{"id":183454,"date":"2019-11-30T21:48:35","date_gmt":"2019-11-30T20:48:35","guid":{"rendered":"http:\/\/fuldaer-nachrichten.de\/?p=183454"},"modified":"2019-11-30T21:48:35","modified_gmt":"2019-11-30T20:48:35","slug":"gedanken-zur-zeit-zum-leben-und-zum-sterben-palliativteam-beruehrt-mit-lesung-aus-robert-seethalers-roman-das-feld-im-getuerms","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=183454","title":{"rendered":"Gedanken zur Zeit, zum Leben und zum Sterben: Palliativteam ber\u00fchrt mit Lesung aus Robert Seethalers Roman \u201eDas Feld\u201c im Get\u00fcrms"},"content":{"rendered":"<p>Die Stimmung in und um das Get\u00fcrms in Billertshausen war besonders an diesem Freitagabend. Eingeh\u00fcllt in kalten Abendnebel lag das Kirchlein mit seinem Friedhof auf seinem H\u00fcgel, im Inneren war es warm und es duftete nach Punsch und Pl\u00e4tzchen. Vor dem Altar schien ein kleiner Park entstanden zu sein, eine Bank stand da neben einer Birke, auf einem Laubboden, beschienen von einem weichen Licht.<!--more--><\/p>\n<p>Am dieser Szenerie erfreuten sich viele G\u00e4ste, die in den B\u00e4nken und auf der Empore Platz nahmen, um einer Lesung zu lauschen, die wohl nirgends so gut hinpasste wie an diesen Ort: Wenn die Toten auf ihr Leben blicken k\u00f6nnten, wovon w\u00fcrden sie erz\u00e4hlen? Dieser Frage ist der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Robert Seethaler in seinem Roman \u201eDas Feld\u201c nachgegangen, und die Frage \u201eWas bleibt von einem Leben?\u201c passt wohl zu niemandem so gut wie zu Menschen, die andere auf ihrem letzten Weg begleiteten. Das Alsfelder Palliativteam hatte sich diesen Roman zum Abschluss einer kleinen Veranstaltungsreihe f\u00fcr seinen ersten gro\u00dfen Geburtstag ausgesucht. Seit zehn Jahren betreuen f\u00fcnf \u00c4rzte, sechs Pflegekr\u00e4fte und eine Physiotherapeutin \u2013 alle mit einer palliativmedizinischen Weiterbildung \u2013 als Teil des Palliativnetzes Waldhessen die Menschen im westlichen Vogelsbergkreis. Sie stehen unheilbar Kranken bei und sind Ansprechpartner f\u00fcr deren Familien. Der Leiter des Palliativteams Ralf-Michael Wagner freute sich, dass so viele Menschen der Einladung gefolgt waren \u2013 aus Verbundenheit zu der Arbeit seines Teams, aus Interesse an der Veranstaltung. Er nutzte seine Ansprache auch, um sich bei allen Kolleginnen und Kollegin f\u00fcr ihr Tun zu bedanken. Auch der Kirchengemeinde Billertshausen galt sein Dank f\u00fcr die Bereitstellung der Kirche. <\/p>\n<p>Hier nun schritten die Vorlesenden zur Tat. Aegidius Kluth war der erste von ihnen, er f\u00fchrte in die Geschichte ein und stellte einen alten Mann vor, der \u2013 in Gestalt des Vorlesers und Schauspielers Helmut Hampel \u2013 auf der Bank Platz nahm, sich dort seine Einsamkeit vertrieb und glaubte, die Stimmen der Toten zu h\u00f6ren. Er kannte viele der Toten aus Paulstadt, erinnerte sich daran, wie aus einem unbrauchbaren Acker das Totenfeld wurde. Was w\u00fcrden sie wohl erz\u00e4hlen, was w\u00fcrde von ihrem Leben bleiben, fragte er sich. \u201eEr dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann \u00fcber sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte\u201c, hei\u00dft es bei Seethaler, der sodann 29 Verstorbene zu Wort kommen l\u00e4sst, am Ende den Mann vom Anfang selbst.<\/p>\n<p>Im Get\u00fcrms verliehen die Vorlesenden vier von ihnen ihre Stimmen: Ursula Gehrke, Susanne Botthof-Schlitt und Helmut Hampel. Musikalisch eingerahmt wurden die Beitr\u00e4ge von Ulrike Clement am Klavier und Dr. Jochen M\u00fcller an der Gitarre. Die Musiker unterstrichen die R\u00fcckblicke der Toten und trugen auf ganz besondere Weise zu der Stimmung im Get\u00fcrms bei. Die drei Vorlesenden lasen hinter dem Altar sitzend, mit dem R\u00fccken zum Publikum, vielleicht weil der Vorredner, der Mann auf der Bank, die Meinung ge\u00e4u\u00dfert hatte, dass man nur \u201emit dem R\u00fccken zur Welt\u201c ein Gedanke zu Ende denken k\u00f6nne. Aegidius Kluth entz\u00fcndete f\u00fcr jeden Menschen, der nun zu Wort kam, eine Grabeskerze, die erste f\u00fcr Hanna Heim. Im Mittelpunkt ihrer Erinnerungen steht die Liebe zu ihrem Mann, der ihre Hand hielt \u2013 ein ganzes Leben lang und auch in der letzten Stunde. Die zweite Kerze ist f\u00fcr K.P. Lindow. Er l\u00e4sst sein ganzes Leben Revue passieren. Auf f\u00fcnf Seiten. Von der Kindheit \u00fcber die gro\u00dfe Liebe bis zum Tod. Wortkarg, knapp. Man glaubt ihm, dass er am Ende mehr mit Tieren gesprochen haben mochte als mit Menschen. Lakonisch blickt er auf das Alter: Z\u00e4hne fallen aus wie Verr\u00e4ter, den verbleibenden sieben will er Namen geben. Bis der Tod kommt wie ein Wind\u00e2\u20ac\u00a6<\/p>\n<p>Susanne Tessler bekommt die dritte Kerze. Sie verbringt ihre letzten Tage in einem Sanatorium, wo sie die \u201eTeilzeit-Enthusiastin\u201c Henriette kennenlernt, die ihren Nachnamen abgegeben hat und von Gegenst\u00e4nden, die man anh\u00e4uft, vom \u201eGer\u00fcmpel des Lebens\u201c spricht. Tumorpatientinnen sind beide, dem Tod geweiht. Sie sterben kurz hintereinander, die eine wird von der anderen erz\u00e4hlen und bekennen, dass diese kleine alte Frau, die in Wirklichkeit j\u00fcnger war als sie selbst und die sie nur siebenundsechzig Tage kannte, ihre beste Freundin war. Die vorletzte Kerze geht an Hannes Dixon, ein lauter, polternder Mann, der mit der Inschrift auf seinem Grab hadert und die gr\u00f6\u00dften Headlines aus seinem Leben als Lokaljournalist zitiert. Leiser werden seine T\u00f6ne, als er von seiner Kindheit erz\u00e4hlt, gepr\u00e4gt vom sogenannten Heldentod des Vaters und der Liebe seiner Mutter, die er hofft, stolz gemacht zu haben mit seinem Leben und seiner Arbeit. Am Ende seines R\u00fcckblicks steht ein Wunsch: \u201eIch w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte nichts zu bereuen.\u201c<br \/>\nDie letzte Kerze schlie\u00dflich stellte Aegidius Kluth auf die Bank, dorthin wo am Anfang der Mann sa\u00df. Nun ist er selbst gestorben. Sein Name ist Harry Stevens. <\/p>\n<p>Tief ber\u00fchrt waren die G\u00e4ste im Get\u00fcrms vom Inhalt und der Darbietung des Geh\u00f6rten. Die Geschichten regten nat\u00fcrlich zum Nachdenken an, \u00fcber die Menschen in Seethalers Buch genauso wie \u00fcber das eigenen Leben und den Tod. Passend zum Ewigkeitssonntag und passend zum Thema des engagierten Palliativteams, dessen Blick auf das Leben und Tod sicher ein ganz besonderer ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Die Stimmung in und um das Get\u00fcrms in Billertshausen war besonders an diesem Freitagabend. Eingeh\u00fcllt in kalten Abendnebel lag das Kirchlein mit seinem Friedhof auf seinem H\u00fcgel, im Inneren war es warm und es duftete nach Punsch und Pl\u00e4tzchen. 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