{"id":86622,"date":"2011-05-31T15:07:47","date_gmt":"2011-05-31T15:07:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=86622"},"modified":"2011-05-31T15:07:47","modified_gmt":"2011-05-31T15:07:47","slug":"hermann-hesse-aquarelle-in-der-kunststation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=86622","title":{"rendered":"Hermann Hesse Aquarelle in der Kunststation"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/110531_Kleinsassen.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-86623\" title=\"110531_Kleinsassen\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/110531_Kleinsassen-265x175.jpg\" alt=\"\" width=\"265\" height=\"175\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/110531_Kleinsassen-265x175.jpg 265w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/110531_Kleinsassen.jpg 592w\" sizes=\"(max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><\/a>Kleinsassen. <\/strong>Als man nach dem Tod des weltber\u00fchmten Schriftstellers Hermann Hesse (1877-1962) seinen Nachlass \u00f6ffnete, war die \u00dcberraschung gro\u00df. Neben seinen Manuskripten, Notizen und Briefen fand man um die 3.000 Aquarelle und illustrierte Schriftst\u00fccke von denen kaum ein Mensch wusste. Er selbst hatte zu Lebzeiten kaum Aufheben darum gemacht. Doch war die Malerei dennoch sehr viel mehr f\u00fcr ihn als ein netter Zeitvertreib. Nicht nur, dass er ihr ungef\u00e4hr ein Drittel seiner Arbeitskraft widmete und es zu einigem K\u00f6nnen brachte, sie markiert auch einen Wendepunkt in seinem Leben. Ja, sie war ihm sogar Rettung in h\u00f6chster Not. \u201eEs ist so, dass ich l\u00e4ngst nicht mehr leben w\u00fcrde ohne Malerei,\u201c schrieb er einmal.<!--more--><\/p>\n<p>Das ist in zweifacher Hinsicht w\u00f6rtlich zu verstehen, denn sie wurde ihm nicht nur therapeutisches Hilfsmittel gegen seine Depressionen, als er w\u00e4hrend des ersten Weltkriegs in eine tiefe Lebenskrise st\u00fcrzte, sie ern\u00e4hrte ihn auch buchst\u00e4blich, als er nach der gro\u00dfen Inflation eine ganze Weile so arm war, dass er fast ausschlie\u00dflich von Reis, Milch und Esskastanien lebte. Seinen kargen Unterhalt bestritt er in dieser Zeit durch den Verkauf seiner Bilder, weil niemand etwas f\u00fcr seine Texte bezahlte.<\/p>\n<p>Dabei hatte der sensible K\u00fcnstler schon fr\u00fcher mit der Malerei gelieb\u00e4ugelt. Im November 1903 schrieb er an Stefan Zweig: \u201eWie oft habe ich mir schon gedacht, was f\u00fcr sch\u00f6ne Bilder ich malen k\u00f6nnte, wenn ich malen k\u00f6nnte.\u201c Doch als sich der zutiefst Verunsicherte nach seiner Emigration aus dem kriegstrunkenen, pomp\u00f6s-nationalistisch gesinnten Deutschland in die Schweiz in seiner Verzweiflung bei einem Arzt Sigmund Freuds in die damals noch vollkommen neuartige psychoanalytische Behandlung begab und dieser Arzt dem fast 40-J\u00e4hrigen vorschlug, seine Tr\u00e4ume in Bildern auszudr\u00fccken, str\u00e4ubte er sich noch einige Zeit, den Pinsel in die Hand zu nehmen. Als er es dann endlich tat, wirkte das wie eine Befreiung f\u00fcr Hesse. Von da an legte er den Pinsel nie mehr weg und sprach offen davon, dass die Malerei ihm das Leben ertr\u00e4glicher machte. Noch kurz vor seinem Tod antwortete er der Zeitung \u201eDie Welt\u201c auf ihre Umfrage unter Schriftstellern, warum sie schreiben: \u201eWeil ich ja nicht den ganzen Tag malen kann.\u201c<\/p>\n<p>Die beiden Ausdrucksformen, das Malen und das Schreiben, speisten sich bei Hesse aus demselben \u00e4sthetischen Impuls: der Poetisierung der Wirklichkeit. Daf\u00fcr standen ihm sprachlich zwar ungleich mehr M\u00f6glichkeiten zu Gebote, aber auch malerisch gelangte er zu einer eigenst\u00e4ndigen Ausdrucksform. Denn nach seinen zaghaften Anf\u00e4ngen mit gedeckten Farben und dem\u00fctiger Detailgenauigkeit, \u00e4nderten sich unter dem Einfluss seiner Malerfreunde Louis Moillet, August Macke, der Werke Emil Noldes und \u201eder Br\u00fccke\u201c seine Palette bereits drei Jahre sp\u00e4ter hin zu unvermischten, leuchtenden Farben und sein Ausdruck zu einer expressionistischen Formensprache, die k\u00fchne Vereinfachungen wagt.<\/p>\n<p>Doch selbst wenn Hesses Aquarelle manchmal fast abstrakt anmuten, sind sie doch im Wesentlichen Landschaftsbilder und damit Zeugnisse seiner Natur- und Landschaftsbeobachtung. Dar\u00fcber hinaus ist sein malerisches Werk eine gro\u00dfe Hommage an die Umgebung seiner Tessiner Wahlheimat, die man durch die Bilder regelrecht entdecken kann. Denn viele der Ausblicke und Wanderwege sind heute noch so im Tessin erhalten, wie der unerm\u00fcdliche Wanderer Hesse sie in seinen Bildern festhielt. Ja, er war, sowohl was die Malerei als auch was seine Literatur betrifft, geradezu beseelt vom Festhalten. Das Erfreuliche, das Fl\u00fcchtige, das Ber\u00fchrende, das Magische wollte er \u201eder bl\u00f6den Wirklichkeit\u201c gegen\u00fcberstellen und in der Tat stehen diese Bilder in ihrer kontemplativ-heiteren Nat\u00fcrlichkeit einer zunehmend industrialisierten Welt gegen\u00fcber. Sie sind ein w\u00e4rmendes Ideal und damit ein Plus an Lebensqualit\u00e4t, nach dem sich viele Menschen sehnen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt weil der Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr Literatur (1946) dieses Gef\u00fchl auch in seinen Texten vermittelt und damit ein Millionenpublikum erreichte und immer noch erreicht, waren auch zur Vernissage am Sonntag sehr viele Menschen nach Kleinsassen gekommen, um seine Bilder zu sehen. Zusammengestellt von dem Kurator der Ausstellung, G\u00fcnther Troll, konnten sie in den gro\u00dfz\u00fcgigen Hallen der Kunststation einen \u00e4u\u00dferst umfangreichen Einblick in das malerische Oeuvre des Schriftstellers inklusive noch nie gezeigter Arbeiten gewinnen. Sie h\u00f6rten auch eine begeisternde und aufschlussreiche Einf\u00fchrung in das Leben und Wirken Hesses von dem Herausgeber der Hermann Hesse-Gesamtausgabe bei Suhrkamp, Volker Michels. Anekdotenreich erz\u00e4hlte Michels aus dem Leben des K\u00fcnstlers, zeigte Parallelen zwischen den Bildern und den B\u00fcchern Hesses auf und lie\u00df ihn immer wieder selbst zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Dieses Extra bleibt zuk\u00fcnftigen Besuchern der Ausstellung zwar verwehrt, doch k\u00f6nnen sie sich daf\u00fcr an einem gro\u00dfen B\u00fcchertisch aus einem umfangreichen Literaturangebot von und \u00fcber Hermann Hesse eindecken und nat\u00fcrlich die Ausstellung entdecken. Eine Ausstellung, die sicher noch sehr vielen Menschen das Herz erw\u00e4rmen wird. (mb)<\/p>\n<p>Die Ausstellung dauert noch bis zum 25.09.2011 und ist t\u00e4glich von Dienstag bis Sonntag, 13-18 Uhr ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><strong>Malerfreude (Hermann Hesse 1918)<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4cker tragen Korn und kosten Geld<br \/>\nWiesen sind von Stacheldraht umlauert,<br \/>\nNotdurft sind und Habsucht aufgestellt,<br \/>\nAlles scheint verdorben und vermauert.<\/p>\n<p>Aber hier in meinem Auge wohnt<br \/>\nEine andre Ordnung aller Dinge,<br \/>\nViolett zerflie\u00dft und Purpur thront<br \/>\nDeren unschuldvolles Lied ich singe.<\/p>\n<p>Gelb zu Gelb, und Gelb zu Rot gesellt,<br \/>\nK\u00fchle Bl\u00e4uen rosig angeflogen!<br \/>\nLicht und Farbe schwingt von Welt zu Welt,<br \/>\nW\u00f6lbt und t\u00f6nt sich aus in Liebeswogen.<\/p>\n<p>Geist regiert, der alles Kranke heilt<br \/>\nGr\u00fcn klingt auf aus neugeborener Quelle<br \/>\nNeu und sinnvoll wird die Welt verteilt<br \/>\nUnd im Herzen wird es froh und helle.<\/p>\n<p><strong>Hermann Hesse &#8211; Kurzbiographie<\/strong><\/p>\n<p>1877 geboren am 2. Juli in Calw\/ Baden-W\u00fcrttemberg<br \/>\n1904 Ehe mit Maria Bernoulli<br \/>\n1906 Mitherausgeber der antiwilhelminischen Zeitschrift \u201eM\u00e4rz&#8221;<br \/>\n1911 Indienreise<br \/>\n1912 \u00dcbersiedlung nach Bern<br \/>\n1914- 1919 im Dienst der Deutschen Kriegsgefangenenf\u00fcrsorge Bern<br \/>\n1924 Hermann Hesse wird Schweizer Staatsb\u00fcrger<br \/>\nEhe mit Ruth Wenger<br \/>\n1930 Austritt aus der \u201ePreu\u00dfischen Akademie der K\u00fcnste&#8221;, Sektion Sprache und Dichtung<br \/>\n1931 Ehe mit Ninon Dolbin geb. Ausl\u00e4nder<br \/>\n1946 Nobelpreis<br \/>\n1962 gestorben am 9. August in Montagnola<strong><\/strong><\/p>\n<p>Werke Auswahl: Knulp, Demian, Klingsors letzter Sommer, Siddhartha, der Steppenwolf, Narzi\u00df und Goldmund, das Glasperlenspiel u. v. m.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Kleinsassen. Als man nach dem Tod des weltber\u00fchmten Schriftstellers Hermann Hesse (1877-1962) seinen Nachlass \u00f6ffnete, war die \u00dcberraschung gro\u00df. Neben seinen Manuskripten, Notizen und Briefen fand man um die 3.000 Aquarelle und illustrierte Schriftst\u00fccke von denen kaum ein Mensch wusste. Er selbst hatte zu Lebzeiten kaum Aufheben darum gemacht. Doch war die Malerei dennoch sehr &hellip;<\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["post-86622","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-startseite","category-kultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86622","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86622"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86622\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86622"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86622"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86622"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}