{"id":9492,"date":"2008-05-22T00:38:23","date_gmt":"2008-05-21T22:38:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/?p=9492"},"modified":"2008-05-22T00:38:55","modified_gmt":"2008-05-21T22:38:55","slug":"verantwortung-deutschlands-fuer-die-rotbuche-ist-so-gross-wie-die-von-brasilien-fuer-die-amazonas-urwaelder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=9492","title":{"rendered":"\u201eVerantwortung Deutschlands f\u00fcr die Rotbuche ist so gro\u00df wie die von Brasilien f\u00fcr die Amazonas-Urw\u00e4lder\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a rel=\"lightbox[roadtrip]\" href=\"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2008\/05\/080522_rhoen_001.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-9493\" title=\"080522_rhoen_001\" src=\"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2008\/05\/080522_rhoen_001-128x85.jpg\" alt=\"\" hspace=\"5\" width=\"128\" height=\"85\" align=\"left\" \/><\/a><strong>Rh\u00f6n. <\/strong>Mit dem Weltnaturerbe Buchenw\u00e4lder befasste sich eine Tagung in Hilders, an der Experten aus der ganzen Bundesrepublik sowie Vertreter des Forstes, der Kommunen und anderer Institutionen aus der gesamten Rh\u00f6n teilnahmen. Hauptreferent war der bekannte Forstwissenschaftler und Forstdirektor a. D., Dr. Georg Sperber aus Ebrach. <!--more-->Rotbuchenw\u00e4lder kommen nur in Europa vor. Das Zentrum der Verbreitung ist Deutschland. Gro\u00dfe Vorkommen gibt es au\u00dferdem auf dem Balkan, hier vor allem in Bulgarien, sowie in D\u00e4nemark, Polen, Frankreich und Spanien. \u201eIn der Rh\u00f6n h\u00e4tten wir heute 80 Prozent nat\u00fcrliche Buchenw\u00e4lder, bezogen auf die Gesamtfl\u00e4che, wenn es den Menschen nicht gegeben h\u00e4tte\u201c, sagt Forstwissenschaftler Ewald Sauer von der hessischen Verwaltungsstelle des Biosph\u00e4renreservates Rh\u00f6n. Tats\u00e4chlich liegt diese Zahl bei 18 bis 20 Prozent. W\u00e4hrend des Mittelalters gab es eine sehr gro\u00dfe Rodungsphase. \u201eAu\u00dferdem wurden Fl\u00e4chen mit nicht Standort typischen Pflanzen wie der Fichte aufgeforstet\u201c, erkl\u00e4rt Dr. Georg Sperber. Die Fichte werde aber in der Rh\u00f6n aussterben, wenn der Klimawandel wie vorhergesagt eintritt. Trockene Sommer h\u00e4tten eine Massenvermehrung der K\u00e4fer zur Folge. Diese w\u00fcrden die ohnehin schon gestressten Fichten dann okkupieren.<\/p>\n<p>Die Buche, unterstreicht Sperber, wird die Probleme mit dem Klimawandel wie die Fichte nicht haben. \u201eIhre Verbreitung reicht von tief bis hoch in der H\u00f6henzone und von trockenen bis halbfeuchten Standorten. Die Buche ist landschaftstypisch, und unser Ziel muss es sein, stabile Naturw\u00e4lder zu bekommen \u2013 und auch W\u00e4lder, die der nat\u00fcrlichen Entwicklung \u00fcberlassen bleiben.\u201c Die meisten der bewirtschafteten Buchenw\u00e4lder in Deutschland sind von einem Mangel an Strukturen gekennzeichnet. Das bedeutet, dass sich in ihnen kaum Totholz befindet. Nur wenige Buchenw\u00e4lder werden \u00e4lter als 160 Jahre, und gr\u00f6\u00dfere zusammenh\u00e4ngende Fl\u00e4chen sind selten.<\/p>\n<p>Echte Buchen-Urw\u00e4lder sind l\u00e4ngst verschwunden \u2013 und mit ihnen auch viele Urwaldbewohner. Lediglich im \u00f6stlichen Mitteleuropa sind noch Buchen-Urw\u00e4lder verblieben. Erst seit einiger Zeit k\u00f6nnen sich in Deutschland wieder Buchenw\u00e4lder in Nationalparken und Kernzonen von Biosph\u00e4renreservaten nat\u00fcrlich entwickeln. Daher, so hie\u00df es w\u00e4hrend der Tagung, sei es durchaus an der Zeit, einen gesellschaftlichen Diskurs \u00fcber die Zukunft des Buchenwaldes anzusto\u00dfen und \u00fcber Sinn und Wert von Kernzonen ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Drei Prozent Kernzonenanteil muss das UNESCO-Biosph\u00e4renreservat Rh\u00f6n nach den national geltenden Kriterien aufbringen. Momentan sind es L\u00e4nder \u00fcbergreifend betrachtet nur rund 1,4 Prozent. Experten empfehlen hingegen sogar rund zehn Prozent Prozessschutzfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Buchen k\u00f6nnen nicht auf Freifl\u00e4chen gedeihen, weil sie als Jungpflanzen eine lockere Beschirmung brauchen. \u201eDeshalb m\u00fcssen Buchen im ausgelichteten Fichtenwald jetzt nachgepflanzt werden, damit unsere nachfolgenden Generationen wieder stabile Buchenw\u00e4lder haben\u201c, sagt Dr. Georg Sperber. Als erwachsener Baum ist die Buche n\u00e4mlich sehr dominant. In der Rh\u00f6n hat sie keinen Konkurrenten, au\u00dfer das Gel\u00e4nde ist besonders felsig oder nass. Buchenw\u00e4lder haben noch einen anderen Vorteil: sie reproduzieren sich selbst.<br \/>\nBuche ist heute weltweit zu einem gefragten Ersatz f\u00fcr Tropenholz geworden.<\/p>\n<p>Dementsprechend haben sich die Weltmarktpreise entwickelt. Gleichzeitig gelten Buchenw\u00e4lder als eines der am meisten bedrohten \u00d6kosysteme der Welt. Der Druck auf sie nimmt aber parallel zum Ansteigen der Holzpreise eher zu als ab. \u201eWenn man sich die Zahlen ansieht, in welchem Ma\u00dfe die Rotbuche in Deutschland abgenommen hat, dann ist die Verantwortung Deutschlands f\u00fcr diesen Baum ebenso gro\u00df wie beispielsweise die Verantwortung Brasiliens zum Erhalt der Amazonas-Urw\u00e4lder\u201c, unterstreicht Ewald Sauer. Martin G\u00f6rner von der Arbeitsgruppe Artenschutz in Th\u00fcringen hebt hervor, dass ein naturnaher Buchenwald beide Aspekte ber\u00fccksichtige \u2013 n\u00e4mlich die wirtschaftliche Nutzung und den Erhalt der Waldbiodiversit\u00e4t, also den Artenschutz.<\/p>\n<p>\u201eEs ist daher ein hoher ethischer Anspruch mit dem Erhalt und dem Aufbau von Buchenw\u00e4ldern verbunden.\u201c Gleichzeitig sagt G\u00f6rner, dass es nicht darum geht, wirtschaftliche Nutzung einzustellen. \u201eAber wir m\u00fcssen in unseren W\u00e4ldern Totholz stehen lassen, damit sich Lebensgemeinschaften entwickeln k\u00f6nnen, und wir d\u00fcrfen nicht noch den letzten Festmeter Brennholz herausholen.\u201c<\/p>\n<p>Die Forstwissenschaftler und Artensch\u00fctzer rufen daher dazu auf, den Anteil der Buchen im Wald zu erhalten und dar\u00fcber hinaus den Mut zu haben, \u00fcber Buchen den Dauerwald von morgen auf jetzt noch Fichten bestandenen Fl\u00e4chen zu organisieren. In der Douglasie sehen sie keinen Ersatz f\u00fcr die Fichte. Zwar seien Douglasien nach 60 bis 70 Jahren schlagreif, und die Buche erst nach 120 bis 140 Jahren. \u201eAber gerade im Winter ist die Buche ein \u00e4u\u00dferst stabiler Baum, der keine Probleme mit Schneedruck hat. Die Buche ist hier am besten angepasst, deshalb sollten wir uns mit einheimischen Baumarten ausstatten\u201c, meint Sperber. Ein Vorzeigebeispiel f\u00fcr naturgem\u00e4\u00dfen Waldbau ist heute der Buchenwald bei Ebrach im n\u00f6rdlichen Steigerwald, den er 26 Jahre lang betreute.<\/p>\n<p>Den Anweisungen, die Buchen zu f\u00e4llen und stattdessen schnellw\u00fcchsige Kiefern und Fichten zu pflanzen, hatte er sich widersetzt. Heute gibt es dort \u00fcber 300 Jahre alte Buchen. Im Wald ist gen\u00fcgend Totholz vorhanden, so dass sich ein nat\u00fcrlicher Lebensprozess eingestellt hat. In Deutschland gibt es \u00fcber 1 400 K\u00e4ferarten, die nur vom Holz leben, erkl\u00e4rt Sperber. Von den etwa 100 Waldvogelarten gr\u00fcnden mindestens zwei Drittel ihre Existenz auf sterbenden oder toten B\u00e4umen. Seltene Arten wie der Feuersalamander oder der Mittelspecht sind auf verrottendes Totholz angewiesen. Kernzonen in Biosph\u00e4renreservaten, unterstreicht Dr. Ullrich Schaffrath vom Institut f\u00fcr Pflanzenphysiologie in Aachen, tragen in besonderer Weise zum Erhalt der Holzk\u00e4fer bei, die aufgrund der intensiven Bewirtschaftung der W\u00e4lder massiv bedroht sind.<\/p>\n<p>Buchen beginnen erst ab einem Alter von \u00fcber 140 \u2013 180 Jahren im Sinne wald\u00f6kologischer Prozesse in \u201ealt\u201c zu werden. Starke Durchmesser j\u00fcngerer Best\u00e4nde sind hierf\u00fcr kein Ersatz.<\/p>\n<p>Erst ab Vorr\u00e4ten von \u00fcber 40 Festmetern pro Hektar treten seltene Arten regelm\u00e4\u00dfig auf. Starkes Totholz mit einem Brusth\u00f6hendurchmesser von \u00fcber 30 cm erh\u00f6ht die Zahl der \u201eNaturn\u00e4hezeiger\u201c in Buchenbest\u00e4nden. Mulmh\u00f6hlen sind in der Buche selten, sind aber Garant f\u00fcr einen langlebigen, komplexen Totholzlebensraum mit einer artenreichen Holzk\u00e4fer-Fauna.<\/p>\n<p>Die Diskussion zur Zukunft der Buchenw\u00e4lder w\u00e4hrend der Tagung zeigte, dass es durchaus geteilte Ansichten gibt, was die k\u00fcnftige Bewirtschaftung betrifft. In erster Linie diente die Tagung dem Erfahrungsaustausch. Deshalb hatten die Veranstalter auch Dr. J\u00fcrgen Willig von Hessenforst eingeladen, der unter dem Thema \u201eWo kommen wir her \u2013 wo wollen wir hin?\u201c die Kernzonen und Naturwaldreservate in der Rh\u00f6n beleuchtete.<\/p>\n<p>Das Land Hessen hat den h\u00f6chsten Buchenanteil in Deutschland. Die Buche ist daher mit 250.000 ha die Baumart Nr. 1 in Hessen. Im Biosph\u00e4renreservat Rh\u00f6n sind 924 ha als Kernzonen ausgewiesen, die die nat\u00fcrliche Buchenwaldbestockung repr\u00e4sentieren. Die Kernzone Dreienberg mit 270 ha ist ein \u201eJuwel\u201c unter den Buchenwald-Kernzonen. In den \u00e4ltesten Best\u00e4nden wurden dort mehr als 20 B\u00e4ume \/ ha mit einem Stammdurchmesser von \u00fcber 60 cm gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Noch nicht repr\u00e4sentiert sind die bodensauren Buchen-W\u00e4lder, die bei der Neuausweisung von Kernzonen zu ber\u00fccksichtigen sind. In bewirtschafteten W\u00e4ldern in Hessen ist die naturgem\u00e4\u00dfe Waldwirtschaft verbindlich vorgeschrieben. \u201eProfiteur dieser Wirtschaft ist die Buche\u201c, so Dr. Willig.<\/p>\n<p>Der Umgang mit der Artenvielfalt im deutschen Wald und insbesondere in den Rotbuchenw\u00e4ldern d\u00fcrfte auch auf der 9. Vertragsstaatenkonferenz des \u00dcbereinkommens \u00fcber die Biologische Vielfalt eine Rolle spielen, die vom 19. bis 31. Mai 2008 in Bonn stattfindet. \u201eVon Deutschland als Gastgeberland d\u00fcrften substantielle und beispielgebende Beitr\u00e4ge zu Schutz und nachhaltiger Nutzung von Wald\u00f6kosystemen im eigenen Land erwartet werden\u201c, vermutet Ewald Sauer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Rh\u00f6n. Mit dem Weltnaturerbe Buchenw\u00e4lder befasste sich eine Tagung in Hilders, an der Experten aus der ganzen Bundesrepublik sowie Vertreter des Forstes, der Kommunen und anderer Institutionen aus der gesamten Rh\u00f6n teilnahmen. Hauptreferent war der bekannte Forstwissenschaftler und Forstdirektor a. 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