{"id":51060,"date":"2010-01-29T10:19:53","date_gmt":"2010-01-29T09:19:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/?p=51060"},"modified":"2010-01-30T10:20:12","modified_gmt":"2010-01-30T09:20:12","slug":"mahnung-gegen-den-antisemitismus-bischof-algermissen-am-holocaust-gedenktag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=51060","title":{"rendered":"Mahnung gegen den Antisemitismus &#8211; Bischof Algermissen am Holocaust-Gedenktag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Essen\/Fulda. <\/strong>Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen rief am Holocaust-Gedenktag, 27. Januar, in Essen zu einer permanenten Aufarbeitung der j\u00fcngsten Vergangenheit auf. In einem Pontifikalamt in der Pax-Christi-Kirche am 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hinterfragte der Oberhirte, wie nachhaltig Deutschland und Europa aus der alle Ma\u00dfen \u00fcbersteigenden Katastrophe gelernt h\u00e4tten. Immer wieder flackere der Antisemitismus auf. Auch in Deutschland werde er deutlich sichtbar. \u201eSo liegt weiterhin ein langer Weg der L\u00e4uterung und der Auseinandersetzung vor uns. Gehen wir ihn miteinander\u201c, forderte der Bischof auf.<!--more--><\/p>\n<p>In seiner Predigt hatte Bischof Algermissen zuvor betont, da\u00df Auschwitz wie kein anderer Ort f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Genozid in der Geschichte der Menschheit stehe, die Vernichtung von rund sechs Millionen Juden. \u201eIn Auschwitz ist unsere Zivilisation in furchtbarer Weise mit dem Abgrund ihrer eigenen M\u00f6glichkeiten konfrontiert worden. Der Schrecken \u00fcber das Ausma\u00df des B\u00f6sen, das dort begangen wurde, h\u00e4lt uns bis heute gefangen. Noch immer haben wir f\u00fcr dieses Verbrechen, das die hebr\u00e4ische Sprache als \u00e2\u20ac\u0161Schoa\u00e2\u20ac\u2122 bezeichnet, kein angemessenes deutsches Wort gefunden.\u201c<\/p>\n<p>Dem bekannten Ausspruch, nach Auschwitz k\u00f6nne es keine Dichtung mehr geben, liege die Erfahrung dieser Unf\u00e4higkeit zugrunde, mit den Mitteln der Sprache das Geschehen von Auschwitz und dessen andauernde Folgen f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen, f\u00fcr Zivilisation und Gesellschaft angemessen zu fassen. Gerade die \u00dcberlebenden selbst aber h\u00e4tten sich immer wieder auf die Suche nach einer Sprache begeben, die diesem Menschheitsverbrechen Ausdruck verleihen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das deutsche Volk habe lange gebraucht, sagte der Bischof, um sich der Verantwortung \u201ef\u00fcr das monstr\u00f6se Verbrechen zu stellen, das von Deutschen und im deutschen Namen begangen wurde\u201c. Bis heute seien Mechanismen der Verdr\u00e4ngung wirksam. Zweifellos sei es richtig, die Vorstellung einer Kollektivschuld abzulehnen. \u201eWahr ist aber auch, da\u00df sich weit mehr Deutsche pers\u00f6nlich schuldig gemacht haben, als ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren. Schuld tragen nicht allein die T\u00e4ter vor Ort und die politische F\u00fchrung. In verschiedenen Graden haben auch die Mitl\u00e4ufer und alle diejenigen, die weggesehen haben, Mitschuld auf sich geladen.\u201c<\/p>\n<p>Den 27. Januar zu begehen, sei f\u00fcr Christen eine Verpflichtung, stellte Algermissen heraus. \u201eWir handeln als solche, die nicht davon lassen k\u00f6nnen, Menschengeschichte immer auch vor das Angesicht Gottes zu stellen in aller Ratlosigkeit und mitunter ohne Antwort.\u201c Vielleicht liege die Hauptaufgabe christlicher Erinnerung darin, die Wunden offen zu halten, nicht zu versuchen, das Unvorstellbare plausibel zu machen, den Abgrund zuzusch\u00fctten.<\/p>\n<p>Es folge daraus, da\u00df christliche Erinnerung letztlich unspektakul\u00e4r Widerstand leiste gegen eine schleichende kulturelle Amnesie, in der es nur noch Siegertypen geben d\u00fcrfe und keine Opfer mehr vorkommen k\u00f6nnten. \u201eWenn namhafte Theologen heutzutage als Charakteristikum unserer Gesellschaft die Gottes-Amnesie, die Gottvergessenheit, ausmachen, bedeutet das nicht auch, da\u00df dort, wo Gott vergessen wird, auch der Mensch, der erniedrigt, entw\u00fcrdigt und entmenschlicht wurde, vergessen ist?\u201c<\/p>\n<p>Ein solches Erinnern aus dem Glauben an einen mitleidenden Gott wisse auch um die dunklen Seiten Gottes, die nicht einfach erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnten. Der Schrei des Gottessohnes am Kreuz \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c sei nicht unmittelbar beantwortet worden. Die Frage des Karfreitags treffe sich mit so vielen Fragen der Menschen in Verzweiflung und Angst.<\/p>\n<p>\u201eSeitdem k\u00f6nnen wir mit unseren furchtbaren offenen Fragen leben \u2013 in der Hoffnung, da\u00df sie im Licht des Ostermorgens beantwortet werden.\u201c Christliches Erinnern lebe letztlich aus der Hoffnung, da\u00df nur Gott selbst die Tr\u00e4nen abwischen k\u00f6nne und da\u00df nur ER selbst am Ende Richter sei. \u201eEs ist jene Hoffnung, die uns hei\u00dft, den Blick auf den Gekreuzigten zu richten \u2013 trotz allem.\u201c<\/p>\n<p>Es stelle sich auch der katholischen Kirche die Frage von Mitverantwortung, so der Bischof weiter. Das Schuldbekenntnis der Kirche, vor aller Welt am 12. M\u00e4rz 2000 von Papst Johannes Paul II. ausgesprochen, enthalte auch das \u201eSchuldbekenntnis im Verh\u00e4ltnis zu Israel\u201c: \u201eLa\u00df die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. La\u00df sie ihre S\u00fcnden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Verhei\u00dfung begangen haben.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seiner anschlie\u00dfenden Pilgerreise nach Israel habe der Papst am 23. M\u00e4rz 2000 in der Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem dieses Bekenntnis vertieft und es dann symbolkr\u00e4ftig an der Klagemauer hinterlegt: \u201eAls Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem j\u00fcdischen Volk, da\u00df die katholische Kirche, motiviert durch das biblische Gesetz der Wahrheit und der Liebe und nicht durch politische \u00dcberlegungen, tiefste Trauer empfindet \u00fcber den Ha\u00df, die Verfolgungen und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen ver\u00fcbt wurden. Die Kirche verurteilt Rassismus in jeder Form als eine Leugnung des Abbildes Gottes in jedem menschlichen Wesen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Symbole der Vers\u00f6hnung von Papst Johannes Paul II. seien zu einer Quelle der Erneuerung geworden. Am 15. Januar 2005 hatte der Papst in seiner Botschaft zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gesagt: \u201eDieser Versuch, ein ganzes Volk planm\u00e4\u00dfig zu vernichten, liegt wie ein Schatten \u00fcber Europa und der ganzen Welt; es ist ein Verbrechen, das f\u00fcr immer die Geschichte der Menschheit befleckt. Heute zumindest und f\u00fcr die Zukunft gelte dies als Mahnung: Man darf nicht nachgeben gegen\u00fcber den Ideologien, die die M\u00f6glichkeit rechtfertigen, die Menschenw\u00fcrde aufgrund der Verschiedenheit von Rasse, Hautfarbe, Sprache oder Religion mit F\u00fc\u00dfen zu treten.\u201c <strong> <\/strong>(bpf)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Essen\/Fulda. Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen rief am Holocaust-Gedenktag, 27. Januar, in Essen zu einer permanenten Aufarbeitung der j\u00fcngsten Vergangenheit auf. In einem Pontifikalamt in der Pax-Christi-Kirche am 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hinterfragte der Oberhirte, wie nachhaltig Deutschland und Europa aus der alle Ma\u00dfen \u00fcbersteigenden Katastrophe gelernt h\u00e4tten. Immer wieder flackere &hellip;<\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,50],"tags":[],"class_list":["post-51060","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-startseite","category-kirche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51060","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51060"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51060\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51102,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51060\/revisions\/51102"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}