Vogelsbergkreis. Landrat Rudolf Marx, Bürgermeister und Fachleute aus allen Abteilungen der Kreisverwaltung sind sich einig: Bei der Bewältigung der demografischen Entwicklung ist noch mehr Lobbyarbeit nötig. Denn der ländliche Raum hat mit der Bevölkerungsentwicklung die heftigsten Probleme. Und den Vogelsbergkreis trifft es dabei in besonderem Maße. Dies machte Margit Wagner während eines Workshops im Lauterbacher Kreishaus deutlich. Wagner leitet eine fachübergreifende Arbeitsgruppe, der auch einige Bürgermeister und die Vogelsberg Consult GmbH angehören.
Die Konferenz in der Kreisverwaltung befasste sich mit folgenden Kernfragen: Was sind die deutlichsten Auswirkungen von Alterung und Wegzug aus der Region? Was funktioniert bereits jetzt gut als Strategie zur Bewältigung der Probleme? Wo ist der dringlichste Handlungsbedarf? Welche verlässlichen Prognosen gibt es?
Landrat Marx forderte – genau wie Vogelsberg-Consult-Geschäftsführer Thomas Schaumberg – eine mit Vertretern der Länder und kommunalen Spitzenverbände abgestimmte nationale Strategie voranzutreiben, die dann in der Region passend umgesetzt werden müsse. Marx machte deutlich: “Wir werden weniger. Aber nicht unsere Probleme.” Als Beispiele nannte der Landrat die Jugendhilfe und die Altenhilfe. Marx dankte Margit Wagner und Thomas Schaumberg für die “seit Jahren bereits wirksamen Maßnahmen in der Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik”, die die Potenziale des ländlichen Raumes aufgriffen und verstärkten. So seien unter anderem die Dorfentwicklungs- und die Ausbildungsmarktpolitik im Vogelsberg hessenweit beispielgebend.
“Wir fangen nicht bei Null an”, unterstrich so auch Margit Wagner, verwies auf das kreisweite Familienbündnis und “mehr als 20 Jahre Erfolge in der Dorf- und Regionalentwicklung” und dankte für die Initiative mehrerer Vogelsberg-Bürgermeister, die die notwendige “interkommunale Zusammenarbeit” auf ihre Fahnen geschrieben hätten. Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg und ihr Lautertaler Kollege Heiko Stock sprachen sich unter anderem für eine Überprüfung von Standards aus. Richtberg: “Wir brauchen statt Kirchturmdenken mehr Handlungsspielräume und dann den Mut, sie auch zu nutzen.” Das Wichtigste sei jedoch die schon heraus gehobene Lobbyarbeit, “damit wir in Wiesbaden und Berlin als ländlicher Raum mit seinen vielen Vorzügen überhaupt erst einmal wahrgenommen werden”, so Heiko Stock. Alle Workshopteilnehmer beklagten jedoch auch ein “leider sehr uneinheitliches Vorgehen der kommunalen Spitzenverbände”. Richtberg: “Wir müssen endlich mit einer Stimme sprechen!”
“Was macht den Vogelsbergkreis für junge Familien attraktiv? Durch was werden sie zum Bleiben oder gar zum Kommen ermuntert?” Diese zentrale Frage wurde beispielsweise von VHS-Leiter Hans Günter Oer und Schulverwaltungsamtschef Erich Wahl angesprochen. “Die Menschen wollen Verlässlichkeit und Vielfalt im Bildungsangebot – das darf auf keinen Fall unter die Räder geraten”, sagte Erich Wahl. Oer: “Wir brauchen ein bildungsförderndes Milieu”. Nicht “nur” die Ethik, sondern auch der konkrete Fachkräftemangel mache Zuwanderung und eine stabile Integrationspolitik notwendig.
Daneben müssten natürlich die Anstrengungen auf dem Arbeitsmarkt verstärkt werden. Denn, so Thomas Schaumberg: Immer mehr Arbeitnehmer pendeln aus. Darüber hinaus sei ein Umsteuern in der Siedlungspolitik, eine Neuordnung des Finanzausgleichs sowie eine “Beendigung des Förderdschungels” dringend nötig. Es gebe viel zu viele punktuelle Fördertechniken. Die ländlichen Räume bräuchten dringend “den Blick aufs Ganze”.
Für die Chancenwahrung junger Fachkräfte spiele die Sicherung des öffentlichen Nahverkehrs ebenfalls eine zentrale Rolle. Gerhard Muth-Born, im Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe mitverantwortlich für den Bereich ÖPNV, gab sich hinsichtlich der Sicherung der Vogelsbergbahn optimistisch und sprach sich gleichzeitig für den Ausbau flexibler Systeme, wie die Anrufsammeltaxis, aus.
Diplom-Geograf Matthias Sebald vom Amt für den ländlichen Raum machte in seiner Prognose den Handlungsbedarf deutlich. Bis 2025 wird mit einer Einwohnerzahl von nur noch 100.000 gerechnet – aktuell sind es noch 112.000. Soziologisch bedeutsam aus Sebalds Sicht: Vor allem junge gut ausgebildete Frauen wandern ab. Sie stünden deshalb weder als – unbedingt notwendige – Fachkräfte noch als “mögliche Mütter” “zur Verfügung”. Zudem sind die Menschen im Vogelsberg bereits heute im Schnitt mit am ältesten in Hessen. Auch bei den Schülerzahlen werde der Rückgang – bereits jetzt spürbar – besonders drastisch ausfallen: minus 35 Prozent bis 2020. Aber Sebald sprach auch an, wo die positiven und wegweisenden Potenziale liegen: Neben der guten Bildungsstruktur die hervorragende Wohnsituation und das Wohnumfeld. Die Prognos-Familienstudie setzt bei diesen Kriterien den Vogelsbergkreis auf Platz 20 von 431 deutschlandweit.
Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist aus Sicht vieler Experten ein weiteres zentrales Thema, mit dem sich das Familienbündnis, die Vogelsberg Consult und das Jugendamt eingehend befassen. Helmut Benner, stellvertretender Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Sport, verwies auf die erheblich verstärkten Anstrengungen sowohl der Kommunen als auch des Kreises bei der Erfüllung des gesetzlichen Auftrags, für mindestens ein Drittel der unter Dreijährigen einen Kita-Platz oder eine Tagespflegeperson bereit zu stellen. Die Entwicklung müsse aber zusätzlich in Richtung “richtige Ganztagsschulen” gehen. Das sei, so auch Erich Wahl und Hans Günter Oer, der unabweisbare gesellschaftliche Bedarf.
Hauptamtsleiter Erich Bloch berichtete vom Projekt “Mittelstandsorientierte Kreisverwaltung”. Die Orientierung an den Interessen des Mittelstands stärke die Region. Günther Bastian, Leiter der Wasserbehörde, stellte die “ganz besondere Problematik” heraus, auch kleinste Dörfer zu sozial verträglichen Preisen mit Wasser zu ver- und das Abwasser zu entsorgen. Dr. Eckhard Köhler-Hälbig machte bei den Anpassungsprozessen in der Landwirtschaft auf die Notwendigkeit der Erhaltung der Naturlandschaft aufmerksam. Von einem Rückgang des Baus von Einfamilienhäusern um 85 Prozent berichtete der stellvertretende Bauamtsleiter Klaus Schilling. Auch Verfall und Leerstände seien zunehmend ein Problem. Stellvertretender Finanzabteilungschef Horst Schmidt mahnte – gemeinsam mit vielen Workshopteilnehmern – eine Reform des kommunalen Finanzausgleichs an.
Heike Bohl stellte für das Vogelsberger Familienbündnis die Vernetzung von Fachleuten und ehrenamtlich tätigen Bürgern als wesentlich “für die Bewältigung der sozialen Herausforderungen” heraus. Sozialamtsleiter Werner Köhler verdeutlichte die Bemühungen der Kommunalen Vermittlungsagentur, die wirtschaftliche und soziale Lage im Landkreis zu stabilisieren. Die Integration in den Arbeitsmarkt von Menschen im Bereich “50-plus” werde verstärkt, der Arbeitgeberservice sei ein verlässlicher Partner der Wirtschaft und im Bereich Sicherung der Pflege – beim Älterwerden der Bevölkerung ebenfalls eine große Herausforderung – kümmere sich der Kreis zum Beispiel um mehr ambulante Pflegemöglichkeiten und einen beratenden Pflegestützpunkt. Gesundheitsamtsleiterin Renate Meudt machte erneut das Problem des Ärztemangels deutlich. Hier müssten Anreize für junge Ärzte her, sich im ländlichen Raum niederzulassen.
Gemeinsam mit Margit Wagner sprach sich Pressesprecher Erich Ruhl dafür aus, die “Negativwahrnehmung zu durchbrechen” und die Stärken noch selbstbewusster heraus zu stellen – ohne dabei “Potemkische Dörfer zu verkaufen”, betonte Ruhl, also die Probleme nicht schön zu reden. Abschließend bewertete Arbeitsgruppenleiterin Margit Wagner die “erste große interdisziplinäre Runde” als sehr positiv. Nur so könnten fachlich tragfähige Strategien entwickelt werden, die dann auch Handlungsempfehlung für die verantwortliche Politik werden könnten.