{"id":184903,"date":"2021-03-17T10:46:49","date_gmt":"2021-03-17T09:46:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=184903"},"modified":"2021-03-17T10:48:26","modified_gmt":"2021-03-17T09:48:26","slug":"ein-jahr-corona-folgen-der-pandemie-auf-den-arbeitsmarkt-in-hessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=184903","title":{"rendered":"Ein Jahr Corona &#8211; Folgen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt in Hessen"},"content":{"rendered":"<p>Seit einem Jahr wirkt sich die Corona-Pandemie auf den hessischen Arbeitsmarkt aus. Trotz der stabilisierenden Wirkung der Kurzarbeit kam es innerhalb kurzer Zeit zu einem eindeutigen Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Hessen. Lag die Anzahl der Arbeitslosen 2019 im Jahresdurchschnitt noch bei rund 150.000 Personen, stieg sie 2020 auf 185.000 Personen an.<\/p>\n<p><strong>Der Arbeitsmarkt vor Corona<\/strong><\/p>\n<p>Nach einer langen Phase steigender Arbeitskr\u00e4ftenachfrage und damit niedriger Arbeitslosigkeit (Arbeitslosenquote 2005: 9,7 Prozent; 2019: 4,4 Prozent) stieg die Arbeitslosenquote 2020 auf 5,4 Prozent und somit auf das Niveau von 2016 an.<\/p>\n<p>Dennoch, so Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen, zeichneten sich bei aller Euphorie bereits in den letzten Jahren gro\u00dfe arbeitsmarktpolitische Herausforderungen ab: \u201eDer Arbeitsmarkt vor Corona war durch drei wesentliche Entwicklungen gepr\u00e4gt: Zunehmende, demografisch bedingte Verknappung der verf\u00fcgbaren Arbeitskr\u00e4fte und damit erh\u00f6hter Bedarf an Fachkr\u00e4fteeinwanderung, fortschreitende Digitalisierung sowie ein Strukturwandel in mehreren gro\u00dfen Branchen wie der Automobilindustrie oder der Energieerzeugung. Insbesondere der Fachkr\u00e4fteengpass hatte schon in den letzten Jahren wachstumshemmende Auswirkungen. Gerade im Gesundheitswesen, aber auch im Handwerk wurde das besonders deutlich. Stellenbesetzungen wurden immer schwieriger oder dauerten deutlich l\u00e4nger.\u201c<\/p>\n<p><strong>Der Arbeitsmarkt in der Corona-Pandemie<\/strong><\/p>\n<p>Der hessische Arbeitsmarkt wird seit Fr\u00fchjahr 2020 insbesondere durch eine geringe Einstellungsbereitschaft der Unternehmen gepr\u00e4gt. \u201eW\u00e4hrend m\u00f6gliche Entlassungen in gro\u00dfem Umfang durch Kurzarbeitergeld vermieden werden konnten, ist die R\u00fcckkehr in den Arbeitsmarkt f\u00fcr Arbeitslose deutlich erschwert\u201c, erl\u00e4utert Martin.<\/p>\n<p>Bedenklich ist der hierdurch steigende Anteil an Langzeitarbeitslosen: \u201eWir konnten in den letzten f\u00fcnf Jahren die Zahl der Langzeitarbeitslosen auch aufgrund der guten Aufnahmef\u00e4higkeit des Arbeitsmarktes deutlich reduzieren. Durch Corona wurden wir bei unseren Bem\u00fchungen zur\u00fcckgeworfen. Der Anteil an allen Arbeitslosen in Hessen liegt jetzt bei 33 Prozent. Der Stillstand am Arbeitsmarkt macht den Berufs- und Wiedereinstieg sehr schwer\u201c, so Martin.<\/p>\n<p>Da aktuell weniger Betriebe ausbilden wollen als noch im letzten Jahr, sieht Martin die Gefahr langanhaltender Arbeitslosigkeit bei der Personengruppe der J\u00fcngeren besonders kritisch: \u201eWir sollten alles tun, um eine Generation Corona zu vermeiden. Wir m\u00fcssen Perspektiven er\u00f6ffnen. Angesichts dessen, dass in den n\u00e4chsten Jahren mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden als hinzukommen, k\u00f6nnen wir es uns schlicht nicht leisten, die Zeit ungenutzt zu lassen und junge Menschen auf dem Weg in die Ausbildung zu verlieren\u201c, so Martin. \u201eIch fordere daher dringend alle noch nicht erfassten Bewerberinnen und Bewerber um eine Ausbildungsstelle auf, sich bei der BA registrieren zu lassen. Wir haben noch tausende verf\u00fcgbare Ausbildungsstellen. Aber auch, damit ihnen geholfen werden kann, falls sich eine scheinbar sicher geglaubte Ausbildungsm\u00f6glichkeit letztlich nicht realisiert.&#8221;<\/p>\n<p>Obwohl die Kurzarbeit eine stabilisierende Wirkung auf den hessischen Arbeitsmarkt hat, k\u00f6nnen nicht alle Branchen davon profitieren.<\/p>\n<p>\u201eWir sprechen von einer sektoralen Betroffenheit. In der Corona-Krise leiden besonders das Gastgewerbe, der Tourismus, der Kulturbereich und der Handel. Die Ver\u00e4nderungen in der Industrie und in der Arbeitnehmer\u00fcberlassung haben bereits vorher eingesetzt\u201c, so Martin.<\/p>\n<p>Alle anderen Branchen k\u00f6nnen trotz Krise einen Zuwachs an Besch\u00e4ftigten gegen\u00fcber dem Vorkrisenniveau verzeichnen.<\/p>\n<p>Insgesamt f\u00e4llt der R\u00fcckgang der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung aufgrund dieser anhaltenden Wachstumstendenz in vielen Bereichen mit -0,6 Prozent zum Vorjahr gering aus. Einen starken R\u00fcckgang gibt es allerdings seit 2020 bei den ausschlie\u00dflich geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten. Sie sind oft in den erw\u00e4hnten, von der Krise besonders betroffenen Branchen t\u00e4tig und haben u.a. keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld.<\/p>\n<p><strong>100 Prozent Kurzarbeit gibt es fast nie<\/strong><\/p>\n<p>Im Mai 2020 gab es in Hessen die meisten Kurzarbeiter*innen. In 39.500 Betrieben erhielten rund 472.500 Besch\u00e4ftigte konjunkturelles Kurzarbeitergeld. Danach sanken mit den eintretenden Lockerungen sowohl Anzeigen wie Antr\u00e4ge auf Kurzarbeitergeld wieder. Die meisten Kurzarbeiter*innen gab es im Verarbeitenden Gewerbe, gefolgt von Handel, Logistik und Gastgewerbe.<\/p>\n<p>Kurzarbeit betraf zu 85 Prozent Kleinstbetriebe (bis zu 19 Besch\u00e4ftigte). Der Anteil an Gro\u00dfbetrieben (ab 500 Besch\u00e4ftigte) lag lediglich bei 0,4 Prozent. Sie stellten allerdings die meisten Kurzarbeiter mit 26 Prozent (Kleinstbetriebe: 24 Prozent).<\/p>\n<p>Betrachtet man den Arbeitsausfall im Mai 2020 erkennt man den h\u00f6chsten Wert (42 Prozent) bei einem Ausfall von \u00fcber 25 bis 50 Prozent. Ein Ausfall von 100 Prozent kam kaum vor (0,1 Prozent). Insgesamt lag der durchschnittliche Arbeitsausfall in diesem Monat bei 47 Prozent.<\/p>\n<p>Seit M\u00e4rz 2020 gingen bis heute in Hessen rund 86.850 Anzeigen f\u00fcr fast 1,1 Millionen Personen ein. Im August bezogen fast 260.000 hessische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in rund 22.500 Betrieben konjunkturelles Kurzarbeitergeld. Erste Hochrechnungen weisen einen R\u00fcckgang der Zahlen f\u00fcr die Folgemonate September und Oktober aus, bevor sie zum Monatswechsel Oktober\/November mit dem Lockdown voraussichtlich wieder ansteigen werden. F\u00fcr November geht die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit von rund 24.000 Betrieben und knapp 236.000 Kurzarbeitern in Hessen aus.<\/p>\n<p>Bis einschlie\u00dflich Januar 2021 wurden etwa 2,0 Mrd. Euro konjunkturelles Kurzarbeitergeld inklusive Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge in Hessen ausgezahlt. Zum Vergleich: 2019 waren es lediglich 12 Millionen Euro.<\/p>\n<p><strong>Qualifikation sch\u00fctzt aktuell nicht vor Arbeitslosigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Corona-Krise sind binnen eines Jahres nicht nur Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung arbeitslos geworden (+ 22 Prozent), sondern auch Personen mit Berufsabschluss (+23 Prozent) und akademischer Ausbildung (+34 Prozent).<\/p>\n<p>\u201eCorona macht nicht halt vor einem Berufs- oder Universit\u00e4tsabschluss. Viele Fachkr\u00e4fte, Spezialisten und Experten wurden im letzten Jahr arbeitslos\u201c, fasst Martin zusammen. \u201eDie stockende Arbeitskr\u00e4ftenachfrage trifft aktuell alle Qualifikationsniveaus. Die Abgangschancen aus Arbeitslosigkeit sind in der aktuellen Situation gering. Der Stellenbestand liegt mit einem Minus von 23 Prozent weit hinter den Vorjahresergebnissen zur\u00fcck\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeitswelt nach Corona<\/strong><\/p>\n<p>Die Herausforderungen der Vor-Corona-Zeit werden auch nach Corona bleiben, bilanziert Martin: \u201eDie Brisanz des beschleunigten Strukturwandels hin zu mehr Digitalisierung und Umweltschutz, eine alternde Gesellschaft und zu wenige junge Menschen, die nachr\u00fccken, sowie der Anspruch, ein attraktives Einwanderungsland f\u00fcr Fachkr\u00e4fte zu werden, betrifft letztendlich alle: Politik, Gewerkschaften, Verb\u00e4nde, Beh\u00f6rden oder Unternehmen. Wir alle m\u00fcssen an einem Strang ziehen, damit die hessische Wirtschaft auch in Zukunft funktioniert.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Seit einem Jahr wirkt sich die Corona-Pandemie auf den hessischen Arbeitsmarkt aus. 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