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Landesbeauftragte Ziegler-Raschdorf sprach zur Vertriebenenarbeit in den alten Ländern

2013_10_11_SeminarSachsen2_seminar1Reichenbach/Oberlausitz. Auf Einladung des Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz e.V. nahm die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, beim Herbstseminar in Reichenbach bei Görlitz teil und überbrachte die Grüße der Hessischen Landesregierung. Auf Bitten des Landesvorsitzenden Frank Hirche, MdL, und des Vorsitzenden des Vereins „Erinnerung und Begegnung“ Friedrich Zempel sprach sie über „Die Vertriebenenarbeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den alten Ländern am Beispiel Hessens“.

„Die Landesverbände des Bundes der Vertriebenen in Hessen und Sachsen haben eine sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichte und sind in ihrer Entwicklung nur schwer zu vergleichen. So konnte der Bund der Vertriebenen in Hessen seit Ende der 1940er Jahre wachsen und an Bedeutung gewinnen, in Sachsen war die Bildung eines Verbandes erst nach dem Ende der DDR möglich. Während das Thema Vertreibung zu DDR-Zeiten mit einem Tabu belegt war, konnten sich die Verbände in Westdeutschland nach dem Krieg mit einer großen Mitgliedschaft organisieren und ihre Strukturen frei aufbauen. Ich finde es höchst beachtlich, dass diese Strukturen nach der Wende auch in den neuen Bundesländern und somit auch in Sachsen entstehen konnten und die heimatvertriebenen Menschen endlich die Chance erhielten, sich zu organisieren und an ihr Schicksal zu erinnern“, so die Landesbeauftragte. Sie danke für die Einladung nach Sachsen, freue sich über das Zusammentreffen und sei umgekehrt ebenso an der Vertriebenenarbeit in Sachsen  interessiert.

In ihren Ausführungen zur  „Vergangenheit der Vertriebenenarbeit“ erinnerte Frau Ziegler-Raschdorf an die Gremien und Funktionen in Hessen, die nach dem Krieg eingerichtet wurden und sich bis heute bewährten. Sie nannte den Landesbeirat für Vertriebenen,- Flüchtlings- und Spätaussiedler mit seinem Kulturausschuss und seinem Eingliederungsausschuss und den Unterausschuss des Hessischen Landtages für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung. Schon im Dezember 1948 hätten sich die Kreisorganisationen zu einem Landesverband der Heimatvertriebenen vereinigt, der im Jahr 1952 bereits 45 Kreis- und 2.500 Ortsverbände hatte. Die Landesbeauftragte beschrieb den erfolgreichen Hessenplan, die politische Arbeit des Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und das Haus der Heimat in Wiesbaden. Sie sprach über  die kommunalen Patenschaften und Partnerschaften in Hessen, die Landespatenschaften, das Herder-Institut Marburg, das Polen-Institut in Darmstadt und den „Schülerwettbewerb Osteuropa“.

Den Abschnitt „Gegenwart der Vertriebenenarbeit“ grenzte Frau Ziegler-Raschdorf auf die Zeitspanne von 1999 bis heute ein. Hier nannte sie die Regierungserklärungen von 1999, 2003 und 2009, die mit ihren Aussagen zur Politik für Heimatvertriebene und Spätaussiedler wichtige politische Programmaussagen seien.  Zu Beginn dieser Zeitspanne sei erstmals ein Landesbeauftragter für Heimatvertriebene und Spätaussiedler ernannt und Vertreter der Vertriebenen oder Spätaussiedler in den Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks bzw. in die Landesanstalt für den privaten Rundfunkt entsandt worden. Wiederkehrende feste Ankerpunkte im Jahreslauf seien seit dieser Zeit das Neujahrsgespräch des Ministerpräsidenten, der „Tag der Vertriebenen“ beim Hessentag und der landesweite „Tag der Heimat“ im Biebricher Schloss. Diese Termine seien wichtige Tage der Begegnung und des gemeinsamen Erinnerns geworden und machten die Vertriebenenarbeit auch immer wieder nach außen sichtbar.

In einer Dauerausstellung „Vertriebene in Hessen“ im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach werde das Schicksal der Vertriebenen dargestellt. Frau Ziegler-Raschdorf  erwähnte die Patenschaft des Landes Hessen über die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ des Bundes der Vertriebenen und die Unterstützung der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“.
Ein wichtiger Aufgabenbereich Hessischer Vertriebenenpolitik sei die Verbesserung der Situation der Heimatstuben und Heimatsammlungen und die Behandlung von Flucht und Vertreibung im Schulunterricht. Mit der Einführung des Hessischen Preises „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ im Jahr 2011 verfolge man in Hessen das Ziel, besonders  auch junge Menschen für die geschichtlichen Ereignisse zu interessieren.
Bei der Eintragung von Geburtsorten in Pässen und Personenstandsurkunden habe sich Hessen besonders gekümmert und eine positive Entwicklung in Gang gebracht.
Von großer Bedeutung  sei ihr als Landesbeauftragter die Einführung des landesweiten „Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation“ vor wenigen Wochen, der ab 2014 stattfinden soll.

Aus dem Bereich der Spätaussiedler nannte die Landesbeauftragte einige Beispiele, die für die Integrationsarbeit in Hessen von großer Bedeutung seien. Hierzu gehöre die Einbeziehung der Selbsthilfeorganisationen der Russlanddeutschen in die Integrationsarbeit, das Nachqualifizierungsprojekt „Arbeitslose Lehrerinnen und Lehrer unter den Spätaussiedlern“ und die Arbeit der Hessischen Fördereinrichtung für junge Zugewanderte in Hasselroth mit dem Sonderlehrgang zur Erlangung der Hochschulreife. Aus Anlass des 250. Jahrestages der Veröffentlichung des Einladungsmanifestes von Zarin Katharine II. habe man in diesem Jahr einen Festakt im Hessischen Landtag begangen, bei dem auch der vom Hessischen Sozialministerium und der Stiftung „Vertriebene in Hessen“ in Auftrag gegebene Dokumentarfilm „Der Ruf der Zarin“ gezeigt wurde.

„Was den Bund der Vertriebenen in Hessen und seine Arbeit angeht, so habe ich in meiner Amtszeit nur positive Erfahrungen gemacht. Die Zusammenarbeit mit dem BdV-Landesvorstand und seinem langjährigen Vorsitzenden Alfred Herold bzw. dem jetzigen Vorsitzenden Siegbert Ortmann war und ist sehr gut“, betonte Frau Ziegler-Raschdorf. Grundsätzlich sei es auch in Hessen so, dass trotz zurückgehender Mitgliederzahlen der Organisationsgrad und der Zusammenhalt der Mitglieder immer noch groß sei. In diesem Zusammenhang sprach sie die vielen Aktivitäten des Landesverbandes Hessen wie die Gespräche mit den politischen Fraktionen im Hessischen Landtag, den Neujahrsaufruf zu den Deutschen aus Russland und ihren Landsmannschaften, die Studienfahrten des Deutsch-Europäischen Bildungswerkes e.V. und die finanzielle Ausstattung durch das Land Hessen an. Interessant seien die Aussagen zu den aktuellen verbandspolitischen Zielen und Anliegen des BdV Hessen, die unter dem Begriff „Drei Standbeine des BdV Hessen“ veröffentlicht wurden.

Die „Zukunft der Vertriebenenarbeit“ dürfte sowohl in Sachsen als auch in Hessen mit vergleichbaren Herausforderungen aufwarten. Im Hinblick darauf nannte es die Landesbeauftragte richtig, wenn der BdV Hessen seinen Weg der europäischen Verständigungsarbeit wie mit den „Drei Standbeinen“ beschrieben, weitergehe. „Mit dem gezeigten Engagement sollte es auch in Zukunft gelingen, die erfolgreiche Kulturarbeit weiter zu betreiben. Wichtig erscheint mir bei der Erledigung der Aufgaben in den östlichen wie auch in den westlichen Bundesländern die Einbeziehung der jungen und mittleren Generation. Und es sollte auch gelingen, das ein oder andere neue Mitglied zu gewinnen. Über die Stärke des Verbandes entscheidet der Zusammenhalt der Mitglieder.“  Dieser Zusammenhalt müsse auch in Zukunft sorgsam gepflegt werden, um Spannungen zu verhindern, die den Verband insgesamt schwächen könnten.

„Dass die Vertriebenenpolitik in Hessen so gut dasteht und von Ihnen als beispielhaft angesehen wird, hat ganz entscheidend mit dem Bekenntnis der politisch Verantwortlichen zu tun. Ohne dieses klare politische Bekenntnis und ohne den Schulterschluss mit den Vertriebenenverbänden ist auch die zukünftige Arbeit nicht gewährleistet. Ich möchte deutlich machen, dass es für den Erfolg notwendig ist, dass eine Landesregierung die Vertriebenenpolitik zur Chefsache macht“, so die Landesbeauftragte. Nach dem  Referat der Landesbeauftragten wurden in einer lebhaften Diskussion die angesprochenen Punkte weiter vertieft.

Themen der Herbsttagung des sächsischen Landesverbandes waren darüber hinaus die Einrichtungen und Erinnerungsstätten der Vertriebenen, die Arbeitsmöglichkeiten für die nachkommenden Generationen, die Lage der deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa und die Unterstützung aus Deutschland. Mit einer Podiumsdiskussion über die Zukunft der Vertriebenenverbände in Sachsen endete das interessante Seminar.

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