{"id":59214,"date":"2010-05-10T04:18:17","date_gmt":"2010-05-10T02:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=59214"},"modified":"2010-05-10T07:21:34","modified_gmt":"2010-05-10T05:21:34","slug":"aktion-grundgesetz-in-fulda-aktionstag-im-marmorsaal-des-stadtschlosses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=59214","title":{"rendered":"\u201eAktion Grundgesetz\u201c in Fulda \u2013 Aktionstag im Marmorsaal des Stadtschlosses"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag2.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-59216\" title=\"100509_Aktionstag2\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag2.jpg\" alt=\"100509_Aktionstag2\" width=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag2.jpg 592w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag2-265x198.jpg 265w\" sizes=\"(max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fulda. Seit 19 Jahren wird der \u201eTag des Grundgesetzes\u201c im Mai begangen, ein Feiertag ist er deshalb trotzdem nicht, eher ein Protesttag. Denn noch immer ist der Grundsatz der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen nicht verwirklicht, weder im Stra\u00dfenverkehr, noch in der Freizeit und schon gar nicht in der Arbeitswelt, die in diesem Jahr besonders in den Blick genommen werden sollte. Dass das so ist, daran \u00e4ndert auch der Artikel 27 der UN-Konvention nichts. Das machte auch der kleine Sketch deutlich, der von Brigitte Oswald und Christine Osafo vorgetragen wurde.<!--more--><\/p>\n<p>Die dargestellte Szene drehte sich um eine Frau, die \u201eschnell mal\u201c auf einem Behinderten-Parkplatz parkt und eine Rollstuhlfahrerin, die sich dar\u00fcber beschwert und daf\u00fcr von der eiligen Autofahrerin abgekanzelt wird. Das Streitgespr\u00e4ch der beiden f\u00fchrte dem Publikum im vollbesetzten Marmorsaal des Stadtschlosses vor Augen, wie wenig sich selbst jemand, der sich f\u00fcr sozial engagiert und aufgekl\u00e4rt h\u00e4lt, mit der Situation eines Behinderten auseinandersetzt. Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander fehlt. Kein Wunder, dass auch Arbeitgeber heutzutage immer noch inzwischen eindeutig widerlegten Vorurteilen aufsitzen und behinderten Bewerbern kaum eine Chance geben sich zu bew\u00e4hren und sich gewinnbringend in ihr Unternehmen einzubringen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag4.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-59218\" title=\"100509_Aktionstag4\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag4-265x353.jpg\" alt=\"100509_Aktionstag4\" width=\"265\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag4-265x353.jpg 265w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag4.jpg 399w\" sizes=\"(max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag3.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-59217\" title=\"100509_Aktionstag3\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag3-265x353.jpg\" alt=\"100509_Aktionstag3\" width=\"265\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag3-265x353.jpg 265w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag3.jpg 399w\" sizes=\"(max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><\/a><br \/>\nDass daran die Behinderten selbst etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen, war eine der provokanten Thesen des Vortragsredners Dr. Peter Radtke und es blieb nicht die einzige. \u201eRaus aus der Jammerecke, weg von der Klagemauer!\u201c, lautete denn auch seine Forderung. Behinderte sollten nicht l\u00e4nger dem Klischee entsprechen, dass sie \u201edankbar, etwas dumm und leicht zu verwalten\u201c seien, sondern sie sollten mutig in den Vordergrund treten und der Gesellschaft zeigen, dass sie \u2013 ob es ihr passt oder nicht \u2013 ein Teil von ihr sind, und zwar nicht nur einer, der aus dem Raster f\u00e4llt und Kosten verursacht, sondern einer, der sie in jedem ihrer Bereiche bereichert \u2013 mindestens um eine menschliche Dimension.<\/p>\n<p>Wie s\u00e4he denn eine Gesellschaft aus, in der nur die Norm ihren Platz und ihr Recht h\u00e4tte? Und wer legt \u00fcberhaupt fest, was das Normale ist? Muss sich Beethoven rechtfertigen, dass er seine letzten Werke taub komponierte? Muss sich der erfolgreiche Bassbariton Thomas Quasthoff f\u00fcr seine Contergansch\u00e4digung entschuldigen oder Stevie Wonder daf\u00fcr dass er blind ist? Aber auch wenn es nicht um gro\u00dfe K\u00fcnstler geht: Ist es nicht auch f\u00fcr die sogenannten Normalen seelisch ges\u00fcnder, wenn sie nicht ausschlie\u00dflich an ihrer Leistung gemessen werden und an dem Grad, in dem sie einem \u00e4u\u00dferlichen Ideal nah kommen?<\/p>\n<p>Genau hier zeigte der Regensburger, der heute in M\u00fcnchen lebt, Strategien im Umgang miteinander auf, n\u00e4mlich dass die Behinderten den Nichtbehinderten helfen m\u00fcssen zu begreifen, dass die L\u00f6sung ihrer Probleme nicht nur einer (gar nicht so kleinen) Minderheit zugute kommt, sondern dass die gesamte Gesellschaft davon profitiert, weil es sie menschenfreundlicher und angenehmer macht. Das kann man an einfachen Beispielen nachvollziehen: So erleichtert barrierefreies Bauen, hindernisfreie Gehwege und behindertengerechte Sanit\u00e4ranlagen nicht nur Rollstuhlfahrern, Blinden oder K\u00f6rperbehinderten das Leben, sondern auch M\u00fcttern mit Kinderwagen, Senioren und vielen Anderen, die weit davon entfernt seien, amtlich anerkannte Behinderte zu sein. Auch muss man den Menschen immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass es jeden und jeder Zeit treffen kann.<\/p>\n<p>Behinderung ist nicht zwangsl\u00e4ufig vererbt, oft ist sie Folge von Unf\u00e4llen, Krankheiten oder einschneidenden Erlebnissen. Insofern, so Radtke, sei auch die Forderung nach Integration im Grunde obsolet, denn integrieren m\u00fcsse man nur etwas, was von au\u00dfen kommt. Behinderte aber geh\u00f6ren so oder so dazu. Es gilt nur, sie auch an dem gesellschaftlichen Leben einschlie\u00dflich der Entscheidungsprozesse der Politik zu beteiligen.<\/p>\n<p>\u201eInklusion \u2013 Dabei sein!\u201c ist das neue Schlagwort in diesem Zusammenhang und auch Titel des diesj\u00e4hrigen Aktionstages. Die sei auch dringend n\u00f6tig, denn ihn beschleiche regelm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dftes Unbehagen, wenn Politiker den Artikel 27 der UN-Konvention lobten. Radtke w\u00f6rtlich: \u201eWenn die gelesen h\u00e4tten, was da drin steht, w\u00e4ren sie vorsichtiger. Schlie\u00dflich bedeutet es in letzter Konsequenz die totale Umgestaltung des gesamten Systems.\u201c Doch Papier ist geduldig, das wei\u00df auch Peter Radtke. Letztlich gehe es immer darum, wie eine solche Vereinbarung im wahren Leben tats\u00e4chlich umgesetzt wird und da gebe es noch genug zu tun, insofern sei auch dieser Protesttag nach 19 Jahren noch immer n\u00f6tig, auch wenn es damit nicht getan sei.<\/p>\n<p>Protestieren, erg\u00e4nzte Radtke, kommt von dem lateinischen Wort \u201eprotestare\u201c. Es bedeutet \u00fcbersetzt: Zeugnis f\u00fcr etwas ablegen, nicht (an)klagen und lamentieren. Das ist ohnehin nicht die Sache dieses Mannes. Der promovierte Sprachwissenschaftler, der u.a. die Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien (abm) aufgebaut hat und leitet, Mitglied im Nationalen Ethikrat ist und Tr\u00e4ger des Bundesverdienstkreuzes und zahlreicher anderer Preise und Ehrungen, feiert auch als Schauspieler und Autor Erfolge, und das obwohl er seit seiner Geburt an der Glasknochenkrankheit leidet. Insofern hatten seine Worte bei dieser Veranstaltung besondere Authentizit\u00e4t. Sein Aufruf: \u201eWir d\u00fcrfen uns nicht verstecken, wir m\u00fcssen auf die Anderen zugehen und wir m\u00fcssen vor allem untereinander solidarisch sein,\u201c wurde \u2013 untermauert durch das Beispiel seines eigenen Lebens \u2013 zu einer Aufforderung, deren \u00dcberzeugungskraft sich keiner im Saal entziehen konnte.<\/p>\n<p>Entsprechend gro\u00df war dann auch die Beteiligung an der anschlie\u00dfenden Diskussion. Man sp\u00fcrte es f\u00f6rmlich: Dr. Radtke hatte durch seinen Vortrag etwas in den K\u00f6pfen seiner Zuh\u00f6rer ins Rollen gebracht, etwas, das hoffentlich wie ein Schneeball w\u00e4chst und an Gewicht und Umfang gewinnt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag1.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-59215\" title=\"100509_Aktionstag1\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag1-265x198.jpg\" alt=\"100509_Aktionstag1\" width=\"265\" height=\"198\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag1-265x198.jpg 265w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/100509_Aktionstag1.jpg 592w\" sizes=\"(max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><\/a>Die Unterst\u00fctzung der Stadt ist denen, die aktiv werden wollen, jedenfalls sicher. B\u00fcrgermeister Dr. Dippel, der auch Sozialdezernent und Behindertenbeauftragter der Stadt ist, hat schon in den zur\u00fcckliegenden Jahren seit seiner Amtseinf\u00fchrung sein streitbares Eintreten f\u00fcr die Rechte Benachteiligter bewiesen. So wird er auch weiter die zahlreichen Verb\u00e4nde, Vereine und Selbsthilfegruppen unterst\u00fctzen, die sich in Fulda zur \u201eLiga der Freien Wohlfahrtspflege\u201c zusammengeschlossen haben, aber er will auch j\u00fcngere Erfolgsmodelle wie die \u201eBehindertensprechstunde\u201c weiterf\u00fchren und ausbauen. Dabei k\u00f6nnen Betroffenen ihm und seinen Mitarbeitern ganz direkt von ihren Erfahrungen und ihren Schwierigkeiten berichten, so dass gemeinsam nach einer L\u00f6sung gesucht werden kann, denn \u201cnur das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch von Mensch zu Mensch sch\u00e4rft das Gesp\u00fcr f\u00fcreinander.\u201c<\/p>\n<p>Den Abschluss der Veranstaltung bildete die Podiumsdiskussion, die sich verst\u00e4rkt noch einmal dem Themenbereich \u201eMenschen mit Behinderung und Arbeit?!\u201c widmete. Unter der Moderation des Wirtschaftsjournalisten G\u00fcnter Ederer trafen folgende Teilnehmer aufeinander: Christine Kircher vom Selbsthilfeb\u00fcro Osthessen, die noch einmal klar machte, worum genau es in der UN-Konvention zum Thema Menschen mit Behinderung und Arbeit geht, Reiner Kottusch von der Agentur f\u00fcr Arbeit, der als Reha-Berater von der Arbeitsmarktsituation f\u00fcr Menschen in Fulda berichtete, Herr Gr\u00f6ger, der als Betroffener Arbeitnehmer im Antoniusheim seine pers\u00f6nlichen Erfahrungen beisteuerte, Dominique Vilmin von der \u201eCarisma\u201c (WfbM f\u00fcr psychisch kranke Menschen), der auf die besondere Situation psychisch kranker Menschen einging, und Frau Dr. Vogel vom Kreisgesundheitsamt, zust\u00e4ndig f\u00fcr die Koordination der Psychiatrien.<\/p>\n<p>Der Aktionstag Grundgesetz wurde von der Liga der freien Wohlfahrtspflege Fulda und dem B\u00fcndnis \u201eAktion Grundgesetz organisiert und von Christine Kircher von der Selbsthilfe Osthessen moderiert. S\u00e4mtliche Redebeitr\u00e4ge wurden von Werner Althaus vom Caritas Sozialdienst simultan f\u00fcr Geh\u00f6rlose in Geb\u00e4rdensprache \u00fcbersetz. Weitere Informationen zum Aktionstag Grundgesetz und zu den Beteiligten Verb\u00e4nden und Initiativen: <a href=\"http:\/\/www.rcvfulda.caritas.de\/\">http:\/\/www.rcvfulda.caritas.de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Fulda. Seit 19 Jahren wird der \u201eTag des Grundgesetzes\u201c im Mai begangen, ein Feiertag ist er deshalb trotzdem nicht, eher ein Protesttag. 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