{"id":46163,"date":"2009-11-28T05:25:07","date_gmt":"2009-11-28T04:25:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/?p=46163"},"modified":"2009-11-28T08:14:56","modified_gmt":"2009-11-28T07:14:56","slug":"zu-wenig-zeit-zum-trauern-gedanken-von-pfarrer-werner-gutheil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=46163","title":{"rendered":"Zu wenig Zeit zum Trauern &#8211; Gedanken von Pfarrer Werner Gutheil"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hanau. <\/strong>Lesen Sie hier die Gedanken von Pfarrer Werner Gutheil zum Suizid von Robert Enke und zum Thema &#8220;Trauer&#8221;. &#8220;Durch den Suizid eines hoffnungsvollen Fu\u00dfballstars in jungen Jahren, kommt ein Thema an die \u00d6ffentlichkeit, das gerne \u201eTotgeschwiegen\u201c wird. Er sagt in einem Interview, dass er zu wenig um sein Kind getrauert habe. Hier geht es nicht um Anklage: wer hat was Schuld bemacht, sondern darum f\u00fcr die Zukunft etwas aus diesem Schicksal zu lernen. Damit hat der Tod dieses jungen Mannes, die Krankheit und das Sterben seiner Tochter und die Trauer seiner Frau vielleicht einen Sinn&#8230;<!--more--><\/p>\n<p><strong>Trauer braucht Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Zu schnell zum Alltag \u00fcbergehen, als w\u00fcrde einem ein solcher Schicksalsschlag nichts ausmachen, ist fatal. M\u00e4nner sind da gef\u00e4hrdeter als Frauen. Sie sprechen und klagen, sie weinen und suchen ihre Form der Trauer. M\u00e4nner (ohne jetzt von Robert Enke zu sprechen) sind da schneller wieder im Alltagsgesch\u00e4ft, erhalten dadurch ihre Struktur wieder.<\/p>\n<p><strong>Trauer braucht Erlaubnis<\/strong><\/p>\n<p>Das Umfeld ist froh, wenn die Menschen wieder \u201enormal\u201c sind, so als w\u00e4re nichts geschehen. Deshalb ist es wichtig, dass Trauernde die Erlaubnis zur Trauer bekommen. S\u00e4tze wie: jetzt ist aber gut, jetzt muss du wieder zum Alltag \u00fcbergehen, rauben den Trauernden die \u00e4u\u00dfere Freiheit der Trauer einen Ausdruck zu geben, wie Weinen und traurige Gesichter.<\/p>\n<p><strong>Trauer braucht Ermutigung<\/strong><\/p>\n<p>Leider glauben Nichtbetroffenen jungen Eltern sagen zu m\u00fcssen: ihr seit doch noch jung, ihr k\u00f6nnt doch noch ein Kind bekommen. Das ist ein Schlag unter die G\u00fcrtellinie, denn damit wird das geliebte Kind zum reproduzierbaren Objekt, ist ersetzbar. Ist es doch das wichtigste im Leben. Selbst wenn Geschwisterkinder schon vorhanden sind, es ist und bleibt das geliebte Kind. Deshalb die Ermutigung zur Trauer.<\/p>\n<p><strong>Trauer braucht individuelle Anerkennung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs war doch noch nichts\u201c, bekommen Eltern gesagt, deren Kind in der Schwangerschaft verstirbt. Fr\u00fche Fehlgeburten werden mit sp\u00e4ten Todgeburten verglichen. Bei Robert Enke wurde anerkannt, dass seine Tochter \u201eschon einige Zeit gelebt hat, ja um sie k\u00e4mpfte\u201c. Es ist und bleibt das Kind. Frauen bekommen mit der Diagnose der Schwangerschaft einen Mutterpass, sind also M\u00fctter. Wie kann dann ein Kind, das in der Schwangerschaft verstirbt \u201enoch nichts gewesen sein\u201c? M\u00fctter bleiben M\u00fctter und V\u00e4ter bleiben V\u00e4ter. Dies muss anerkannt werden. Selbst wenn 90 j\u00e4hrige M\u00fctter und V\u00e4ter am Grab ihrer Kinder stehen. Es unnat\u00fcrlich, wenn die biologische Reihenfolge umgekehrt wird. Also muss jede Trauer individuelle Anerkennung finden.<\/p>\n<p><strong>Trauer braucht einen Ort<\/strong><\/p>\n<p>Friedh\u00f6fe und Grabst\u00e4tten sind hier wichtig. Robert Enke hat sogar auf eine berufliche Ver\u00e4nderung verzichtet, um diesen Ort zu haben, erreichbar zu haben. Gestaltungsvorschriften \u00fcber H\u00f6he und Breite des Grabsteines, \u00fcber Umrandungen und Spielsachen wollen der Trauer eine Norm geben. Sie braucht aber einen Ort, der so gestaltet wird, wie es die eigenen Trauer zur Bearbeitung verlangt. Kirchen k\u00f6nnten hier auch solche Orte sein, besonders f\u00fcr jene, die keine so kirchlichen Bezug haben.<\/p>\n<p><strong>Trauer braucht ein Grab mit unendlicher Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Warum werden dann Kindergr\u00e4ber mit einer k\u00fcrzeren Belegungszeit auf unseren Friedh\u00f6fen \u201evermietet\u201c. Ich frage mich, ob Robert Enke mit seinen gut 31 Jahren, ein \u201enormales Reihengrab\u201c mit 15 j\u00e4hriger Belegungszeit hat. Dann h\u00e4tte dieser junge Mann zu seinem 50. Geburtstag kein Grab mehr seines Kindes. Fr\u00fcher wurden Kindergr\u00e4ber automatisch solange erhalten, wie die Pflege sichergestellt war. Eine Gesellschaft, die auf die Trauer um ihre Kinder keine R\u00fccksicht mehr nimmt, ist bald am Ende.<\/p>\n<p>Standarts und Geb\u00fchrenordnungen verhindert hier Trauer. In England sind Gr\u00e4ber teilweise ohnehin nur durch einen Grabstein erkennbar. Statt aufwendiger Bepflanzung und Pflege sind es die Grabsteine, die mahnend an den Tod aber auch an der Leben erinnern. Warum eine Zeitbegrenzung von Kindergr\u00e4bern auf unseren Friedh\u00f6fen, wenn wir den Eltern es lieber \u00fcberlassen sollten, wie lange sie ihr Grab pflegen wollen. Der Stein sollte dann als Mahnung erhalten bleiben, solange, bis gar niemand mehr sich darum zu k\u00fcmmern scheint.<\/p>\n<p><strong>Trauer braucht Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Der Tod um Robert Enke zeigt, wie die anderen Katastrophen, dass Trauer doch ein Thema in unserer Gesellschaft ist. Kirchen und Friedh\u00f6fe sind die Orte, die daran erinnern. Und doch scheinen die Menschen mehr zu brauchen: sie brauchen im Moment der Trauer Gemeinschaft und eine Kultur, die ihre Trauer einen Ausdruck gibt. Es ist sch\u00f6n, wenn hohe kirchliche W\u00fcrdentr\u00e4ger sich bei Robert Enke versammelt haben und ermutigende Worte gefunden haben.<\/p>\n<p>Aber wer denkt an den jungen Vater, der seine 38-j\u00e4hrige Ehefrau mit einem 11-j\u00e4hrigen Sohn Beerdigungen muss? Welche \u00f6ffentliche Trauerform haben die Eltern eines 3-j\u00e4hrigen, der durch einen Unfall den Eltern genommen wurde und um den eine ganze Familie trauern. Es sind dann Zuf\u00e4lle, wenn diese eine gute Begleitung und eine hilfreiche Trauerkultur erleben d\u00fcrfen. Hier sind unsere Kirchen gefragt. Hier kann altes und neues aus dem Schatz der reichen Erfahrung der Kirchen geholt werden.<\/p>\n<p>Diese Gedanken wollen nicht in den Chor der \u201eBewertungen und Beurteilungen\u201c schon mal gar nicht Verurteilungen um den Tod von Robert Enke und seiner Depression einsto\u00dfen, sondern wollen den Blick daf\u00fcr \u00f6ffnen, dass ein solcher Tod immer eine Aussage und eine Mahnung f\u00fcr die Hinterbliebenen und Zur\u00fcckgebliebenen sein kann. Diese Gedanken erheben keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, sind ausgel\u00f6st durch die Flut an Bildern und Wort im Fernsehen, Texten in Zeitungen und im Internet und Kommentare und Gedanken im Radio.<\/p>\n<p>Gerne stehe ich f\u00fcr Anregungen und R\u00fcckfragen zur Verf\u00fcgung. M\u00f6chte eigentlich einen Erfahrungsaustausch anregen, weil somit vom Einzelfall etwas f\u00fcr die Allgemeinheit gefunden wird. Sie k\u00f6nnen mir gerne Mailen: Wgutheil@t-online.de Bitte geben Sie ihr Einverst\u00e4ndnis, dass Ihre Mailadresse an eine hoffentlich lange Mailingliste geh\u00e4ngt wird, die positive Gedanken austauschen wollen. Anonyme Mails werden nicht ver\u00f6ffentlicht oder weitergegeben.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne w\u00e4re es, wenn am Ende gute Ideen zusammenkommen, die dann der \u00d6ffentlichkeit vorgetragen werden. Politiker, die f\u00fcr unsere Friedh\u00f6fe Verantwortung tragen, m\u00f6chte ich auf diesem Weg von meinen Gedanken informieren und daraus konkrete Anregungen ableiten.&#8221; (Pfarrer Werner Gutheil)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Hanau. Lesen Sie hier die Gedanken von Pfarrer Werner Gutheil zum Suizid von Robert Enke und zum Thema &#8220;Trauer&#8221;. &#8220;Durch den Suizid eines hoffnungsvollen Fu\u00dfballstars in jungen Jahren, kommt ein Thema an die \u00d6ffentlichkeit, das gerne \u201eTotgeschwiegen\u201c wird. 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