er und strahlt dabei. Er hat sich auch schon Gedanken gemacht, welches der Appartements im denkmalgeschützten alten Bürgermeisteramt er nächstes Jahr gern beziehen möchte. „Meine Arbeitskollegen raten zu einem Zimmer ganz oben wegen der Aussicht. Aber ich habe schon einmal unterm Dach gewohnt. Im Sommer wird`s da vielleicht heiß“, überlegt er.

Paten in den Betrieben

Im Allgemeinen jedoch weiß er, dass seine Kollegen es gut mit ihm meinen und er ihnen vertrauen kann. „Einige von ihnen sind auch Feuerwehrkameraden.“ Hausmeister Albert Enders ist im Betrieb sein „Pate“. „Von diesen Paten hängt es stark ab, wie gut die Integration im Betrieb gelingt“, erklärt Stephanie Müller-Gerst, welche als pädagogische Begleitung ebenfalls stundenweise bei der Bäckerei Pappert und im Hotel „Peterchens Mondfahrt“ präsent ist.

Steffen Teutloff erinnert sich an eine Situation, als er froh war, eine Vertrauensperson zu haben: „Der neue Lehrling wollte mich herumkommandieren. Darüber habe ich mich beschwert, die Kollegen haben daraufhin mit ihm gesprochen und später hat er sich für seinen rauen Umgangston entschuldigt. Jetzt ist er  richtig nett zu mir.“ Steffen Teutloffs Hauptaufgabe ist es, die Hallen zu kehren. Dabei erlebt er mit, wie Segelflugzeuge nach und nach Gestalt annehmen – auch dank seines Einsatzes.

Die hessische Sozial-Staatssekretärin Petra Müller-Klepper hatte das Projekt bei der Überreichung eines Bewilligungsbescheids in Höhe von 120 000 Euro unter anderem gelobt als „Modell des Wandels der Eingliederungshilfe für Menschen mit Beeinträchtigungen weg von der Fürsorge hin zur Teilhabe.“ Der Landkreis Fulda fördert das Projekt mit insgesamt 60 000 Euro, davon 25 000 Euro aus der Gregor- und Monika-Henkel-Stiftung, die dazu beitragen soll, Heimunterbringung von Kindern und Jugendlichen zu vermeiden.

Christoph Helfenbein, Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim Antoniusheim, sieht außer der Pflicht zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention einen weiteren Grund, weshalb die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen für Betriebe immer wichtiger werde: „Aufgrund des demographischen Wandels wird mittelfristig jede Arbeitskraft gebraucht. Jeder Mensch hat Talente und kann für einen Betrieb wertvoll sein. Daher sollten alle Menschen nach größter Möglichkeit gefordert und gefördert werden“, sagt er.

Bei zwei Feuerwehreinsätzen war Steffen Teutloff bereits dabei: Einmal ging es um die Beseitigung einer Ölspur, ein anderes Mal war er mit Tatkraft zur Stelle, als Hochwasser in der Gemeinde bekämpft werden musste. Bei den Vereinsfeiern fehlt er genauso wenig wie bei der Jahreshauptversammlung der fünf Ortsteilwehren. Ein ehrgeiziges Ziel hat er vor Augen: Er möchte bald an den feuerwehrtechnischen Lehrgängen teilnehmen – und bestehen. Mit den früheren Fahrtzeiten wäre für intensives Lernen wahrscheinlich keine Zeit geblieben.

Info

Am 21. Dezember 2009 wird in Poppenhausen der Verein „Leben und Arbeiten in Poppenhausen“ gegründet. Er soll das Projekt in seiner gesamten Zielsetzung nachhaltig unterstützen, fördern und begleiten.

Vorstand:

1.Vorsitzende Jutta Rau / Poppenhausen
2.Vorsitzender Manfred Helfrich / BGM Poppenhausen
Kassierer Michael Sapper / Poppenhausen
Schriftführerin Stephanie Müller-Gerst / St. Antoniusheim

Beisitzer:

Sabine Gensler-Münch / Poppenhausen
Rosemarie Müller / St. Antoniusheim
Michael Becker / Perspektiva

Visited 1 times, 1 visit(s) today
Close