Fulda. Zu einem Partnerschaftsbesuch hielt sich eine Delegation der Movimiento Trabajadores Campesinos (MTC) San Marcos, Guatemala bei der KAB in Fulda auf. Seit dem Jahr 2000 bestehen zwischen den beiden Verbänden partnerschaftliche Verbindungen. Von großem Interesse waren bei dem Treffen die Entwicklung bestehender wie auch künftiger Projekte.
Genoveva Agustin Marroquin, stellvertretende Diözesanvorsitzende der MTC und in dem Verband für Frauen und Jugendarbeit verantwortlich, berichtete eindrucksvoll über die Stellung der Frauen in dem zentralamerikanischen Land. Über 1.000 ungeklärter Morde an Frauen pro Jahr, Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Freiheitsberaubung und Verschleppung sprechen eine eigene Sprache. Einerseits der sozio-kulturelle Hintergrund, andererseits die politische Ausnutzung der Situation stellten sozialpolitisch und an Menschenrechten orientierte Gruppierungen vor gewaltige Aufgaben.
So versuche die MTC den überwiegend indigenen Frauen durch entsprechende Kurse handwerkliche Fertigkeiten zu vermitteln, die ihnen ein stärkeres Selbstwertgefühl vermitteln sollen, andererseits aber auch zu einem kleinen Nebenerwerb führen können. „Wichtig ist aber auch die Arbeit mit Jugendlichen, die es in der Hand haben, eine neue Gesellschaft zu entwickeln“ so Genoveva Agustin.
Diese Aufgabe gestaltet sich um so schwieriger, blickt man auf die Verhältnisse in Guatemala. Angesichts des herrschenden Analphabetismus von über 70 % der indigenen Bevölkerung, 50 % der Bevölkerung zählen zu den Armen und der damit verbundenen Perspektivlosigkeit versucht der Verband Jugendlichen zu animieren, sich zu engagieren. Probleme ergeben sich dabei aber ganz deutlich daraus, dass viele Jugendliche ihre Zukunft außerhalb Guatemalas sehen. Die USA und Canada sind dabei ebenso Ziel wie das mittelamerikanische Costa Rica, das, rein wirtschaftlich betrachtet, ein blühendes Land ist.
Zur Jahreswende werde, um diesen Aufgaben besser gerecht zu werden, ein Bildungszentrum in Comitancillo im Hochland der Diözeses San Marcos in Betrieb genommen. Mit Mitteln einer mit der KAB in Deutschland befreundeten Organisation wurde dies errichtet und werde im Beisein einer Delegation der KAB Fulda Ende Februar 2010 von Bischof Alvaro Ramazzini eingeweiht. Kurse in indigener Töpferkunst und Textilverarbeitung sind neben theoretischen Kursen für den ersten Abschnitt geplant.
Juan José Monterosso informierte ausführlich über die Aktivitäten der MTC zugunsten von Landarbeiterfamilien in Notlagen. So konnten in den letzten vier Jahren über 200 Familien (bei im Schnitt mehr als 6 Kindern pro Paar, sind dies über 1200 Personen) zu ihrem Recht verholfen werden. In vielen Fällen wurden Löhne nachgezahlt oder aber bestehende Forderungen mit Landzuweisungen ausgeglichen. Ausstehende Löhne, teilweise von bis zu 24 Monaten von den Großgrundbesitzern vorenthalten, wie auch oft Verlust ihrer Arbeit auf den Kaffeefincas führten zu teilweise jahrelangen Verfahren auf dem Klageweg vor den Gerichten, bei denen die MTC diese Menschen menschlich wie juristisch begleitet.
Hintergrund der Misere ist die seit über 15 Jahren herrschenden Kaffeekrise im Norden Guatemalas „Diese Familien haben meistens nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern sie wurden auch gleichzeitig aus ihren Hütten, die auf dem Gelände der Großgrundbesitzer liegen, vertrieben. Wegbrechende medizinische Versorgung, mangelnde Möglichkeiten zum Schulbesuch der Kinder sind zwangsweise Folgeerscheinungen“ berichtete der engagierte MTC´ler und zeigt sich dankbar, dass die MTC in diesem Projekt seit Jahren große Unterstützung seitens der KAB Diözesanverbände Fulda und Köln, dem Weltnotwerk der KAB und Misereor erhält.
Neben zwei Begegnungsabenden mit Mitgliedern der KAB Bezirksverbände Main-Kinzig und Rhön/Vogelsberg kam es während dem Besuch in der Diözese Fulda zu einem intensiven Gedankenaustausch mit Leiter des Referates „Mission, Entwicklung, Frieden“ im Bischöflichen Generalvikariat Fulda, Prälat Dr. Lucian Lamza, der sich beeindruckt zeigte von dem was die MTC mit ihren Partner-KAB´s mittlerweile erreicht hat. Von besonderem Interesse war bei diesem Gespräch der steigende Zuspruch bei evangelikalen Sekten in Mittelamerika. Mit kurzfristigen materiellen Unterstützungen und suggestiver Einflussnahme zerstören diese häufig bewusst auf Nachhaltigkeit angelegte Entwicklungsprozesse in Guatemala.
Der Besuch des landwirtschaftlichen Ausbildungsbetriebs Eichhof des Landes Hessen in Bad Hersfeld wie auch der anschließende Besuch des Bio-Bauernhofs „Rhönhof“ Henkel in Mahlerts vermittelte den Besuchern neue Eindrücke moderner Landwirtschaft. „Für unser überwiegend landwirtschaftlich geprägtes Land Guatemala sind neue Ideen wichtig“ äußerte sich Juan José Monterroso, der in San Marcos auch die Finca Buenos Aires in landwirtschaftlichen wie genossenschaftlichen Fragen berät. Von dieser Finca bezieht das Solidaritätswerk der KAB Fulda die Hälfte des organisch angebauten und fair gehandelten Kaffee´s Nueva Armonia.
Vor dem Besuch in Fulda nahmen die beiden Vertreter der MTC am Treffen der Weltbewegung christlicher Arbeitnehmerorganisationen (WBCA) in Nantes teil. Schon vor 5 Jahren hatte die KAB Fulda die Teilnahme einer guatemaltekischen Delegation an dem Treffen in Quebec finanziert. Damals war die MTC San Marcos als assoziiertes Mitglied in die WBCA aufgenommen worden. In diesem Jahr nunmehr wurden sie Vollmitglied der über 70 Organisationen umfassenden und auf 4 Kontinenten vertretenen Bewegung. Von Fulda aus besuchten Monterroso und Agustin noch den KAB Diözesanverband Köln, bevor sie den Rückflug antraten.

