{"id":85120,"date":"2011-04-23T00:18:57","date_gmt":"2011-04-23T00:18:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=85120"},"modified":"2011-04-23T06:23:13","modified_gmt":"2011-04-23T06:23:13","slug":"hamlet-eine-zeitbombe-regisseur-jean-claude-berutti-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=85120","title":{"rendered":"HAMLET-eine Zeitbombe &#8211; Regisseur Jean-Claude Berutti im Interview"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/110421_Hamlet.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-85121\" title=\"110421_Hamlet\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/110421_Hamlet-265x176.jpg\" alt=\"\" width=\"265\" height=\"176\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/110421_Hamlet-265x176.jpg 265w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/110421_Hamlet.jpg 592w\" sizes=\"(max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><\/a>Bad Hersfeld. <\/strong>Hamlet wird oft inszeniert und scheint immer wieder das Interesse der Theatermacher neu zu wecken. Regisseur Jean-Claude Berutti hat sich f\u00fcr die 61. Bad Hersfelder Festspiele lange und neu mit dem Material auseinandergesetzt. Lesen Sie dazu das Interview mit dem Regisseur.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie Hamlet jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Hamlet scheint vom Beginn des St\u00fccks an in einem Zustand zu sein, in dem er viel Schlaf ben\u00f6tigt. Aber was f\u00fcr ein Zustand ist das? Der eines melancholischen, wachen Tr\u00e4umers? Eines an Halluzinationen leidenden \u00fcberaktiven Menschen? Eines verlassenen Sohns und Neffen, der sich von einem Rachegeist besessen glaubt? \u201eTo sleep, to dream\u201c ist ein ganz wichtiges Motiv. Viele Fragen, die vielleicht beantwortet werden m\u00fcssen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Wie werden Sie den HAMLET in Bad Hersfeld inszenieren?<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte eine konzentrierte Fassung von \u201eHamlet\u201c inszenieren, wie \u201ein einem Traum\u201c, oder eher einem Albtraum. Hamlet sagt selbst, dass ihn seine Tr\u00e4ume im Voraus erschrecken. Ich stelle mir eine abrupte Szenenabfolge vor, bei der \u00dcberleitungen vermieden werden, rasche, kontrastreiche Abfolgen, Szenen, in den es nicht immer leicht f\u00e4llt zu unterscheiden, was Realit\u00e4t und was Vision ist. Die Koh\u00e4renz wird in der Gesamtheit gefunden und soll im Gegensatz zur Heterogenit\u00e4t der Details und der Behandlungen der einzelnen Szenen stehen \u2013 ja \u201e\u00c2\u00a0sterben, schlafen, tr\u00e4umen\u201c &#8211; was Hamlet auch immer zwischen dem ersten und dem zweiten Akt unternimmt, er muss unbedingt schlafen, sich aus der Realit\u00e4t zur\u00fcckziehen, um neue Kr\u00e4fte zu sammeln.<\/p>\n<p>Doch wo kann er zwischen dem Gef\u00e4ngnis D\u00e4nemark und seinem inneren Gef\u00e4ngnis Ruhe finden? Im Laufe der Akte bleibt Hamlet in diesem st\u00e4ndigen Hin und Her zwischen Traum und Wirklichkeit, oder besser gesagt ihm fehlt eine deutliche Grenze zwischen beiden. Hamlet sowie das gesamte St\u00fcck ziehen uns in dieses unheimliche Niemandsland hinein mit seiner grandiosen, verw\u00fcsteten Landschaft, die von Wesen bev\u00f6lkert ist, die uns \u00e4hneln und gespenstisch anwesend sind, was Situationen entspricht, die sowohl allt\u00e4glich als auch alt \u00fcberlieferte Wiederholungen famili\u00e4rer Verhaltensweisen sind.<\/p>\n<p>Hamlet sieht sich selbst \u2013 vor allem in seinen Monologen \u2013 immer mit einer gewissen Versp\u00e4tung. So ist im 3. Akt \u201eTo be or not to be\u201c noch ganz von dem gepr\u00e4gt, was sich f\u00fcr ihn zwischen dem 1. und 2. Akt abgespielt hat. Dieselbe Versp\u00e4tung kann man in der Art feststellen, in der er von seiner Umgebung, seinen Verwandten und seinen Freunden gesehen wird. Die Briefe, die Polonius Claudius und Gertrud zeigt, um zu beweisen, dass Hamlet wegen Ophelia liebeskrank sei, sind wahrscheinlich drei Monate alt und absolut nicht mehr aktuell. Wie kommt es, dass Horatio, der erkl\u00e4rt, zum Begr\u00e4bnis des K\u00f6nigs gekommen zu sein (das vor zwei Monaten stattgefunden hat), nicht nach Wittemberg zur\u00fcckgekehrt ist, um dort sein Studium wieder aufzunehmen? Man k\u00f6nnte hier noch viele Beispiele f\u00fcr die Art angeben, in der die alten Geschehnisse behandelt werden, als w\u00e4ren sie aktuell.<\/p>\n<p><strong>Aber was bleibt tats\u00e4chlich aktuell f\u00fcr uns in dieser Geschichte?<\/strong><\/p>\n<p>Nichts und alles. Wer kann sich heute noch f\u00fcr die Thronfolgeprobleme eines jungen Prinzen interessieren, wo doch die Monarchie selbst als eine ziemlich antiquierte Staatsform auf uns wirkt. Was geht uns das Z\u00f6gern eines gebildeten Aristokraten an? Die Trag\u00f6die der Rache ist im St\u00fcck auch nicht gerade bestens ausgenutzt, denn man sp\u00fcrt alle melodramatischen \u201eKniffe\u201c. Und dennoch fasziniert uns dieses St\u00fcck weiterhin, vielleicht gerade wegen seines Geheimnisses, oder weil ein Toter den Lebenden sein Gesetz aufzwingt, und die Handlungen, die vor unseren Augen ablaufen, mit Fakten zusammenh\u00e4ngen, die eine oder zwei Generationen vorher stattfanden. Und das kann uns noch heute beeindrucken.<\/p>\n<p><strong>Weil das in vielen Familien der Fall ist?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201eversp\u00e4tete\u201c Handlung k\u00f6nnte zum Gro\u00dfteil die Form des St\u00fcckes besser erkl\u00e4ren als die klassische Interpretation (die teilweise auf Goethe zur\u00fcckgeht), laut der das fatale Z\u00f6gern des r\u00e4chenden Helden die ausl\u00f6sende Kraft der Trag\u00f6die sei. Die Last der Vergangenheit ist f\u00fcr jeden am Hof von Helsing\u00f6r schwer, zu schwer. Das Ausagieren ist sowohl f\u00fcr Hamlet, als auch f\u00fcr Ophelia, Horatio, Claudius oder Laertes komplex, voll von Hindernissen, schwierig und schmerzlich. Es f\u00fchrt jede der Figuren zu wiederholten, zwanghaften Verz\u00f6gerungen. Und was, wenn Hamlets f\u00fcr gew\u00f6hnlich zitierter Hang, alles auf sp\u00e4ter aufzuschieben, ein typisches Verhalten in seiner Familie oder in seinem Klan w\u00e4re?\u00c2\u00a0 Warum erscheint zum Beispiel der Geist seines Vaters so sp\u00e4t? Warum wartet Claudius auf den Bericht von Rosenkrantz und Guildenstern, um Hamlet nach England zu senden? Warum findet die angek\u00fcndigte Begegnung zwischen Gertrud und ihrem Sohn so sp\u00e4t statt? Usw. &#8230;<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Aufschub, Versp\u00e4tung, vielleicht Vers\u00e4umnis &#8211; h\u00e4lt uns Shakespeares Trag\u00f6die in Hinblick auf diese Begriffe und Verhaltensweisen einen Spiegel vor?<\/strong><\/p>\n<p>Denken die Regierenden nicht ausschlie\u00dflich \u201ekurzfristig\u201c, um jede Sorge und jeden Zukunftsgedanken besser auf morgen zu verschieben? Denken wir an die Zufriedenheit des Claudius \u00fcber alles, was er unternimmt. Wir k\u00f6nnen t\u00e4glich die gef\u00e4hrlichen Folgen dieser Philosophie des Hinausz\u00f6gerns in der Politik, im Familienleben und ganz einfach im Gang der Welt feststellen: \u201eWir haben genug Zeit, morgen daran zu denken \u00e2\u20ac\u00a6\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie haben den HAMLET mit Bastian Semm besetzt. Was gef\u00e4llt Ihnen an Bastian Semm?<\/strong><\/p>\n<p>Bastian Semm ist 1979 geboren und die ideale Besetzung. Er ist ein ungest\u00fcmer junger Hamlet und seine Freunde und Feinde bestehen aus einer Gruppe noch j\u00fcngerer Schauspieler. Bastian besitzt so ziemlich alle Eigenschaften, die man f\u00fcr diese Rolle erwarten kann: die F\u00e4higkeit nachzudenken, die Selbstbeobachtung, den Hang zu agieren und den, Risiken einzugehen. Die Jugend der Figur ist unerl\u00e4sslich. Hamlet ist kaum erst erwachsen geworden und f\u00fchlt sich von der Heirat seiner Mutter mit seinem Onkel verletzt, der sich wahrscheinlich vor seinem Verrat mehr um seine Erziehung gek\u00fcmmert hat als sein Vater, der K\u00f6nig. Benedikt Freitag ist mit seinen etwas 50 Jahren ein Claudius im besten Alter.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit dem Polonius von J\u00f6rg Reimers bildet er ein politisch effizientes und glaubhaftes Gespann, das vor allem auf dem Gebiet der Au\u00dfenpolitik \u201epolitisch korrekt\u201c ist. Ein pragmatisches politisches Team, w\u00fcrden wir heute sagen! Auch Gertrud hat einen Platz innerhalb der Machtaufteilung inne, obwohl ihre Geschichte als K\u00f6nigin sich nur \u201eindirekt\u201c abzeichnet. Dazu ist eine verf\u00fchrerische Schauspielerin n\u00f6tig, die selbst wenn sie schweigt, sich allein durch ihre Gegenwart durchsetzt. Franziska Srna ist daf\u00fcr eine Idealbesetzung. Hamlet Senior war wahrscheinlich von den Staatsgesch\u00e4ften \u00fcberfordert und behandelte diese als Autokrat. Davon kann bei diesem \u201eSuper-Trio\u201c an der Spitze D\u00e4nemarks nicht die Rede sein!<\/p>\n<p>Das neue Team hat eine heikle Situation in den Griff bekommen, und alles ginge bestens, wenn Prinz Hamlet nur seine Trauer beenden wollte. Doch in seiner Weigerung, das Vergangene hinter sich zu lassen und ruhig in die Zukunft zu blicken, versteckt sich nat\u00fcrlich weit mehr als eine einfache Art, das v\u00e4terliche Andenken zu ehren. Zeit f\u00fcr die Trauerarbeit zu nehmen, bedeutet zuerst, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen, und sei es nur, um die Irrt\u00fcmer der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Sobald ihm der Geist seines Vaters die Rache auferlegt hat, ist die Zeit aber nicht verloren: zun\u00e4chst ist es die Zeit, Beweise zu sammeln und danach die Zeit und die Gelegenheit einen Staatsstreich zu organisieren. All dies geht selbstverst\u00e4ndlich schief, doch kann man das dem Prinzen zum Vorwurf machen? Ich mag seinen besonnenen, vertr\u00e4umten Charakter, der trotz allem einen Mann der Tat zeigt. Man muss endlich aufh\u00f6ren zu behaupten, dass er nicht zur Tat schreitet! Wenn er bereit ist, ist er f\u00e4hig zu handeln \u2013 \u201ethe readiness is all\u201c \u2013 und sei es nur, um sich t\u00f6ten zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Ophelia wird von Larissa Aim\u00e9e Breidbach gespielt. Sie hat sich\u00c2\u00a0 dem Publikum vor Ort im Februar auch bereits pers\u00f6nlich vorgestellt. Wie sehen Sie die Ophelia?<\/strong><\/p>\n<p>Ophelia bleibt nat\u00fcrlich ein anderes Geheimnis des St\u00fcckes. Ich male mir aus, sie sei eine Adoptivtochter, die Polonius bei einer seiner diplomatischen Missionen vom anderen Ende der Welt mitgebracht hat. Er hat sie so halb und halb erzogen, war aber rasch dabei \u00fcberfordert und hat sie sich selbst \u00fcberlassen. Sie irrt nun in Helsing\u00f6r herum, ohne so recht zu wissen, wo sie hingeh\u00f6rt. Und wer k\u00f6nnte wirklich bei Hofe sagen, welchen Rang sie einnimmt? Sie kann sich kein Bild von sich selbst machen, und die verschiedenen Bilder, die ihr die H\u00f6flinge anbieten, erm\u00f6glichen ihr kein selbst\u00e4ndiges Leben. Um diese Rolle zu interpretieren, habe ich eine wunderbare Schauspielerin ausgew\u00e4hlt, die aus Burkina Faso stammt.<\/p>\n<p><strong>Holk Freytag, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele hat in seiner Einleitung zu den 61. Festspielen unter dem Motto REISE IN DIE GEGENWART geschrieben: \u201e &#8230; Hamlet sieht vor lauter R\u00fcckblicken seine Gegenwart nicht mehr und verspielt damit die Zukunft.\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Ja, der \u201eHamlet\u201c 2011 von Bad Hersfeld wird wie in einem Traum gespielt, in dem sich die verschiedenen Epochen und Zeiten vermischen und gegen einander prallen. Man wird darin eine laute, zornige Menschheit am Rand des Abgrunds sehen, die aber immer noch f\u00e4hig ist, sich aufrecht zu halten, bereit zu fallen, aber auch bereit, sich dar\u00fcber zu am\u00fcsieren, knapp bevor sie sich in die Leere st\u00fcrzt.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Jean-Claude Berutti <\/strong><\/p>\n<p>Der Regisseur Jean-Claude Berutti ist Intendant der Com\u00e9die de Saint- Etienne, einer der bedeutendsten B\u00fchnen Frankreichs. Seine Vorliebe gilt der Wiederentdeckung seltener oder vergessener Texte. In den letzten Jahren wurden seine Inszenierungen von Edouard Bourdets LES TEMPS DIFFICILES an der Com\u00e9die-Fran\u00c3\u00a7aise und von ZELINDA UND LINDORO, eine in Vergessenheit geratene Trilogie Carlo Goldonis, vom Publikum sowie von der franz\u00f6sischen und europ\u00e4ischen Presse besonders gesch\u00e4tzt. F\u00fcr ZELINDA UND LINDORO erhielt Jean-Claude Berutti bei der Biennale von Venedig den LIONCINO D \u00cc\u0081ORO.<\/p>\n<p>Im Bereich der Oper inszeniert Jean-Claude Berutti selten aufgef\u00fchrte Werke LOUISE von Gustave Charpentier (La Monnaie, Frankfurter Oper, 1986), MANFRED von Schumann (La Monnaie, Op\u00e9ra de Lyon, 1993), LE MEUBLE ROUGE von Alberto Bruni-Tedeschi (Op\u00e9ra d\u00e2\u20ac\u2122Avignon, 1995), DANTONS TOD von Gottfried von Einem (Op\u00e9ra de Li\u00e8ge, 1998), FAUST von Gounod (Op\u00e9ra de Lyon, 2000), PASSAGIO von Berio (Ensemble Inter- contemporain, Paris, 2001), RUSALKA (Op\u00e9ra de Lyon und Tel Aviv, 2002), LOHENGRIN von Sciarrino (Ensemble Intercontemporain, Paris, 2002) und K\u00d6NIG KANDAULES von Zemlinsky (Op\u00e9ra de Li\u00e8ge, Op\u00e9ra de Lorraine, Nancy, 2006). Im Fr\u00fchjahr 2010 inszenierte er Verdis OTHELLO an der Oper von Nancy.<\/p>\n<p>Jean-Claude Berutti hat mit verschiedensten Dirigenten zusammengearbeitet wie etwa Sylvain Cambreling, Philippe Herreweghe, Jonathan Nott, Emmanuelle Ha\u00c3\u00afm, Bernhard Kontarsky, Emmanuel Krivine, Christophe Rousset oder Ivan Fischer. Bei 60. den Bad Hersfelder Festspielen 2010 f\u00fchrte Jean-Claude Berutti die Regie der SOMMERG\u00c4STE und wurde von der Presse hierf\u00fcr hoch gelobt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Bad Hersfeld. Hamlet wird oft inszeniert und scheint immer wieder das Interesse der Theatermacher neu zu wecken. Regisseur Jean-Claude Berutti hat sich f\u00fcr die 61. Bad Hersfelder Festspiele lange und neu mit dem Material auseinandergesetzt. Lesen Sie dazu das Interview mit dem Regisseur. Wie sehen Sie Hamlet jetzt? 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