{"id":8244,"date":"2008-03-13T00:23:56","date_gmt":"2008-03-12T23:23:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/?p=8244"},"modified":"2008-03-13T00:23:56","modified_gmt":"2008-03-12T23:23:56","slug":"bischof-algermissen-sprach-beim-jubilaeum-des-arbeitskreises-kirchegewerkschaft-ueber-soziale-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=8244","title":{"rendered":"Bischof Algermissen sprach beim Jubil\u00e4um des Arbeitskreises Kirche\/Gewerkschaft \u00fcber soziale Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fulda. <\/strong>\u201eDer Mensch ist keine billige Maschine und kein verbilligtes Arbeitstier; er ist vielmehr als Ebenbild Gottes, als mit W\u00fcrde \u2013 und nicht einfach mit Wert und Preis \u2013 begabte Person zu behandeln.\u201c Dies unterstrich Bischof Heinz Josef Algermissen am Mittwoch bei einer Festveranstaltung im Fuldaer Bonifatiushaus. In einem Gru\u00dfwort anl\u00e4\u00dflich des 40j\u00e4hrigen Bestehens des Fuldaer Arbeitskreises Kirche\/Gewerkschaft erinnerte der Oberhirte daran, da\u00df die im 19. Jahrhundert entwickelte katholische Soziallehre einen ersten H\u00f6hepunkt 1891 mit der Sozialenzyklika \u201eRerum novarum\u201c Papst Leos XIII. erreicht hatte und sich bis auf den heutigen Tag in der Enzyklika \u201eDeus caritas est\u201c Papst Benedikts XVI. fortsetzte.<!--more--><br \/>\nDer Begriff der sozialen Gerechtigkeit sei vor dem Hintergrund der Geschichtstheologie des hl. Augustinus entstanden. \u201eDanach ist im irdischen Staat ein Mindestma\u00df an Grundrechten f\u00fcr jeden Menschen zu garantieren und von seiten des Staates zu verb\u00fcrgen.\u201c Genau das sei die Aufgabe des Staates: einen dauerhaften und verl\u00e4\u00dflichen Zustand der Gerechtigkeit herzustellen und auf dessen Einhaltung zu pochen, machte Algermissen deutlich.<\/p>\n<p>\u201eGerechtigkeit ist ein fernes Echo jener Liebe, die Gott selbst ist, f\u00fcr die er den Menschen geschaffen hat und die der Mensch abbildhaft in Ehe und Familie erf\u00e4hrt\u201c, betonte der Bischof sodann. Gerechtigkeit m\u00fcsse wie ein sicheres Netz sein, um jene aufzufangen, die in Elend abst\u00fcrzten. Das Besondere der katholischen Soziallehre liege darin, da\u00df Gerechtigkeit als ein notwendiges Instrument angesehen werde, um Menschen in ihren Grundrechten zu sch\u00fctzen. Es d\u00fcrfe dabei nicht vergessen werden, da\u00df kein Mensch vom Brot und Lohn und gerechter Behandlung allein lebe, sondern letztlich von hingebender und frei geschenkter Liebe. \u201eDiese freilich kann kein Staat der Welt verb\u00fcrgen und versichern, und kein Sozialsystem kann Liebe herstellen \u2013 sie bleibt immer freies und oft unerwartetes Geschenk.\u201c Der Staat stehe dabei im Dienst am Grundrecht des Menschen, w\u00fcrdig und angemessen behandelt zu werden, auch und gerade in seiner Arbeit, hob Algermissen hervor.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch h\u00e4tten sich die Gewerkschaften gebildet, die sich die stetige Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse zum Ziel gesetzt h\u00e4tten. \u201eIn der Gewerkschaftsbewegung spielte von Anfang an der Begriff der sozialen Gerechtigkeit eine gro\u00dfe Rolle, auch wenn, zumal bei kommunistisch orientierten Gewerkschaften, die Kirche und eine scheinbare Vertr\u00f6stung auf das Jenseits als \u00e2\u20ac\u0161Opium f\u00fcr das Volk\u00e2\u20ac\u2122 diffamiert wurden\u201c, erinnerte Bischof Algermissen. Heute stehe viel mehr als fr\u00fcher das gemeinsame Ziel von Kirche und Gewerkschaften vor Augen. Es gehe stets um die unver\u00e4u\u00dferliche Menschenw\u00fcrde, die jeder Person, unabh\u00e4ngig von Intelligenz oder Leistungskraft oder Bildung, zukomme und vom Staat und seinen Gesetzen zu sch\u00fctzen sei.<\/p>\n<p>Zu Beginn seiner Ansprache hatte der Oberhirte daran erinnert, da\u00df der Begriff der \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c 1849 von dem italienischen Jesuiten Luigi Taparelli gepr\u00e4gt worden sei. Heute sei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit in aller Munde, \u201enicht zuletzt in Zeiten der Globalisierung und angesichts aktueller Diskussionen \u00fcber die soziale Verantwortung von Unternehmen und Managern\u201c. Nicht mehr nur stehe soziale Gerechtigkeit als Ideal in einem Staat vor Augen, sondern die ganze Welt sei zum \u201eFeld der einzufordernden Gerechtigkeit\u201c geworden. Oft sei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit aber als \u00f6konomisch nicht brauchbar geschm\u00e4ht worden, so als ob Wirtschaft und Ethik \u201efeindliche Geschwister\u201c w\u00e4ren. Gerade in der heutigen Zeit zeigten Globalisierung und internationaler Finanzkapitalismus \u201eihr kaltes und oft menschenverachtendes Gesicht\u201c, und manche fragten sich, ob \u201eder Kapitalismus\u201c \u00fcberhaupt zu sanieren und nicht eher durch ein ganz neues System zu ersetzen sei.<\/p>\n<p>Die katholische Soziallehre sei nicht dieser Meinung, zumal sich der Begriff des Kapitalismus einem Franziskaner, dem hl. Bernhardin von Siena, verdanke, der mit diesem Begriff im 15. Jahrhundert an die moralische Verantwortung der Reichen und die Pflicht zum Teilen und zur Teilhabe appellierte. Der Mensch sei in Freiheit zur Entfaltung seiner Talente und auch zum Streben nach Gewinn berufen. Die daraus erwachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu reparieren und auszugleichen, bezeichnete Bischof Algermissen als Aufgabe der Ethik und der staatlichen Gesetze. Sie lasse sich in dem Begriff der sozialen Gerechtigkeit b\u00fcndeln. Dem r\u00f6mischen Jesuiten, der den Begriff erfand, stand im 19. Jahrhundert die Herausforderung der Industrialisierung und des anwachsenden Proletariats vor Augen. Es habe eine immer offenkundigere Spaltung der Gesellschaft in den industrialisierten Staaten Europas in Reiche und Arme, in Kapitalbesitzer und zunehmend entfremdete Arbeiter gegeben, in Menschen, die andere f\u00fcr sich arbeiten lie\u00dfen und solche, die f\u00fcr k\u00fcmmerlichen Lohn f\u00fcr andere arbeiten mu\u00dften.<\/p>\n<p>Die katholische Sozialbewegung sei nicht zuletzt in Deutschland durch die Anst\u00f6\u00dfe des Mainzer Bischofs Wilhelm-Emmanuel von Ketteler und des K\u00f6lner Priesters Adolph Kolping entstanden, um Antwort auf neue Fragen zu geben: nach gerechtem Lohn, menschenw\u00fcrdiger Arbeit, angemessener Besteuerung, moralischer Verantwortung von Unternehmern oder der Gestaltung von Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung. Der neue Begriff der sozialen Gerechtigkeit umfasse all diese Fragen.<\/p>\n<p>Der Rahmen des im 19. Jahrhundert gewohnten Nationalstaates sei laut Bischof Algermissen inzwischen \u00fcberschritten. Globale soziale Gerechtigkeit werde zu Recht eingefordert. Der Verlust von mehreren tausend Nokia-Arbeitspl\u00e4tzen in Bochum sei allerdings schmerzlich, wenn sich auch viele arbeitslose Rum\u00e4nen in Klausenburg \u00fcber neue Arbeitsm\u00f6glichkeiten freuten. \u201eIm Zeitalter der Globalisierung stehen unsere Arbeitspl\u00e4tze im Wettbewerb mit Arbeitspl\u00e4tzen auf der ganzen Welt\u201c, so der Bischof weiter. Nur eine konsequente globale Politik zum Schutz der lohnabh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten und zum Aufbau menschengerechter Arbeit werde auf Dauer ein menschenverachtendes Lohn-Dumping rund um den Globus verhindern. \u201eBis dahin ist freilich ein weiter und steiniger Weg, den sowohl die international vernetzten Gewerkschaften wie auch die weltweit um soziale Gerechtigkeit k\u00e4mpfende katholische Kirche gehen.\u201c<\/p>\n<p>Gerechtigkeit sei indes nie einfach nur zuteilende Gerechtigkeit, fuhr Algermissen fort, sondern immer zur Selbstverantwortung bef\u00e4higende Gerechtigkeit, also \u201eChancengerechtigkeit\u201c. \u201eDamit ger\u00e4t der Begriff der Bildung in den Blick, der sich wiederum einem genuin christlichen Kontext verdankt, n\u00e4mlich den deutschen Predigten des Meisters Eckart.\u201c Dieser habe das Wort \u201eBildung\u201c gepr\u00e4gt, um deutlich zu machen, da\u00df das in jedem Menschen schlummernde Gottesebenbild individuell zur Entfaltung gebracht werden m\u00fcsse, als das ureigenste Recht des Menschen als Person. \u201eDer Staat hat vielleicht weniger als fr\u00fcher die M\u00f6glichkeit, Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen, aber er hat unver\u00e4ndert die Aufgabe, Bildungschancen zu erm\u00f6glichen und Menschen zur Ausbildung ihrer Talente zu helfen, nicht zuletzt durch gef\u00f6rderte und \u00f6ffentliche Arbeitsm\u00e4rkte\u201c, forderte der Fuldaer Bischof. Allein die unsichtbare Hand des Marktes schaffe entgegen Adam Smith noch keine umfassende soziale Gerechtigkeit. Vielmehr brauche es die \u201est\u00e4ndige und geduldige Suche\u201c nach verbesserter und umfassender sozialer Gerechtigkeit.<\/p>\n<p><strong>Der Fuldaer Arbeitskreis Kirche\/Gewerkschaft<\/strong><br \/>\nDer Fuldaer Arbeitskreis Kirche\/Gewerkschaft, der vor 40 Jahren nach einer Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung des damaligen Sozialreferats der Di\u00f6zese Fulda zugunsten der Streikenden in einem gro\u00dfen Fuldaer Betrieb gegr\u00fcndet wurde, begeht sein 40j\u00e4hriges Jubil\u00e4um in einer Zeit, in der man zum einen wirtschaftlichen Aufschwung feststellt, zum anderen eine wachsende Armut bei zunehmendem Reichtum, eine wachsende Unterschiedlichkeit in der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung; besonders Betroffene sind Arbeitslose, Menschen in sogenannten prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen sowie Familien. Gleichzeitig befindet sich die Weltwirtschaft in massiver Ver\u00e4nderung \u2013 Globalisierung oder Finanzkapitalismus sind nur zwei Stichworte.<\/p>\n<p>Der Fuldaer Arbeitskreis Kirche\/Gewerkschaft hat sich \u00fcber die Jahre mit der Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Bedingungen, insbesondere der Arbeitsbedingungen befa\u00dft. Kirche und Gewerkschaft geht es um das Wohl derselben Menschen, auch wenn die Standpunkte nicht immer dieselben sind. Im Mittelpunkt des gemeinsamen Gespr\u00e4chs standen stets Grundfragen der katholischen Soziallehre, sozialethische und ordnungspolitische Fragen und vor allen Dingen auch Fragen, die sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Region besch\u00e4ftigen. Vor 40 Jahren konnte freilich niemand ahnen, da\u00df ein Arbeitskreis \u2013 aus gemeinsamer Betroffenheit in einem sozialen Konflikt gegr\u00fcndet \u2013 so lange Bestand haben w\u00fcrde. Es ist vermutlich einmalig, da\u00df ein Arbeitskreis von Kirche und Gewerkschaft in der Bundesrepublik so lange existiert. Dies wurde als Anla\u00df gesehen, das Ereignis zu feiern. Gleichzeitig sollte dabei auch Ausschau gehalten werden, welche Inhalte in Zukunft das Gespr\u00e4ch zwischen Kirche und Gewerkschaft bestimmen w\u00fcrden und wie dieses Gespr\u00e4ch auf Dauer gef\u00fchrt werden solle. (bpf)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Fulda. \u201eDer Mensch ist keine billige Maschine und kein verbilligtes Arbeitstier; er ist vielmehr als Ebenbild Gottes, als mit W\u00fcrde \u2013 und nicht einfach mit Wert und Preis \u2013 begabte Person zu behandeln.\u201c Dies unterstrich Bischof Heinz Josef Algermissen am Mittwoch bei einer Festveranstaltung im Fuldaer Bonifatiushaus. 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