Wiesbaden. Bei der Fachtagung „Konzeptionelle Überlegungen zur Erfassung und Sicherung des Bestandes ostdeutscher Heimatsammlungen und Heimatstuben in Hessen“ im Haus der Heimat in Wiesbaden hat die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, die Grüße der Hessischen Landesregierung und von Ministerpräsident Volker Bouffier überbracht.
Die Landesbeauftragte erinnerte daran, dass nach dem Krieg über 12 Millionen Menschen aus ihren Heimatgebieten im östlichen Deutschland vertrieben wurden und in die vier Besatzungszonen kamen, um hier ein neues Leben zu beginnen. In Hessen hatten bis zum Jahr 1950 die 714.810 Vertriebenen und Flüchtlinge einen Anteil von 16,5 % an der Gesamtbevölkerung. Schon bald nach ihrer Ankunft seien Heimatstuben als Kommunikations- und Erinnerungsstätten in den Orten entstanden, in denen die Vertriebenen Aufnahme gefunden hatten. Oftmals entwickelten sich die Heimatstuben in Zusammenhang mit Patenschaften und Heimattreffen.
„Diese Heimatstuben entstanden weniger als Museum für Nicht-Vertriebene, sondern dienten und dienen bis heute vor allem als Treffpunkt der mit der jeweiligen Heimatregion verbundenen Menschen. Die zusammengetragenen Objekte besitzen für die Betreiber der Einrichtungen meist einen hohen emotionalen Wert, sie sind persönliche Erinnerungsstücke oder Symbole für die verlorene Heimat“, so Frau Ziegler-Raschdorf. Die dokumentarische Funktion der Heimatstube, ihr Informationswert im Hinblick auf die Vermittlung der Kultur und Lebensweise der Deutschen im Osten sei ein eher untergeordneter Aspekt dieser Einrichtungen.
Die Funktionen der Institution Heimatstube würden jedoch bedeutungslos, wenn die „Erlebnisgeneration“ wegen Alter oder Krankheit in ihrer Arbeit eingeschränkt sei und ein Interesse bei den nachfolgenden Generationen nicht mehr bestehe. Vor diesem Hintergrund habe der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien zusammen mit dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg die Bundesländer gebeten, die Heimatstuben und Heimatsammlungen zu erfassen und Lösungsansätze zu beraten.
„Das Hessische Sozialministerium hat im Jahr 2009 den Hessischen Museumsverband in Kassel beauftragt, die hessischen Heimatstuben und Heimatsammlungen zu dokumentieren und zu erfassen. Diese Erfassung erfolgte in den folgenden Jahren mit großem Aufwand, wofür ich dem Hessischen Museumsverband und den Betreibern sowie Eigentümern der Einrichtungen sehr herzlich danke. Ich nenne insbesondere Herrn Dr. Luhn, Frau Dr. von Andrian und Herrn Dr. Fritzsche vom Museumsverband sowie den ehemaligen Referatsleiter Herrn Hummel vom Hessischen Sozialministerium. Die Unterstützung des Projekts von Seiten der Betreiber und Eigentümer war nicht selbstverständlich und hat Ihnen viel Arbeit gemacht. Ohne Sie hätte das Projekt nicht zu einem guten Abschluss gebracht werden können. Als kleines Dankeschön habe ich für jede Heimatstube eine Mappe vorbereitet mit einer Beschreibung und mit Fotografien „ihrer“ Heimatstube als Auszug aus der Dokumentation“, erklärte die Landesbeauftragte.
Im Verlauf der Fachtagung erläuterte Herr Hummel den Beginn des Projekts und gab einen Überblick über die Heimatsammlungen und Heimatstuben in Hessen. Er stellte eine Liste der Institutionen zusammen, die bei einer drohenden Auflösung mit Rat und Tat helfen können. Bei dieser Gelegenheit stellte er Herrn Mohr vom Sudetendeutschen Archiv in München vor, der bereits bei der leider unumgänglichen Auflösung einzelner sudetendeutscher Einrichtungen in Hessen hilfreich unterstützen konnte.
Frau Dr. von Andrian und Herr Dr. Fritzsche vom Hessischen Museumsverband in Kassel gingen in ihren Referaten auf die Dokumentation und Erfassung der Einrichtungen ein und konnten von guten Beispielen unter den Heimatstuben berichten. Die Erhebungen des Museumsverbandes Kassel liegen in Form einer DVD vor und sind bereits vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa im Internet unter www.bkge.de eingestellt. Von Interesse sei, dass von den dokumentierten 55 Einrichtungen nur 8 in ihrem Bestand aktuell gefährdet scheinen. Bei einer drohenden Auflösung sollte an erster Stelle die Übernahme durch die Kommune und die Integration in das örtliche Stadt-/Regionalmuseum stehen. Es sei auch eine Überführung der Bestände in Fachinstitutionen der Kulturpflege für die historischen deutschen Ostgebiete zu überlegen, die sich allerdings in der Regel an einem anderen Ort befinden. Zu erwägen sei auch eine Überführung der Sammlungsbestände in Museen und Archive der Herkunftsgebiete, um so einen Beitrag zur Verständigung zu leisten. Möglich sei in Zukunft außerdem die Aufnahme in neu geschaffenen Zentralinstituten wie dem Projekt „Nationale Gedenkstätte“ im Grenzdurchgangslager Friedland oder bei der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin.
In der weiteren Diskussion mit den Betreibern der Einrichtungen wurden die Vorschläge des Hessischen Museumsverbandes begrüßt. Als „Königsweg“ wurde von Herrn Dr. Luhn die Integration in kommunale Museen bezeichnet, wobei stärker die Eingliederung der Vertriebenen in die örtliche Gemeinde dokumentiert werden sollte. Nach dem Grundsatz „weniger ist mehr“ sei eine sinnvolle Auswahl der Ausstellungsstücke zu empfehlen. Grundsätzlich sollte man sich auf das Wagnis einlassen, in diesem Zusammenhang “neu“ zu denken. Die Einrichtungen sollten sich auf neue Besuchergruppen wie z.B. Schulklassen einlassen. An der sich anschließenden ausführlichen Diskussion beteiligten sich viele Betreiber der Heimatstuben und die Mitglieder des Kulturausschusses des Landesvertriebenenbeirates und des Landesvorstandes des Bundes der Vertriebenen in Hessen.
Frau Landesbeauftragte Ziegler-Raschdorf dankte für die interessanten Vorträge und die offene Diskussion und griff den Gedanken positiv auf, eine solche Fachtagung alle ein oder zwei Jahre zu wiederholen.
Foto: Am Ende der Fachtagung von links: Herr Referatsleiter a.D. Dirk Hummel, Herr Dr. Rolf Luhn, Frau Landesbeauftragte Margarete Ziegler-Raschdorf, Frau Dr. Bettina von Andrian, Herr Dr. Wolfgang Fritzsche