{"id":69383,"date":"2010-09-09T05:48:18","date_gmt":"2010-09-09T03:48:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=69383"},"modified":"2010-09-08T21:18:40","modified_gmt":"2010-09-08T19:18:40","slug":"in-fulda-werden-verhaltensauffaellige-kinder-in-einer-auszeitklasse-betreut-und-gefoerdert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=69383","title":{"rendered":"In Fulda werden verhaltensauff\u00e4llige Kinder in einer \u201eAuszeitklasse\u201c betreut und gef\u00f6rdert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fulda.<\/strong> Sie fallen auf durch Aggressivit\u00e4t, Unh\u00f6flichkeiten, Regelverletzungen oder spezifische Leistungsschw\u00e4chen. Kinder, die von der Norm abweichen, selbst kleinere Konflikte nicht ad\u00e4quat bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, den Unterricht st\u00f6ren und zu Au\u00dfenseitern werden \u2013\u00c2\u00a0 von Fachleuten also als &#8220;verhaltensauff\u00e4llig&#8221; eingestuft werden. Diese Kinder brauchen Unterst\u00fctzung, um sich in ihrer Klasse, der Schule und der Gesellschaft zurecht zu finden. Im osthessischen Fulda gibt es seit dem 1. Dezember 2008 ein spezielles, hessenweit einmaliges F\u00f6rderangebot: die Auszeitklasse als Kooperation des Staatlichen Schulamtes mit den Jugendhilfetr\u00e4gern Landkreis und Stadt Fulda.<em> <\/em>Eine Einrichtung, in der \u201everhaltensauff\u00e4llige\u201c Kinder ganz gezielt gef\u00f6rdert und von Fachkr\u00e4ften betreut werden.<!--more--><\/p>\n<p>Bis zu acht Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Jahrgangsstufen 1 bis 6 k\u00f6nnen in der Auszeitklasse f\u00fcr zw\u00f6lf bis maximal 16 Unterrichtswochen unter besonderen Bedingungen, in einem neuen Umfeld, mit anderen Bezugspersonen eine intensive F\u00f6rderung von Lehrkr\u00e4ften und Sozialp\u00e4dagogen bekommen. Ziel dieser Einrichtung ist die Re-Integration in die Herkunftsschule anstelle einer dauerhaften Unterbringung in einer F\u00f6rderschule f\u00fcr Erziehungshilfe.<\/p>\n<p><strong>Auszeitklasse als zweite S\u00e4ule im Netzwerk f\u00fcr Erziehungshilfe<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser speziellen Kombination aus Sozial- und Schulp\u00e4dagogik bildet die Auszeitklasse die zweite S\u00e4ule im \u201eNetzwerk f\u00fcr Erziehungshilfe f\u00fcr Stadt und Landkreis Fulda\u201c. Ein Netzwerk, in dem sich seit dem Schuljahr 2004\/2005 F\u00f6rderschullehrkr\u00e4fte des Staatlichen Schulamtes und sozialp\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte der Jugendhilfe von Stadt und Landkreis Fulda engagieren. Bis vor zwei Jahren konnte das Netzwerk ausschlie\u00dflich eine ambulante F\u00f6rderung f\u00fcr verhaltensauff\u00e4llige Kinder in den Herkunftsschulen und in den Familien anbieten. Reichten diese Unterst\u00fctzungen nicht aus, musste auf eine Beschulung in einer F\u00f6rderschule f\u00fcr Erziehungshilfe zur\u00fcckgegriffen werden \u2013 gegebenenfalls auch mit einer Kombination von station\u00e4rer Jugendhilfe.<\/p>\n<p>Da es eine solche F\u00f6rderschule bis dato in Osthessen nicht gab, mussten die Kinder und Jugendlichen die rund 100 Kilometer entfernte F\u00f6rderschule in Homberg\/Efze (Schwalm-Eder-Kreis) besuchen und eine Fahrzeit von bis zu drei Stunden oder die Unterbringung in einer Wohngruppe vor Ort inkauf nehmen. Rahmenbedingungen, die insbesondere f\u00fcr j\u00fcngere Sch\u00fcler alles andere als optimal waren.<\/p>\n<p>\u201eDen Netzwerkmitgliedern war relativ schnell bewusst, dass wir gemeinsam ein ortsnahes Angebot entwickeln m\u00fcssen\u201c, erinnert sich F\u00f6rderschullehrer Tobias Jost vom Staatlichen Schulamt Fulda. \u201eWir wollten ein Modell, bei dem wir die Kinder aus ihrer Stammschule herausnehmen und im Ganztagesbetrieb gezielt f\u00f6rdern k\u00f6nnen &#8211; damit auch Schule und Elternhaus entlastet werden\u201c, sagt Jost. So wurde im Jahr 2006 die Idee der Auszeitklasse geboren.<\/p>\n<p>Dass es noch gut zwei Jahre bis zur deren Er\u00f6ffnung dauerte, lag an dem Fehlen von R\u00e4umlichkeiten und Personalstellen. Doch Ende 2008 konnten Standort- und Personalfrage gleicherma\u00dfen gekl\u00e4rt werden. Die Auszeitklasse fand ihr Domizil in der ehemaligen Hausmeisterwohnung des Gymnasiums \u201eWinfriedschule\u201c. Zwei F\u00f6rderschullehrkr\u00e4fte und zwei sozialp\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte wurden eingestellt. In der Hausmeisterwohnung, die zwischen \u201eWinfriedschule\u201c und Fuldaer Schlosspark liegt, fanden Sch\u00fcler und Fachkr\u00e4fte nach kleineren Renovierungsarbeiten zweckm\u00e4\u00dfige Arbeits-, Spiel- und Pausenr\u00e4ume vor, in denen seit Dezember 2008 gef\u00f6rdert und gefordert wird \u2013 mit den entsprechenden Regeln und Strukturen.<\/p>\n<p><strong>Klare Regeln und Strukturen<\/strong><\/p>\n<p>Ein Blick auf den Stundenplan zeigt: Um 8.00 Uhr beginnt der Schultag mit einem Morgenkreis. Danach folgt die erste Arbeitsphase. Im Anschluss ist eine halbe Stunde f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck vorgesehen. Daran schlie\u00dfen sich wiederum zwei Unterrichtsstunden an. Nach einer 40-min\u00fctigen Mittagspause mit einem gemeinsamen warmen Mittagessen steht die dritte Arbeitsphase auf dem Plan. Danach werden Hausaufgaben gemacht und wenn diese erledigt sind, darf gespielt werden. Um 15.30 Uhr endet der Schultag mit einem Abschlusskreis. Nur freitags ist die Schule schon um 13.00 Uhr beendet.<\/p>\n<p>Diese relativ starr erscheinende Tagesstruktur bildet aber lediglich einen Rahmen. \u201eWir haben die p\u00e4dagogische Freiheit, mit den Kindern einen eigenen Tagesrhythmus zu entwickeln, und k\u00f6nnen daher ganz flexibel auch auf individuelle Bed\u00fcrfnisse eingehen\u201c, berichtet F\u00f6rderschullehrerin Mona Trausch. So kann sich, obwohl Mathematik, Deutsch, Musik, Sport, Sachunterricht oder freizeitp\u00e4dagogische Angebote auf dem Stundenplan stehen, der Plan unversehens \u00e4ndern, denn das Leitziel der Auszeitklasse lautet: \u201eSt\u00f6rungen haben Vorrang\u201c. Oder anders formuliert: Das soziale Lernen hat in dieser Klasse Priorit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich sollen bei uns hinsichtlich des Schulstoffs keine gro\u00dfen L\u00fccken entstehen, aber in erster Linie geht es in der Auszeitklasse darum, dass die Kinder sozial und emotional aufgefangen, mit all ihren Schw\u00e4chen und St\u00e4rken angenommen werden und ad\u00e4quate Verhaltensweisen erlernen\u201c, unterstreicht Diplom-Sozialp\u00e4dagogin Daniela Kehl. Daf\u00fcr braucht man nicht nur viel Fachkompetenz und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, sondern auch entsprechende personelle Ressourcen. Aus diesem Grund sind eine sozialp\u00e4dagogische Fachkraft und eine F\u00f6rderschulkraft in st\u00e4ndiger Doppelbesetzung f\u00fcr die Kinder da.<\/p>\n<p><strong>Neue Perspektiven entdecken und auf Erfolge stolz sein<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Kinder bedeutet Auszeitklasse, Abstand vom Gewohnten zu nehmen, neue Perspektiven zu entdecken, das eigene Verhalten stetig zu reflektieren, sich dabei selbst ganz neu zu erfahren und vor allem auch auf Erfolge stolz sein zu d\u00fcrfen. Die Grundlage bildet dabei der p\u00e4dagogische Dreiklang aus \u201eRegeln, Grenzen, Konsequenzen\u201c. Damit die Kinder diesen Dreiklang verinnerlichen, wird bei der Aufnahme in die Auszeitklasse ein Vertrag mit ihnen geschlossen.<\/p>\n<p>In dem Vertrag sind Regeln niedergeschrieben, die f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Auszeitklasse gelten. So wird der Umgang mit den Mitsch\u00fclerInnen und LehrerInnen ebenso definiert wie das Verhalten im Unterricht. Es gibt eine Hausordnung und Aufgaben, die zu erf\u00fcllen sind. In dem Vertrag steht ebenfalls, wie reagiert wird, wenn alle Regeln eingehalten oder nicht eingehalten werden. So werden bei Regelverst\u00f6\u00dfen Zusatzaufgaben verteilt; positives Verhalten wird gelobt bzw. mit kleinen \u00dcberraschungen belohnt.<\/p>\n<p>Von ausschlaggebender Bedeutung f\u00fcr das P\u00e4dagogen-Team der Auszeitklasse ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. \u201eErziehung und schulische Bildung funktionieren nur mit den Erziehungsberechtigten. Deshalb ist es au\u00dferordentlich wichtig, dass die Eltern mit im Boot sind\u201c, betont Diplom-Sozialp\u00e4dagoge Edwin Sch\u00fctze, der die Jugendhilfe der Stadt Fulda vertritt. Die Eltern m\u00fcssen nicht nur mit der Aufnahme in die Auszeitklasse einverstanden sein, sondern die Kinder in diesen drei bis vier Monaten auch intensiv begleiten. So erhalten die Eltern beispielsweise t\u00e4glich einen R\u00fcckmeldebogen, der \u00fcber das Verhalten des Kindes informiert und unterschrieben werden muss.<\/p>\n<p>Eine weitere Voraussetzung f\u00fcr den erfolgreichen Besuch der Auszeitklasse ist die Kooperation mit den Lehrern der Herkunftsschule. Sie m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass die entsprechenden Schulmaterialien in die Auszeitklasse gelangen, der Kontakt zu den Mitsch\u00fclern erhalten bleibt oder auch bestimmte Ma\u00dfnahmen nach dem Besuch der Auszeitklasse umgesetzt werden. \u201eIn der Zeit, in der die Kinder die Auszeitklasse besuchen, wollen wir sie nicht von ihrer normalen Regelschule entw\u00f6hnen, sondern wir wollen sie intensiver beschulen und fit machen f\u00fcr ihre eigene Stammklasse\u201c, betont Diplom-Sozialarbeiterin Susanne M\u00f6ller von der Jugendhilfe des Landkreises Fulda. Tobias Jost erg\u00e4nzt: \u201eIn der Auszeitklasse findet keine Wunderheilung statt, sondern eine solide F\u00f6rderung, die es erm\u00f6glicht, die Kinder wieder besser zu beschulen und im ambulanten System zu f\u00f6rdern.\u201c<\/p>\n<p><strong>Steuergruppe entscheidet \u00fcber den Besuch der Auszeitklasse<\/strong><\/p>\n<p>Wie wird man nun Auszeitsch\u00fcler? Die Schulen und die beiden Sozialen Dienste der Jugend\u00e4mter melden an die zentrale Koordinierungsstelle des Netzwerks f\u00fcr Erziehungshilfe diejenigen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, f\u00fcr die sie die Unterst\u00fctzung durch das Netzwerk f\u00fcr Erziehungshilfe w\u00fcnschen. Die Fachkr\u00e4fte des Netzwerks melden aus dieser Gruppe die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, f\u00fcr die das Angebot der Auszeitklasse m\u00f6glicherweise in Frage kommt. Die Koordinatoren des Netzwerks &#8211; Susanne M\u00f6ller, Edwin Sch\u00fctze und Tobias Jost &#8211; bilden mit der Schulamtsdirektorin Heidtrud Paschmann die Steuergruppe als \u201eFilterstelle\u201c. Sie ber\u00fccksichtigen Anfragen, m\u00f6gliche Wartezeiten oder die aktuelle Gruppenzusammensetzung der Auszeitklasse und treffen anschlie\u00dfend die Entscheidung \u00fcber den Besuch. Voraussetzung f\u00fcr die Aufnahme ist immer die Zustimmung der Eltern.<\/p>\n<p>Im Jahr 2009 wurden insgesamt 20 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u2013 \u00fcberwiegend aus den Jahrgangsstufen 1 bis 4 und davon 95 Prozent Jungen \u2013 in die Auszeitklasse aufgenommen. Aber auch Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der f\u00fcnften und sechsten Klasse, die eine Haupt-, Realschule oder ein Gymnasium des Landkreis und der Stadt Fulda besuchen, k\u00f6nnen die Auszeitklasse besuchen.<\/p>\n<p>Doch mit dem einmaligen Besuch der Auszeitklasse ist die Arbeit nicht getan, sie geht nach dem Aufenthalt weiter. Der \u00fcberwiegende Teil der ehemaligen Auszeit-Sch\u00fcler bekommt weitere Unterst\u00fctzung \u2013 in der Regel in Form ambulanter Hilfen. Wenn massive St\u00f6rungsbilder vorliegen, ist eine R\u00fcckkehr in die Stammschule unter Umst\u00e4nden nicht m\u00f6glich. So konnten im Jahr 2009 f\u00fcnf der insgesamt 20 Sch\u00fcler nicht in ihre alte Klasse zur\u00fcckkehren, sondern mussten durch die Fachkr\u00e4fte der in Fulda ans\u00e4ssigen kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz weiter betreut werden.<\/p>\n<p><strong>Erste Bilanz f\u00e4llt positiv aus<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch f\u00e4llt die erste Bilanz positiv aus: Neben den 15 Kindern, die in 2009 einen Neuanfang in der Auszeitklasse machen und wieder erfolgreich am normalen Schulleben teilnehmen konnten, waren seit Bestehen der Auszeitklasse auch keine neuen Sch\u00fclerzuweisungen aus dem Landkreis und der Stadt Fulda an die Schule f\u00fcr Erziehungshilfe nach Homberg\/Efze mehr notwendig. Der finanzielle Mehraufwand f\u00fcr die Auszeitklasse konnte durch die eingesparten Fahrt- und sonstigen Kosten in H\u00f6he von 130.000 Euro ausgeglichen werden. \u201eWir befinden uns auf einem guten Weg und freuen uns \u00fcber die nachweisbaren Erfolge\u201c, stellen Erster Kreisbeigeordneter Dr. Heiko Wingenfeld, Fuldas B\u00fcrgermeister Dr. Wolfgang Dippel und Schulamtsleiter Dr. Michael von R\u00fcden \u00fcbereinstimmend fest.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zukunft ist sogar eine Erweiterung der Auszeitklasse angedacht. Denn in Petersberg bei Fulda entsteht zurzeit eine wohnortnahe Schule f\u00fcr Erziehungshilfe. Gleichzeitig soll dort das Auszeitklassenmodell fortgef\u00fchrt werden. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass es ab Herbst 2012 bereits vier Auszeitklassen f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus Stadt und Landkreis Fulda geben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Fulda. 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